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Bundestagsabgeordnete aus Bad Nauheim: Sorge um Familie und Freunde

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Von: Bernd Klühs

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Setzen mit ihren Redebeiträgen im Stadtparlament ein Zeichen: die Bad Nauheimer Bundestagsabgeordneten Natalie Pawlik (SPD ) und Peter Heidt (FDP). © Red

Erstaunen, Entsetzen, Ergriffenheit: Das Bad Nauheimer Parlament hat auf den Überfall Russlands auf die Ukraine reagiert. Dabei wurde die persönliche Betroffenheit einiger Stadtverordneter deutlich.

Bad Nauheim – Es war für Natalie Pawlik nicht leicht, in der Debatte am Donnerstagabend in der Trinkkuranlage zu sprechen. Das war ihr anzusehen und anzuhören. Auf Initiative von Peter Heidt (FDP) - wie seine SPD-Kollegin Pawlik gehört er auch dem Bundestag an - verabschiedete das Stadtparlament per Dringlichkeitsantrag einstimmig eine Art Resolution, in der Putins Russland zum Ende der militärischen Aktionen und zum Rückzug aufgefordert wird.

»Es fällt mir unheimlich schwer, hier das Wort zu ergreifen«, leitete die sichtlich aufgewühlte Pawlik ihren Redebeitrag ein. Sie ist von dem Krieg, den Russland seit Donnerstag gegen sein Nachbarland führt, mehrfach persönlich betroffen. »Ich wurde in Russland geboren, Teile meiner Familie leben noch dort«, berichtete die SPD-Politikerin. Zum Beispiel ein Cousin, der jetzt möglicherweise zum Kriegsdienst eingezogen werde. Andererseits hat die Bundestagsabgeordnete, die im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern aus Wostok (Sibirien) als Spätaussiedlerin nach Bad Nauheim kam, aber auch einige Bekannte und Freunde in der Ukraine.

Bad Nauheim: Bundestagsabgeordnete Natalie Pawlik warnt vor „Sippenhaft“

Sie appellierte an die Bevölkerung, zwischen der russischen Regierung und der Bevölkerung zu unterscheiden. »Die vielen russischstämmigen Auswanderer in Bad Nauheim, die teilweise von der Desinformationskampagne Putins beeinflusst sind, dürfen nicht in Sippenhaft genommen werden.«

Wie Pawlik selbst sind Hunderte anderer Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in die Kurstadt gekommen. Viele stammen aus dem heutigen russischen Staatsgebiet. Laut Ausländerbeirat gibt es aber auch rund 130 Bürger, die ihre Wurzeln in der Ukraine haben. »Konflikte in den beiden Communities könnten entstehen«, warnte die Sozialdemokratin. Sie verurteilte den »sinnlosen Angriff« und hofft auf einen schnellen Rückzug, um möglichst viele Leben zu retten. »Ich hätte nie gedacht, dass die Diplomatie scheitert«, bekannte Pawlik.

Stadt Bad Nauheim erwartet Flüchtlinge aus der Ukraine

Seit 5 Uhr morgens, als er zufällig einen Blick auf sein Smartphone geworfen hatte, verfolgte Peter Heidt am Donnerstag die Berichterstattung über die Militäraktion. Er sprach in der Trinkkuranlage von einer »Zeitenwende«, vergleichbar vielleicht mit dem terroristischen Anschlag auf die USA am 11. September 2001. »Wir können nur erahnen, was Krieg bedeutet. Ich kenne ihn nur aus Erzählungen meines Großvaters. Die Zivilbevölkerung leidet immer am meisten«, sagte der FDP-Politiker. Die Stadtverordneten müssten ein Zeichen der Solidarität mit der Ukraine setzen.

Heidt erwartet direkte Auswirkungen der Krise auf Bad Nauheim. »Ich kenne jemand, der aus der Ukraine stammt und sofort zur polnischen Ostgrenze aufgebrochen ist, um dort Bekannte und Verwandte abzuholen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind.« Vermutlich werde es zu Millionen von Flüchtlingen aus der Ukraine kommen. Heidt: »Sie werden auch in Bad Nauheim landen und stranden.«

Stadtverwaltung und Gesellschaft müssten für eine vernünftige Einquartierung und Betreuung sorgen. »Die Unterbringung wird zu Einschränkungen führen. Das kann weit über die Belegung einer Turnhalle hinausgehen.« Um Freiheit und Demokratie in Europa zu erhalten, um Putins Russland in die Schranken zu weisen, müsse die Gesellschaft solche Einschnitte und auch wirtschaftliche Einbußen hinnehmen. (Bernd Klühs)

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