Seit den 50er Jahren trägt der Lee Boulevard seinen Namen. Das Bad Nauheimer Parlament hat jetzt über die Sinnhaftigkeit diskutiert.	FOTO: PETRA IHM-FAHLE
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Seit den 50er Jahren trägt der Lee Boulevard seinen Namen. Das Bad Nauheimer Parlament hat jetzt über die Sinnhaftigkeit diskutiert. FOTO: PETRA IHM-FAHLE

Diskussion im Parlament

Streit um Straßennamen in Bad Nauheim

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Der Lee Boulevard ist eine bekannte Straße in Bad Nauheim. Doch darf man eine Straße nach einer historischen Person benennen, die mutmaßlich Sklaven auspeitschen ließ?

Eine ausufernde Debatte um Straßennamen beschäftigte das Bad Nauheimer Stadtparlament am Donnerstagabend in der Frauenwaldhalle in Nieder-Mörlen. Zunächst beantragte Albert Möbs (CDU) für seine Fraktion, die Straßenschilder im Neubaugebiet Hempler in Nieder-Mörlen mit Erklärungen zu versehen. »Bei den meisten Straßen braucht man keine Legendenschilder, sie erklären sich von selbst, beispielsweise die Frankfurter Straße oder Bahnhofsallee«, sagte der Christdemokrat. Anders sehe es mit Namen wie Luise-Frey- oder Lorenz-Dey-Straße aus.

Wie Bürgermeister Klaus Kreß (parteilos) erwiderte, finde er die Idee gut. »Ich habe die Verwaltung bereits beauftragt, das umzusetzen. Stadtarchivarin Brigitte Faatz hat sich profund darum gekümmert. Darüber hinaus habe ich den Fachbereich für Stadtentwicklung gebeten, alle Straßen im gesamten Stadtgebiet auf diesen Punkt zu überprüfen.« Markus Theis (FW/UWG) sah das wie Kreß, weshalb die Freien Wähler ergänzend beantragten, alle relevanten Straßen in Bad Nauheim mit Texten zu den Namensgebern zu versehen. »Zudem sollte man vorhandene Schilder gegebenenfalls säubern oder erneuern lassen«, sagte Theis. Benjamin Pizarro (FDP) erklärte, das unterstützen zu wollen. Er wollte wissen, wie es mit Straßen aussehe, deren Namen in anderen Städten schon mal geändert würden. Wie Pizarro erzählte, wohnt er in der Hindenburgstraße. »Gibt es Möglichkeiten, Legenden auch kritisch zu gestalten?« Bürgermeister Kreß verneinte das, bisher gehe es nicht.

US-Behörden gaben Straße den Namen

Georg Küster (SPD) berichtete aus dem Ortsbeirat der Kernstadt, der sich kürzlich mit dem Anliegen einer US-amerikanischen Bürgerin befasst habe. Sie wolle, dass der Lee Boulevard umbenannt werde, da der Namensgeber eine fragwürdige Position zur Sklaverei gehabt haben soll. Der Ortsbeirat, so Küster, habe hin und her diskutiert und sich schließlich als Kompromiss dafür entschlossen, die Legende abzuhängen. So wisse niemand, auf welchen »Lee« sich das Schild beziehe. Am besten sei es, konstatierte Küster, Straßen nicht nach Personen zu benennen. »Sonst schafft man sich nur Probleme.« Hintergrund: Den Lee Boulevard benannten die amerikanischen Besatzungsbehörden in den 50er Jahren. Eine Umbenennung nahm die Stadt wegen der Kosten und des organisatorischen Aufwands nicht vor, als das Viertel 2010 neu erschlossen wurde.

Debatte überzogen oder gerechtfertigt?

Karl Buxmann (SPD) ist ebenfalls Ortsbeiratsmitglied. »Wir waren unschlüssig, wie wir auf den Antrag der Umbenennung reagieren sollten«, sagte er. Armin Häfner von der AG Geschichte sei anwesend gewesen und habe darauf hingewiesen, dass Lee eine amerikanische Persönlichkeit gewesen sei, die auch viele positive Facetten gehabt habe. »Man sollte nicht gleich den Stab brechen«, appellierte Buxmann. Der Sozialdemokrat sprach von einem schwierigen Problem, »man sollte die Geschichte nicht verdrängen«. Wer den Namen von Personen entferne, sorge für deren Vergessen. Lee habe allein deshalb mit Bad Nauheim zu tun, weil US-amerikanisches Militär in der Stadt war und die Straße so nannte.

Theis warb dafür, sich nicht zu viel bei den Straßennamen zu denken und zu interpretieren. »Das sind nicht die wesentlichen Probleme der Stadt.« Bloß, weil er durch den Lee Boulevard fahre, ehre er nicht General Lee. Mathias Müller (Grüne) sah das anders, eine Straßenbenennung sei eine Ehrung. Nicht ohne Grund gebe es keine Adolf-Hitler-Straßen mehr, »eine Kommune stellt sich zu dieser Person«.

Theis erwiderte: „Es ist ein Unterschied, ob wir über unsere eigene Geschichte reden oder über eine Geschichte, die schon lange weg ist.“ Zu General Lee habe er keinen Bezug – er frage sich, wer all das untersuchen wolle. „Dann wäre es besser, keinerlei Namen mehr zu vergeben, denn jeder hat in seinem Leben etwas getan, auf das er nicht stolz sein kann.“ Es als Geschichtsvergessenheit zu bezeichnen, wenn sich die Stadt nicht zu tief mit einem amerikanischen General auseinandersetze, halte er nicht für angebracht. „Die Amerikaner haben die Straße so genannt.“ Die Deutschen bereinigten ihre eigene Geschichte, könnten dies aber nicht für die ganze Welt tun.

Manfred Jordis (CDU) erinnerte daran, dass es bei dem Antrag um die Legenden gehe und nicht um die Umbenennung von Straßennamen. »Auch bei Persönlichkeiten, die nicht ganz lupenrein sind - gerade dann - sollte man trotzdem eine Legende hinmachen, damit man weiß, wer es war. Sonst könnte es auch Bruce Lee gewesen sein.« Mit großer Mehrheit nahm das Parlament den Ergänzungsantrag der Freien Wähler an.

Robert E. Lee: Der General und die Sklaverei

Der amerikanische General Robert E. Lee (1807-1870) soll eine fragwürdige Position zur Sklaverei eingenommen haben. Laut einem Bericht der »Welt« verhinderte er 1859 einen Sklavenaufstand, dessen Initiator sofort hingerichtet wurde: John Brown, der ein entschiedener Gegner der Sklaverei war. Wie Wikipedia schildert, erbte General Lee im Jahr 1857 63 Sklaven von seinem Schwiegervater, die er vermietete, um die Schulden des Erblassers zu begleichen. Als drei Sklaven 1859 flohen und gefangen wurden, ließ er sie laut zweier anonymer Leserbriefe in der »New York Tribune« auspeitschen und ihre zerfleischten Rücken mit Salzlake einreiben. Ein dritter, ebenfalls anonymer Leserbrief, widersprach dieser Darstellung. Laut »Welt« entließ Lee seine Sklaven 1862 in die Freiheit, wie es das Testament seines Schwiegervaters vorsah.

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