Im Konzertsaal des Kurhauses, dem heutigen Jugendstiltheater, kam es am 20. September 1920 zur ersten allgemeinen Versammlung des Wissenschaftler-Kongresses. FOTOS: STADTARCHIV; NICI MERZ
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Im Konzertsaal des Kurhauses, dem heutigen Jugendstiltheater, kam es am 20. September 1920 zur ersten allgemeinen Versammlung des Wissenschaftler-Kongresses. FOTOS: STADTARCHIV; NICI MERZ

Stelldichein der Nobelpreisträger

Bad Nauheim. Am 20. September 1920 stehen beim ersten allgemeinen Treffen der Tagungsteilnehmer im Konzerthaus des damaligen Kurhauses - heute Jugendstiltheater - Begrüßungsreden von Präsident Prof. Friedrich von Müller, Geheimrat Prof. Dr. Isidor Groedel und Dr. Reinhard Strecker auf dem Programm. Dem Vorstand der Gesellschaft der Deutschen Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) für 1920 gehörten aus Bad Nauheim Prof. Isidor Groedel, Prof. Dr. Arthur Weber und Dr. Carl Zimmer (ELS) an, dem erweiterten Vorstand unter anderem Dr. Franz Groedel, Bürgermeister Dr. G. Kayser und Kurdirektor Freiherr Bruno von Boehmer.

Neben den renommierten Wissenschaftlern zählten aus der Kurstadt auch Franz Groedel, Arthur Weber, Alfred Martin, Siegfried Lilienstein und Richard Lurz zu den Referenten. Unter den Teilnehmern aus 30 Forschungsgebieten befanden sich mindestens 17 deutsche Naturwissenschaftler, die entweder schon den Nobelpreis erhalten hatten oder später damit ausgezeichnet wurden: Philipp Lenard (1905, Physik), Wilhelm Ostwald (1909, Chemie), Max von Laue (1914, Physik), Fritz Haber (1918, Chemie), Max Planck (1918 Physik), Walter Nernst (1920, Physik), Albert Einstein (1921, Physik), James Franck (1925 Physik), Gustav Hertz (1925 Physik), Hans Fischer (1930, Chemie), Carl Bosch (1931, Chemie), Peter Debye (1936, Physik), Otto Stern (1943, Physik), Otto Hahn (1944, Chemie), Wolfgang Pauli (1945, Physik), Otto Diels (1950, Chemie) und Max Born (1954, Physik).

Relativitätstheorie wichtigstes Thema

Anwesend waren bei der Tagung außerdem zahlreiche berühmte Persönlichkeiten wie Walter von Dyck, Ferdinand Sauerbruch, Arnold Sommerfeld sowie die Wissenschaftlerinnen Emmy Noether und Lise Meitner, um nur einige zu nennen.

Neben den Vortragsthemen der Tagung und ihren Rednern sind es die Quartiere in der Meldeliste, welche die großen Wissenschaftler in Bad Nauheim lebendig werden lassen. So waren Albert Einstein, Max Born und Peter Debye für die Villa Carola gemeldet, Philipp Lenard in Hupfelds Privat-Hotel, Max Planck, Carl Bosch, Otto Diels und Fritz Haber im Carlton Palast Hotel.

Die Auflistung der inländischen Elite und der Vorträge in den Tageblättern belegt deutlich, welch herausragende Stellung die deutsche Naturwissenschaft damals in der Welt innehatte. Zahlreiche naturwissenschaftliche und medizinische Themen wurden in etwa 300 Vorträgen besprochen.

Herausragendes Thema war wohl die in der Presse mit "Gekrümmter Raum und verbogene Zeit" betitelte Diskussion um Einsteins Relativitätstheorie. Albert Einstein, einer der berühmtesten Physiker, schuf mit seiner Theorie ein neues Weltbild von Raum und Zeit. 1905 hatte er bereits die spezielle Relativitätstheorie veröffentlicht und 1915/16 seine allgemeine Relativitätstheorie vorgestellt. Unzählige Publikationen beschäftigen sich mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die die Welt veränderten. Auch der Bad Nauheimer Gymnasiallehrer und Physiker Ludwig Hardt widmete dem Streitgespräch zwischen Einstein und Lenard 1998 einen bemerkenswerten Vortrag unter dem Titel "Hahnenkampf über Relativität".

Den einheimischen Protagonisten oblag die Erstellung der begleitenden Tageblätter. Erst im Jahr 2000 wurden sie im Archiv des Staatsbades wiederentdeckt. Das ermöglichte es den Autorinnen dieses Textes, ein bis dahin unbekanntes, fast lückenloses Bild des Kongresses zu zeichnen.

Spanische Grippe spielt keine Rolle

In Corona-Zeiten ist es im Rückblick erstaunlich, dass 1920 die Spanische Grippe, die im Ausgang des Ersten Weltkriegs und Jahre danach die Welt in Atem hielt und unzählige Opfer forderte, noch kein Tagungsthema war. Allerdings ist diese große Pandemie erst in den 30er Jahren wissenschaftlich erkannt und aufgearbeitet worden. 1920 waren eher Syphilis und Malaria die großen Infektionsthemen, deren Problematik in einzelnen Vorträgen eher am Rande Erwähnung findet.

Bedeutende Schwerpunkte in der Diskussion dieser Jahre waren nach dem Kriegsende eher die Ernährungslage des deutschen Volkes und neue Wege der Lebensmittelchemie. Was auf dieser Tagung der ältesten und größten interdisziplinären Wissenschaftsvereinigung in Deutschland an Kenntnissen ausgetauscht und verbreitet wurde, machte Bad Nauheim vom 19. bis 24. September 1920 zur Wissenschaftsbörse für Deutschland und darüber hinaus.

Brigitte Faatz/Brigitta Gebauer

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