Essen oder zahlen? Für das Finanzamt ein klarer Fall: Die Steuervorauszahlung muss sein, Nahrungsaufnahme nicht unbedingt. FOTOS: PV
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Essen oder zahlen? Für das Finanzamt ein klarer Fall: Die Steuervorauszahlung muss sein, Nahrungsaufnahme nicht unbedingt. FOTOS: PV

Tragikomischer Dialog

Die Steuerzahlerin und der Stoiker vom Finanzamt

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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In Zeiten von Corona und Kurzarbeit herrscht Ebbe in manchen Geldbörsen. Das Finanzamt kann das nicht erschüttern, die Behörde beharrt auf ihren Forderungen - Pandemie hin oder her.

Die Witwe aus Bad Nauheim, nennen wir sie Sandra Notgroschen, ist in ihrem Bekanntenkreis nicht eben für ihr Geschick im Umgang mit Geld bekannt. Mit der kleinen Hinterbliebenenrente und eigenem Gehalt kommt sie aber immer irgendwie klar. Doch plötzlich war alles anders: erst Corona, dann Kurzarbeit - zu schlechter Letzt das Finanzamt in Person von Herrn Klopp (Name geändert).

Die Bad Nauheimerin sieht es zwar nicht ein, aber sie ist vom Finanzamt bereits vor geraumer Zeit zu einer Steuervorauszahlung von 1000 Euro im Jahr verdonnert worden. Alle drei Monate sind 250 Euro zu überweisen. "Im September war mein Konto platt. Kurzarbeitergeld und so. Am 15. waren 250 Fiskuskröten fällig, Die hatte ich aber nicht und beschloss, dass Vorauszahlungen möglicherweise auch nachgezahlt werden können", schildert Sandra Notgroschen ihre angespannte Haushaltslage. Von der war dem Finanzamt in Friedberg bis dahin nichts bekannt, prompt ging eine Mahnung bei der säumigen Steuerzahlerin ein.

Prompte Antwort - einfach sagenhaft

Ihre an einem Wochenende hoffnungsfroh formulierte Mail, mit der sie den zuständigen Herrn Klopp von einer Zahlung Anfang 2021 zu überzeugen suchte, löste eine prompte Reaktion aus. Anruf bereits am Montagmorgen - sagenhaft. Weniger überraschend die Auskunft des steuergesetzlichen Paragrafenreiters: Die Vorauszahlung ist pünktlich zu überweisen.

Die Witwe ist nicht eben auf den Mund gefallen, wie sie im weiteren Verlauf des Gesprächs beweist. Sie schildert dem Mann vom Finanzamt eingehend die dramatischen Folgen, die eine Aufrechterhaltung der Forderung haben könnte. Jemand anderem wären Tränen in die Augen geschossen, doch an Herrn Klopp prallt das Flehen ab wie ein guter Stürmer am italienischen Abwehrblock.

Den an sich schon herzerweichenden Satz, sie könne dann keine Lebensmittel mehr kaufen, nimmt der Finanzbeamte schweigend zur Kenntnis, gibt aber auf Nachfrage immerhin kund, noch nicht aufgelegt zu haben. Die klamme Witwe legt nach: "Ach, wissen Sie was, bevor das Finanzamt wegen mir pleitegeht, werde ich anschaffen gehen. Ach, nee, das geht ja auch nicht wegen Corona. Bank überfallen?" Stoiker Klopp rät nicht ab, wird angesichts solcher Vorschläge auch nicht ungehalten, sagt angesichts seiner überlegenen Position einfach gar nichts. Es bleibt aber dabei: Bis zum 15. muss das Geld auf dem staatlichen Konto sein.

Ungehalten wird nun seine Gesprächspartnerin. "Ich habe das Geld aber NICHT." Die Großbuchstaben zeigen unerhoffte Wirkung, wenn auch nur kosmetische. Der Hüter der Steuergroschen erklärt sich großzügig bereit, auf die Mahngebühr von 2 Euro zu verzichten, nicht aber auf die 250 Euro zum festgelegten Termin.

Nun steuert die pekuniäre Konversation auf ihren Höhepunkt zu. Nachdem die erregte Sandra Notgroschen versichert hat, auf die 2 Euro zu pfeifen, und weiter ihr Zahlungsunvermögen untermauert, kündigt Herr Klopp ganz trocken den dann fälligen Pfändungsbescheid an. Jetzt hat er die Kontrahentin fast am Boden. "Kann ich auch ersatzweise in den Knast gehen?", lautet ihr Friedensangebot. Antwort des coolen Klopp: "Ja … Sie müssen aber trotzdem zahlen."

Einspruch gegen Gebührenerlass

Keine Sorge, die Bad Nauheimerin ist nach wie vor in Freiheit. Nachdem sie das Gespräch hat Revue passieren lassen, kommt sie zu einem wahrhaft objektiven Urteil: "Der gute Herr Klopp ist unglaublich - gelassen, stoisch, gleichbleibend unbeeindruckt und wirklich sehr nett."

Übrigens ist der Verzicht auf den Säumniszuschlag von 2 Euro inzwischen schriftlich bestätigt worden. Sandra Notgroschen wird Einspruch einlegen. Sie schämt sich nämlich fast schon angesichts der Großzügigkeit des zuständigen Sachbearbeiters. Schließlich hat der in dieses Schreiben viel Geld in Form von Arbeitszeit, Papier, Druckerschwärze und Porto investiert. Auf die 2 Euro wird er deshalb nicht wirklich verzichten können.

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