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Der Karbener Jevgeni Sarmont zeigt im Workshop in Bad Nauheim sein Können mit Mimik und Gestik, vermittelt den Teilnehmern aber vor allen Dingen, wie wichtig Konzentration und Beobachtung sind. (Foto: Nici Merz)

Schauspiel

Starker Blick nach Hollywood

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Millionengagen und Glamour – das ist Schauspielerei. Könnte man meinen, wenn man nach Hollywood schaut. Doch alles fängt mit Beobachtung an. Das verrät Jewgeni Sarmont in Bad Nauheim.

Herr Sarmont, kommt man leichter durchs Leben, wenn man gut schauspielern kann?

Jevgeni Sarmont: Beobachten und sich konzentrieren, das kann im Beruf hilfreich sein. Beobachten kann auch helfen, aus einem depressiven Zustand herauszukommen. Wir konzentrieren uns zu sehr auf uns selbst, davon können wir mithilfe der Schauspielerei ein Stück weit wegkommen. Wir brauchen die Kraft, weiterzuschauen. Unsere Gesellschaft ist sehr geschlossen.

Sie haben den Beruf erwählt. Bringt einem das Schauspielhandwerk auch etwas, wenn man in einem Vorstellungsgespräch sitzt?

Sarmont: Viele Leute trauen sich dann nicht, etwas zu sagen. Sie denken nur daran, wie sie sein sollten, und vergessen, wer sie sind. Schauspieltechnik kann helfen, den unruhigen Zustand zu überwinden. Die Augen können meistens nicht lügen, weil die Augen der Spiegel der Seele sind. Wir wollen einen guten Eindruck machen, aber die meisten Chefs haben keine Zeit und keine Lust.

Wie meinen Sie das?

Sarmont: Ein Chef hat mich mal gefragt, ob ich ihm nicht einfach zeigen könne, wie er die Leute manipulieren könne. Ich habe ihm dann geantwortet, dass das Beobachten wichtiger sei, um seine Mitarbeiter besser zu verstehen. Manchmal ist es wichtig, einen Schritt zur Seite zu gehen, um mit Abstand mehr zu erreichen. Wie ich schon sagte: Schauspieltechnik kann im Leben helfen.

Haben Sie ein Beispiel?

Sarmont: Eine junge Mitarbeiterin einer Werbeagentur sollte sich mit einem Kunden treffen. Der Chef der Werbeagentur, ein ehemaliger Schauspieler, wusste, dass sich der Kunde Jüngeren gegenüber hochnäsig verhielt. Er bat seine Mitarbeiterin, sich so anzuziehen, dass sie fünf Jahre älter aussah. Sie trug ein graues Kostüm, Brille und bemühte sich, nicht zu viel zu lächeln. Die Werbeagentur bekam den Zuschlag. Es ist wichtig, kreativ zu sein und unkonventionell zu denken.

Nutzt mir das Schauspielen auch privat?

Sarmont: Ich finde ja. Nicht zu 100 Prozent, wie ich es auf der Bühne tue, aber ich kann mich auf diese Weise eher auf die Ebene eines anderen begeben.

Was ist eigentlich schwieriger: Eine lustige Rolle oder eine ernste oder gar brutale zu spielen?

Sarmont: Für mich ist ein brutaler Mensch schwer zu spielen, aber ich denke, für jeden ist es interessant, etwas Neues zu probieren. Ich möchte gerne einen guten Menschen spielen, aber das ist auch der leichtere Weg. Wichtig ist es, bei einem Bösen immer herauszufinden, wo er gut ist – und umgekehrt. Der Mensch ist ganz unterschiedlich, das ist interessant zu beobachten.

Und wie schwer ist es, jemanden zum Lachen zu bringen?

Sarmont: Das ist das Schwierigste. Es gibt ein Talent von Gott oder von Mama und Papa – ich weiß nicht. Wir können aber auch probieren, etwas in uns zu entwickeln. Die Mimik ist nicht alles, aber sie ist ein Schritt. Besser man probiert es, als dass man nichts macht.

Welche sind Ihre Lieblingsschauspieler?

Sarmont: Al Pacino und Dustin Hoffmann.

Warum?

Sarmont: Ich bin klein, und sie sind auch klein, und sie haben trotzdem etwas geschafft. Nehmen wir Al Pacino in "Der Pate". Da muss er jemanden umbringen. Ein Klassiker. Er macht gar nichts. Mit den Augen lebt er alles, was in ihm vorgeht. Nur mit den Augen – wow. Oder Dustin Hoffmann in "Rain Man". Al Pacino ist übrigens für eine Rolle als Blinder ein halbes Jahr lang mit Blindenstock durch New York gelaufen.

Haben Sie sich auch schon mal ähnlich intensiv auf eine Rolle vorbereitet?

Sarmont: Ja, in einem Theaterstück nach John Steinbecks "Von Mäusen und Menschen" sollte ich einen Stallburschen spielen. Also habe ich in der Nähe von Moskau in einem Pferdestall gearbeitet, Und in einem Film habe ich mal einen Polizeiarzt gespielt. Vorher habe ich mehrere Wochen lang mit der Kriminalpolizei in Moskau gearbeitet, habe zum Beispiel gesehen, was es bedeutet, wenn ein Mensch von sieben Kugeln getroffen worden ist.

Ist es ein schönes Gefühl, in Rollen zu schlüpfen?

Sarmont: Ich probiere immer, auf der Bühne zu spielen und im Leben zu leben. Es gibt viele Schauspieler, die auch im Leben schauspielern. Aber das Leben ist das Leben, und die Bühne ist die Bühne. Es gab allerdings einmal eine Situation, als ich nach Deutschland kam und auf dem Ordnungsamt war. Die Frau dort wollte nicht höflich sein, da spielte ich den etwas Wütenden (schlägt auf den Tisch). Das mache ich nicht gerne, aber manchmal hilft es – leider. Ich kann nicht sagen, dass das Schauspielern im Leben immer hilft, aber man kann es wenigstens probieren.

Fällt es manchmal schwer, eine Rolle loszulassen?

Sarmont: Nach dem Theaterstück kannst du dieses Stück nicht sofort verlassen. Ich versuche dann, mich abzulenken. Aber ein Arzt kann bestimmt auch nicht immer abschalten.

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