Sprudelhof: Pfauenpaar entzückt Denkmalschützer

Bad Nauheim (pm). Von einem Pfauenpärchen angetan sind Denkmalschützer und Baufachleute, die seit knapp zwei Jahren in den beiden Kopfgebäuden des Sprudelhofs mit Sanierungsarbeiten beschäftigt sind. Entdeckt wurden Vögel unter dem Putz oberhalb der Treppe, welche die beiden Etagen der ehemaligen Kurdirektor-Wohnung im nördlichen Bau miteinander verbindet.

"Erst dachten wir, es handle sich um ein Blumenmotiv", berichtet Kurt Schmitt. Er ist beim Hessischen Baumanagement als Projektleiter für den Sprudelhof tätig und trifft sich in dieser Funktion seit eineinhalb Jahren mit Stiftungsvorstand Frank Thielmann sowie den Experten aus Landesdenkmalamt und Wetterauer Denkmalschutzbehörde alle zwei Wochen zur Baubesprechung.

In der Tat könnte man die grünfarbigen Räder der Pfauen für sich genommen als Blüten interpretieren. Sehr schnell stellte sich bei der weiteren Untersuchung der Wand allerdings heraus, dass unterhalb der "Blüten" die Pfauenkörper saßen. "Es war eine riesige Überraschung, denn an dieser Stelle hatten wir überhaupt nicht mit Wandmalereien gerechnet", sagt Dr. Katharina Benak, im Landesamt für Denkmalpflege zuständig für den Sprudelhof. Das zunächst entdeckte Pärchen füllt die Fläche zwischen Fensterrahmen und Seitenwand. Inzwischen weiß man, dass sich ein ganzes Fries aus Pfauenpärchen rund um die drei Wände des Treppenhauses windet, die zur holzgetäfelten Seite mit dem Eingang zu den Wohnräumen führen.

Fortführung unter Putz

In aufwendiger Kleinarbeit wurde das eine derzeit sichtbare Pärchen inzwischen restauriert. "Sehen Sie, wie die Pfauen farblich genau auf das Fenster abgestimmt sind?", schwärmt Kreisdenkmalschützerin Corina Sauerwein. Nach der Entdeckung der Wandmalerei dauerte es, wie Kurt Schmitt betont, "nur etwa drei Wochen, bis wir nach Abwägung aller Gesichtspunkte entschieden hatten, wie wir damit umgehen".

Freigelegt und restauriert werden soll demgemäß auch das auf der anderen Seite des Fensters befindliche Pfauenpärchen. Die Fortführung des Frieses an den beiden Seitenwänden wird aus Kostengründen nicht sichtbar gemacht, aber unter dem Putz erhalten. "Man könnte die Restaurierung also jederzeit nachholen", erläutert Stiftungsvorstand Thielmann. Noch in zwei weiteren Badehäusern – den aus der Spätphase des Jugendstils stammenden Häusern 2 und 7 – findet sich das Pfauenmotiv im Sprudelhof.

Begeistert von dem Fund ist auch Jugendstilexpertin Christina Uslular-Thiele: "Die Pfauen sind wunderschön. Sie gehören zum Charakteristischsten, was die Kuranlage an frühem Jugendstil zu bieten hat." Die Darmstädter Kunsthistorikerin verweist darauf, dass Pfauen als Dekormotiv bereits im späten Historismus sowie im englischen Ästhetizismus der 1880- und 1890er Jahre als symbolhaftes Motiv für schmuckhafte Kostbarkeit, exotische Seltenheit und künstlich wirkende Natur sehr beliebt waren.

Uslular-Thiele: "Dies wurde von den Jugendstilkünstlern in Deutschland aufgegriffen und weitergeführt – auch, weil das Erscheinungsbild von Pfauenvögeln dem modernen Form- und Farbgefühl um 1900 entsprach: Körper und Schwanz als Wechsel von an- und abschwellenden Rundungen und Linien, dazu blau-grün oder violett-grüne Farbkontraste, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Wohnbereich und in der Mode noch als geschmacklos gegolten hatten und nun nicht nur modern waren, sondern auch von Betrachtern mit traditioneller Wahrnehmung als provokant empfunden wurden.

" Aus Sicht der Expertin war es folgerichtig, die Pfauenbemalung an einem seinerzeit nicht öffentlich zugänglichen Ort, sondern innerhalb der Kurdirektor-Wohnung anzubringen: "Hier konnte spielerischer mit Dekorationselementen umgegangen werden."

Aufgebracht wurden die Pfauen ursprünglich mit Hilfe von Schablonen – eine Technik, die damals weit verbreitet war und auch weniger begüterten Hausbesitzern das Anbringen von Schmuckfriesen in ihren Treppenhäusern und Wohnräumen ermöglichte. Von diesen vor über hundert Jahren sehr beliebten schablonierten Schmuckfriesen sind nur wenige bis heute erhalten geblieben – auch das macht den Überraschungsfund zu etwas ganz Besonderem. Und: In ihrer äußerst verknappten und vereinfachten Form seien die nun entdeckten Pfauen "auch heute von beeindruckender Modernität und Eleganz", so das Fazit der Expertin.

"Gehen behutsam vor"

Für Dr. Katharina Benak, Corina Sauerwein, Kurt Schmitt und ihre Mitstreiter sind die Pfauen ebenfalls ein "Highlight" ihrer bisherigen Tätigkeit im Sprudelhof – auch wenn die Entscheidungsabläufe denen in weniger spektakulären Fällen gleichen. "Jede Wand, jeder Fußboden, jedes Fenster, jedes Geländer wird im Vorfeld der Sanierung genauestens auf ursprüngliche Beschaffenheit und Farbgebung untersucht", erklärt Benak. "Wir gehen behutsam vor, Schritt für Schritt", ergänzt Thielmann. Ein Aufwand, der sich lohnt, wie das Beispiel der Pfauen zeigt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare