Der Abriss der alten Stoll-Gebäude hat keine Eile: Eine neue Nutzung des Geländes scheint wieder in weite Ferne gerückt. (Foto: nic
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Der Abriss der alten Stoll-Gebäude hat keine Eile: Eine neue Nutzung des Geländes scheint wieder in weite Ferne gerückt. (Foto: nic

Stoll-Gelände: Ratlosigkeit weit verbreitet

Bad Nauheim (bk). Wenn ein Bürgermeister dem potenziellen Investor unseriöses Verhalten vorwirft, ihm bescheinigt, den Mund zu voll genommen zu haben, zeichnet sich das Scheitern der Verhandlungen ab. Ebendiese Worte hat Rathauschef Armin Häuser am Donnerstagabend im Stadtparlament gewählt, als es um die Gespräche mit dem Münchner Unternehmen Gedo in Sachen Fachmarktzentrum auf dem Stoll-Gelände ging.

Alle Redner waren sich in einem Punkt einig: Gedo wird das Großprojekt aller Wahrscheinlichkeit nicht realisieren. Trotzdem lehnte eine deutliche Parlamentsmehrheit den SPD-Antrag ab, die Verhandlungen sofort zu stoppen. Aus "taktischen Gründen", wie CDU-Sprecher Armin Kreuter meinte. Übrigens: Die Fachmarkt-Gegner sollten nicht zu früh frohlocken, denn Kreuter deutete an, dass die Stadt nach wie vor Kontakte zur Firmengruppe Werner (Fulda) hat, die sich vor Jahren ebenfalls als Großmarkt-Bauherr beworben hatte und zunächst auch den Zuschlag erhalten sollte.

Bürgermeister Häuser machte aus seiner Enttäuschung über den Verlauf der Gespräche mit Gedo keinen Hehl. "Das Verfahren ist nicht so gelaufen wie gewünscht." Der Investor habe mehrere Termine abgesagt. Am 6. Februar sei es zu einem Treffen gekommen, am 21. Februar habe die Firma seinen neuen Vorschlag schriftlich präzisiert. Wie die WZ am Mittwoch berichtet hatte, möchte Gedo entgegen früherer Zusagen die mindestens 1,5 Millionen Euro teure Altlasten-Sanierung des Areals nicht mehr bezahlen. Im Gegenzug soll die Stadt für den Kaufpreis von 3 Millionen Euro nicht mehr 3,5, sondern nur 2,9 Hektar Gewerbefläche an die Firma übergeben.

Die restlichen 6000 Quadratmeter könne der Magistrat anderweitig verkaufen. "Wie ich der Geschäftsführung deutlich gemacht habe, ist dieser Vorschlag ein No-Go", betonte Häuser. Er sei kurz davor gewesen, den Gesprächspartnern die Hand zu schütteln und zu sagen: "Das war’s."

"Den Mund zu voll genommen"

Es sei "unseriös", wenn Gedo jetzt als Argument anführe, das benachbarte Kissel-Gelände stehe nicht mehr als Bauplatz zur Verfügung, deshalb stiegen die Kosten für die Entsorgung der kontaminierten Erde. "Das Kissel-Areal wurde vor 15 Monaten an einen anderen Interessenten verkauft. Diese Tatsache ist Gedo längst bekannt, kann jetzt nicht zur Begründung einer veränderten Haltung herangezogen werden." Der Investor habe sich offenbar verkalkuliert. Die Mietpreise für Großmärkte stagnierten, die Baupreise seien gestiegen. Häuser: "Gedo hat den Mund zu voll genommen.

" Das Unternehmen könne das Fachmarkt-Projekt offenbar nicht zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen realisieren. Trotzdem macht es aus Sicht des Rathauschefs keinen Sinn, die Verhandlungen abzubrechen, "solange man keinen anderen Fisch an der Angel hat". Lose Gespräche mit möglichen Interessenten würden geführt.

Häusers Parteifreund Armin Kreuter, stellvertretender Fraktionschef der CDU, schätzt die Lage ähnlich ein. Dem SPD-Antrag zuzustimmen, wäre zum jetzigen Zeitpunkt ein taktischer Fehler. "Ich warne davor, gleich die Nerven zu verlieren, wenn nicht alles glatt läuft", sagte Kreuter. Die Gespräche mit Gedo seien ins Stocken geraten. Glücklicherweise habe sich die CDU schon bei der Auswahl des Investors dafür ausgesprochen, mit dem Bewerber Werner aus Fulda, dem Gedo vor Jahren im letzten Moment vorgezogen worden war, nicht vollständig zu brechen. "Sie ahnen jetzt, warum." Vielleicht habe der Bürgermeister ja noch etwas in der Hinterhand, um das Stoll-Areal doch noch einer vernünftigen Nutzung zuzuführen.

Daran glaubt die Opposition nicht mehr. Als "verdammt heiße Kartoffel" bezeichnete Jürgen Burdak (3 B) das Stoll-Gelände – vor allem wegen der Altlasten. "Da muss eine Menge passieren, damit überhaupt gebaut werden kann." Gedo wolle nicht für die Beseitigung der verseuchten Erde bezahlen, die Stadt könne nicht. Burdak: "Die Positionen sind diametral entgegengesetzt, die Verhandlungen müssen als gescheitert angesehen werden." Auch Manfred Schneider (FDP) glaubt nicht an eine schnelle Ersatzlösung. "Nach jahrelangen Präsentationen, Verhandlungen und dem Bürgerbegehren haben wir jetzt den Salat." Es sei vernünftig, die Gespräche zu stoppen – "aber was dann?" Aus FDP-Sicht gibt es keine Alternative zu Märkten, über Jahre werde sich nichts tun. "Das ist eine Riesenklatsche für die Stadt, die nicht hätte passieren dürfen. Mit Gedo hätte rechtzetig eine Lösung für die Altlasten-Problematik gefunden werden müssen."

Schnell mit der Firmengruppe Werner sprechen, um festzustellen, ob dieser Investor noch Interesse hat – das schlug Gottfried Krüger (UWG) vor. Diese Firma habe einst zugesichert, das gesamte Gelände auf seine Kosten von Gift-Altlasten zu befreien.

SPD-Sprecher Johannes Krautwurst erntete Gelächter für den Vorschlag, auf dem Gelände an der Schwalheimer Straße Wohnraum zu bauen. Damit könne ein Erlös von 10 Millionen und ein Gewinn von 2 Millionen Euro erzielt werden. Es sei klar, dass die Stadt die Entseuchung übernehmen müsse. Sonst sei ein Verkauf nicht möglich.

SPD: Schnell umschwenken

Der Magistrat ist Krautwurst zufolge auch bei diesem Projekt planlos vorgegangen, habe dem Parlament wichtige Informationen wie das neue Altlasten-Gutachten vorenthalten. Das neue Gedo-Angebot sei schon deshalb uninteressant, weil die 6000 Quadratmeter Fläche, welche die Stadt behalten soll, nur über ein anderes Privatgrundstück zugänglich sei. Jetzt helfe nur noch schnelles Umschwenken auf ein neues Konzept. Zudem müsse ein Nachtragsetat auf den Weg gebracht werden, weil der Verkaufserlös von 3 Millionen Euro nicht mehr zu erzielen sei.

Der SPD-Antrag, die Gespräche zu beenden, wurde mit 22 Nein-Stimmen abgelehnt. Nur sieben Parlamentarier votierten dafür.

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