Kein Auto in Sicht? Dann schnell rüber! Die Schüler der Wettertalschule in Rödgen müssen beim Überqueren der dortigen Hauptstraße gut aufpassen. Die Stadt lässt nun eine Bedarfsampel aufstellen. Sie bremst Raser aus. FOTOS: JÜRGEN WAGNER
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Kein Auto in Sicht? Dann schnell rüber! Die Schüler der Wettertalschule in Rödgen müssen beim Überqueren der dortigen Hauptstraße gut aufpassen. Die Stadt lässt nun eine Bedarfsampel aufstellen. Sie bremst Raser aus. FOTOS: JÜRGEN WAGNER

Schulwegsicherheit in Bad Nauheim-Rödgen

Stadt bremst Raser aus: Fußgängerampel wird aufgestellt

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Seit jahren fordern die Eltern der Grundschulkinder von Rödgen eine sichere Überquerung der Ortsdurchfahrt. Die WZ ist mit den Kindern zur Schule gelaufen und hatte eine freudige Nachricht dabei.

Es ist 7.30 Uhr in der Frühe, zwei Grad kalt. Die Kinder sind gut eingepackt, der Fußmarsch vom Bad Nauheimer Goldstein zur Grundschule in Rödgen kann beginnen. "Zu Fuß ist eh viel gesünder für die Welt", weiß ein Mädchen. Und für die Sicherheit des Schulweg wird auch bald gesorgt. Die Stadt stellt in der Rödger Hauptstraße eine Ampel auf. "Juchhu!" jubeln die Kinder. "Endlich", sagt Sinan Can.

Die Aktion war anders geplant. Zwei Eishockeyspieler des EC Bad Nauheim sollten am Donnerstagmorgen vor der bunt bemalten Stützmauer in der Rödger Hauptstraße als Schülerlotsen aufzutreten. Ein Vater aus dem Goldsteinviertel, der den EC sponsert, hatte den Kontakt vermittelt. Eltern und Kinder wollten mit der Aktion auf ein seit Jahren bestehendes Sicherheitsproblem hinweisen. Am Mittwochabend kam die Absage der EC-Spieler. Die Corona-Pandemie machte der Aktion einen Strich durch die Rechnung.

"Wir gewinnen eh immer gegen den EC", sagt Jakob. Der Grundschüler spielt Roll-Hockey bei den Patriots in Assenheim und hat ein ambitioniertes Berufsziel: "Profi in der NHL", der nordamerikanischen Eishockey-Liga. Ida zieht es mehr zur Schauspielerei. "Ich bin schon in einer Theater-AG." Hoffnungsvolle Talente also, die sich da frühmorgens mit dem Ranzen auf dem Rücken auf den Weg zur Schule machen. "Die frische Luft tut gut", weiß Jakob. Er ist neulich bei 17 Grad in den Pool gestiegen. Das härtet ab. Ein Mädchen ergänzt: "Nur die Autos rasen so. Selbst wenn man ihnen winkt."

Die Gefahr kommt aus Wisselsheim

Genau das ist das Problem, sagt Sinan Can. Der 39-jährige Kaufmann im Weinhandel hat vor zwei Jahren mit seiner Frau ein Haus im Goldsteinviertel gebaut. Die Tochter (ausgestattet mit EC-Mundschutz) geht in die Grundschule nach Rödgen, wie viele Kinder des Viertels. Seit Jahren gibt es Ärger um den Schulweg. Knackpunkt ist die Überquerung der Rödgener Hauptstraße kurz vor dem Ortsausgang. "Die von Wisselsheim kommenden Autos halten sich nicht ans Tempolimit", sagt Can. Die Eltern der Erstklässler haben sich abgesprochen, an jedem Tag der Woche begleitet ein anderer Vater oder eine Mutter die Kinder.

Die Eltern gehen seit Jahren auf die Barrikaden. 2015 gab es Protest wegen des schmutzigen und unbeleuchteten Fußgängertunnels, der unter der B 3 hindurchführt. Die Stadt ließ die Beleuchtung erneuern. 2016 wurde erneut über den Schulweg aus dem Goldsteinviertel diskutiert. Zu gefährlich, hieß es. Besonders das letzte Stück.

Wir laufen vom Fußgängertunnel runter zum Sportplatz. Tau glitzert auf den Wiesen, die letzten Nebelschwaden verziehen sich. "Wenn wir ankommen, sind wir total wach", sagt ein Junge. Die gut 25 Minuten Fußweg (auf dem Rückweg, ohne Kinder, schaffen wir den Weg trotz Steigung in 12 Minuten) tun allen gut.

Bis wir an die Brückenstraße kommen, wo die ersten Autos vorbeirasen. "Siehste!", sagt ein Mädchen. Bis zur Kurve, wo die Brückenstraße zur Rödgener Hauptstraße wird, sind es nur ein paar Meter. Laut Schulwegeplan sollen die Kinder die Straße direkt vor der Kurve über eine Mittelinsel überqueren, um dann auf der rechten Fahrbahnseite auf dem Fußweg zur Wettertalschule zu gehen. "Das macht keiner", sagt Can. "Viel zu gefährlich." Im nächsten Augenblick düst ein weißer Kleinlaster um die Ecke. "Der hatte weiter oben am Ortseingang mindestens 70 Sachen drauf", erzählt ein Vater, der uns entgegenkommt. "Ich habe ihm angedeutet, er solle langsamer fahren." Darauf habe ihm der Autofahrer den "Scheibenwischer" gezeigt. Erst rasen und dann auch noch frech werden. Kein gutes Vorbild für Kinder. "Die Autofahrer denken nur: Ich will schnell, schnell zur Arbeit", sagt ein Mädchen.

Kreß: Bedarfsampel wird aufgestellt

In Höhe der Bushaltestelle hält die Gruppe an. Sinan Can und eine weitere Mutter, die mit Kindern zur Schule läuft, halten Ausschau. Als kein Auto kommt, geht’s über die Straße und den Berg hoch zur Wettertalschule. Alle Kinder sind heil angekommen, der Unterricht kann beginnen.

Bald können die Kinder alleine zur Schule laufen. Bürgermeister Klaus Kreß sagte der WZ, der Regionale Verkehrsdienst der Polizei bleibe zwar bei seiner Ablehnung einer Ampel in der Rödger Hauptstraße. "Allerdings hat dies empfehlenden Charakter." Soll heißen: Die Stadt setzt sich darüber hinweg, lässt eine Bedarfsampel installieren. Kreß: "Die Ausschreibung ist erfolgt, das Geld steht im Haushalt zur Verfügung. Dann ist das Thema endlich erledigt."

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