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Das Vibrafon wird mit Schlägeln auf abgestimmten Metallplatten gespielt. Am oberen Ende der senkrechten Resonanzröhren vibrieren runde, elektrisch angetriebene Plättchen. Oli Bott spielt es mit leidenschaftlicher Perfektion. Anna Carewe am Cello ist beim Kammerkonzert in der Trinkkuranlage die perfekte Partnerin.

Sie überwinden Grenzen

  • VonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Mit Cello und Vibrafon auf einer Zeitreise zwischen alter bis neuer Musik mit Ausflügen zu Jazz und Improvisationen? Das lockte nach langer Entbehrung wieder viele Kammermusikfreunde in den Saal der Trinkkuranlage. Es war eine äußerst spannende Erfahrung, was Anna Carewe, Cello, und Oli Bott, Vibrafon, unter dem Titel »Trance & Rhythm« hören ließen.

Renaissanceweisen, Zeitgenössisches, Musik von Erik Satie, György Ligeti und Antônio Carlos Jobim, Bach, Vivaldi, Traditionals und einen Freedom Jazz Dance, den »Libertango« von Astor Piazzolla und Kurt-Weill-Kompositionen im einem Programm zusammenzuspannen, scheint ein gewagtes Unterfangen. Noch überraschender aber ist, wenn man das alles in Musikblöcken geradezu miteinander verwebt. Dabei ist das Zusammenspiel von Cello und Vibrafon nicht gerade alltäglich.

Zunächst klangen die nahtlosen Übergänge etwas befremdlich, weil man nicht genau wusste, in welchem Stück man sich befand. Aber das Ohr passte sich schnell an die neue Hörweise an. Rhythmus und Kraft bestimmten oft den Klang, dann wieder zarte Töne, Meditatives, immer im Dialog der beiden Instrumente. Wer trägt wen über das Notenmeer, konnte man sich fragen, wenn das Cello dunkel und energisch die Führung und Oli Bott, auf jede Nuance seiner Partnerin achtend, die Improvisation auf dem Vibrafon übernahm. Leichtigkeit einerseits, Schwere anderseits in einem rumänischen Volkslied. Bei dem Stück Quavers 3 des Zeitgenossen Howard Skempton, das ausschließlich aus Viertelnoten besteht, bildeten winzige Schläge einen zarten Klangteppich, auf dem das Cello tanzen konnte.

Improvisation sei Olis Stärke, sagte Carewe, und man wusste wirklich nicht, was bei ihm durchkomponiert und was aus der Situation entstand. Es imponierte, wenn er die Schlägel rasend schnell über die Metallplatten jagte, oder auch, wenn er einzelne Töne so anschlug, dass sich den Zuhörenden ein Klanggeheimnis offenbarte. Immer hatte man das Gefühl, dass sich beide Instrumente umarmten, ohne sich zu erdrücken.

Für die Engländerin Anna Carewe ist die künstlerische Vielfalt wichtig. Modern Musik interessiert sie, sie gastiert aber auch als Barockcellistin. Seit einigen Jahren ist sie mit dem Sheridan Ensemble unterwegs, das sich durch seine innovativen Programme auszeichnet. In Berlin gründete sie erst vor Kurzem das Festival »Wer hat Angst vor Anton Webern?« »Anna kommt von der Klassik her und hat ein großes Herz für den Jazz, ich komme vom Jazz mit einem Herz für Klassik«, verdeutlichte Bott die leidenschaftliche Verschmelzung der Genre in ihrem Programm.

Sein Instrument ist seit rund 100 Jahren fest im Jazz verankert. Oli Bott ist einer der angesagtesten Vibrafonisten in Deutschland und auf nahezu jedem wichtigen Jazzfest vertreten. Die Leidenschaft merkte man in Stücken von Cole Porter oder Duke Ellington und vor allem in seiner Eigenkomposition »Ellington« als Hommage an den Duke. Auch Kurt Weill hat Klassik mit Jazz verbunden. Hingebungsvoll, versunken, innig, staunend oder entfesselt, so konnte man das Duo beobachten und wurde mitgerissen in den Strudel von »Trance & Rhythm«.

Seit 13 Jahren spielen sie zusammen. Ihr erstes Stück war eine Recercada des Renaissancekomponisten Diego Ortiz, das seitdem immer den Schluss eines Konzerts bildet. Die durch langen Applaus erwirkte Zugabe, die bekannte »Air« von Johann Sebastian Bach, hingebungsvoll gespielt, bewegte das Publikum noch lange.

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