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Geschichte zum Anfassen: Dr. Hans Günther Horn präsentiert den Stammbaum der Familie. (Foto: nic)

Stammbaum von Familie Horn: Soldaten, Söder und ein Säufer

Bad Nauheim (chh). Barack Obama ist ein Cousin von Winston Churchill. George Clooney soll ein Nachfahre Abraham Lincolns sein. Solch illustre Vorfahren kann Dr. Hans Günther Horn nicht vorweisen. Dafür kann er seine Linie bis ins Jahr 1624 zurückverfolgen. Sein Stammbaum ist zugleich Chronik seiner Heimat Bad Nauheim.

Frühling 1628: In Nauheim tobt der Dreißigjährige Krieg. Plünderungen, Mord und Folter gehören zur Tagesordnung, die Pest tut ihr übriges. In all dieses Leid wird am 27. April der kleine Christophel Horn hineingeboren. In größter Not lassen ihn seine Eltern taufen, damit er als Protestant aufwachsen kann. Gerade noch rechtzeitig: Wenig später fallen die Reiter des Grafen von Tilly in Nauheim ein. Tilly ist nicht nur oberster Heerführer des kaiserlichen Aufgebots, sondern auch der Katholischen Liga. Doch der Segen wird den Jungen nicht retten. Am 3. April 1633 stirbt er. Christophel war der Sohn von Georg Horn. Und der wiederum ist der Urururururururururgroßvater von Dr. Hans Günther Horn.

Bei gutem Wind ist das Wahrzeichen der Familie schon von weitem zu sehen. Im Garten weht eine Fahne mit dem Familienwappen, Blashorn, Salzkristall, Zange und Nägel sind darauf zu sehen, alles Verweise auf die Familiengeschichte. Hans Günther Horn und seine Ehefrau Rosemarie öffnen die Tür und führen ins Wohnzimmer. Auch hier hängt das Wappen. Doch Horn geht es dabei nicht um überbordenen Stolz.

Es ist vielmehr die Lust an der Vergangenheit, die ihn antreibt. Sie hat sogar dazu geführt, dass sich der 69-Jährige drei Mal die Woche in die Hörsäle der Goethe-Universität setzt und zusammen mit seinen 20-jährigen Kommilitonen den Geschichtsprofessoren lauscht.

Wahrscheinlich könnte er die Vorlesungen selber leiten – zumindest, wenn sie Bad Nauheim zum Thema hätten. Die Geschichte seiner Familie dürfte einer der am besten dokumentierten der ganzen Stadt sein. Der Ursprung der Ahnenforschung geht jedoch auf eine dunkle Zeit zurück: "Mein Vater wollte während des Dritten Reichs in den Staatsdienst. Dafür musste er nachweisen, dass es drei Generationen zuvor keinen Juden in der Familie gab." Dass der Stammbaum weitergeführt wurde, hat er einem Patienten zu verdanken. Nach dem Abitur hatte Horn in Erlangen, Wien und Heidelberg studiert, bevor er 1973 nach Berlin ging, um eine Facharztausbildung zu absolvieren. Fünf Jahre später kehrte er wieder nach Bad Nauheim zurück. "Die Kerckhoffklinik war das einzige Krankenhaus in Deutschland, das eine Facharztausbildung für Kardiologie anbot.

" Einige Jahre später gründete er seine kardiologische Praxis, damals die einzige zwischen Frankfurt und Gießen. Und hier lernte er Kajo Jores kennen.

"Er war einer meiner ersten Patienten. Plötzlich fragte er mich, ob ich wisse, dass es einen Stammbaum über meine Familie gebe." Der Mediziner wusste nichts davon, Jores dafür um so mehr. Er hatte den alten Stammbaum von Horns Vater aufgetrieben. Er fragte ihn, ob er den Stammbaum weiterführen wolle. "Ich habe abgelehnt, mir fehlte die Zeit dazu." "Kein Problem", erwiderte Joris, "ich mach’ das schon."

Arbeiter nach Amerika verkauft

Der Bad Nauheimer stürzte sich daraufhin in die Kirchenbücher. Er schaffte es, die Geschichte der Familie bis auf den 29. Juni 1624 zurückzuverfolgen. "An diesem Tag haben Georg Horn, der Schmied und Unterschultheiß war, und Elisabeth Hofmann geheiratet", sagt Horn. Jores hat aber nicht nur Daten wie Geburts-, Hochzeits- und Todestag erfasst, sondern auch die jeweiligen Berufe. Neben Schreinern und Schmieden finden sich auch Postboten, Söder, Kurhausaufseher, Schuhmacher und Unterbürgermeister unter den Vorfahren.

An einigen Stellen ist der weit verzweigte Stammbaum mit Anekdoten angereichert. Zum Beispiel über Nicolaus Horn, ein Enkel von Georg Horn.

Es war im Winter 1729, als sich der Schreiner Nikolaus Horn im Ober-Mörler Gasthaus "Zum Stern" das ein oder andere Bier genehmigte. Vermutlich das ein oder andere zu viel: "Er war so betrunken, dass er auf dem Nachhauseweg stürzte und in seinen eigenen Meißel fiel", sagt Horn mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Im Kirchenbuch Ober-Mörlen ist der 7. Dezember als Todestag eingetragen. Nicolaus Horn hat seinen Namenstag wohl ein bisschen zu eifrig begossen.

Doch nicht nur in Bad Nauheim haben die Horns Spuren hinterlassen. "Um die 1720er und 1760er Jahre hat der Kurfürst von Kassel Arbeiter nach Amerika verkauft. Sie sollten im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer kämpfen. Darunter waren auch Vorfahren von mir", erzählt Horn.

Frauen nicht weiterverfolgt

Es sind Anekdoten wie diese, die aus Namen und Daten Geschichten werden lassen. Geschichten, die Horn bewahren will. Als die Ahnenforschung Mitte der 1980er Jahre auf den aktuellen Stand gebracht war – inzwischen waren auch die beiden Söhne Horns im Stammbaum verzeichnet –, machte sich der 69-Jährige mit Hilfe von Freunden daran, die Familiengeschichte auch für kommende Generationen zu bewahren. Klaus Ritt und sein Vater, ein angesehener Heraldiker, erneuerten das Wappen, der Friedberger Architekt Michael Frielinghaus machte aus dem mit Bleistift gezeichneten Stammbaum eine 1,5 mal 2 Meter große Grafik, und die Möbelschreinerei Metzger und Schlecht aus Münzenberg zimmerte den passenden Rahmen. Seitdem hängt die Geschichte der Horns im Keller an der Wand. Mit einer kleinen Aktualisierung. "2011 ist mein Enkel Maximilian auf die Welt gekommen", sagt der Opa und zeigt auf den neuesten Eintrag auf der Tafel. Aus Sicht der Ahnenforschung ein Glücksfall, dass Horns Schwiegertochter einen Jungen gebar. Denn seit 1624 sind stets die männlichen Linien der Familie verfolgt worden, mit der Hochzeit enden die Geschichten der weiblichen Nachkommen.

Und so besteht die Chance, dass dem Stammbaum der Horns noch viele weitere Äste wachsen – zumindest, wenn der kleine Maximilian in seinem späteren Leben für ausreichend männliche Nachkommen sorgt.

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