"Sie haben alles versucht dazuzugehören"

Karben (aho). "Assimilation" ist ein schwieriges Wort in diesen Tagen. Bedeutet es Selbstaufgabe und Preisgabe der eigenen (kulturellen) Identität? Der Nauheimer Heimatforscher Stephan Kolb skizzierte am Donnerstagabend im evangelischen Gemeindehaus Rendel den Mitgliedern der "Initiative Stolpersteine" die Geschichte der Jahrhunderte dauernden jüdischen Anpassung in Deutschland und deren Scheitern durch den bereits vorhandenen Antisemitismus und den aufkommenden Nationalsozialismus.

Mit Unterbrechung durch das "finstere Mittelalter" seien Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands seit dem achten Jahrhundert nachgewiesen, so Kolb. Dabei bildete sich ein städtisches (liberales) wie ländliches (orthodoxes) Judentum heraus, die sich voneinander unterschieden. Durch die grassierende Pest im 14. Jahrhundert sei ein Anti-Judaismus (Beschuldigung: "Brunnenvergifter") zu verzeichnen, da die jüdische Bevölkerung durch eigene strenge Hygienevorschriften und Rituale, weniger davon betroffen gewesen sei.

Über Jahrhunderte seien Juden von bestimmten Berufen ausgeschlossen gewesen. Erst im Zuge der Juden-Emanzipation im 19. Jahrhundert sei ihnen jeder Beruf zugänglich geworden. Und ab 1871, also mit der Reichsgründung seien alle Juden im Deutschen Reich formal gleichberechtigt gewesen. Was einen gesellschaftlichen Aufstieg und Ehen zwischen Juden und Nichtjuden bedeutete. 650 000 Juden lebten im 19. Jahrhundert in Deutschland. Diese Zahl sei im 20. Jahrhundert, lange vor der NS-Zeit, durch Auswanderung und Religionsüber- oder Austritte auf 550 000 Juden zurückgegangen – mit einem überproportionalen Akademiker-Anteil bei den städtischen Juden im Kaiserreich und der Weimarer Republik, sagte Kolb. Mit dem sozialen Aufstieg der jüdischen Bevölkerung sei auch eine antisemitische Bewegung einhergegangen. Mit der Säkularisierung seien Juden nicht mehr wegen ihrer religiösen Identität verfolgt worden, "sondern wegen ihrer angeblichen ›Rasse‹". Die wirtschaftliche Blüte in den Großstädten sei von jüdischen Industriegründern mitgetragen worden. Als Beispiele nannte er die Marken AEG und Mercedes. Ebenso wie jüdische Bankiers die Dresdner und die Deutsche Bank gründeten. Während des Ersten Weltkriegs, dem vorläufigen Höhepunkt der jüdischen Emanzipationsbewegung, verschwanden antisemitische Klischees kurzzeitig. Damals dienten von 550 000 jüdischen Deutschen rund 100 000 Männer, von denen 12 000 fielen. Daher habe die jüdische Bevölkerung gehofft, endlich akzeptiert zu sein. "Aber die oberste Heeresleitung versuchte schon 1917, durch Judenzählungen eine geringere Beteiligung der Juden am Krieg herunterzuspielen", so Kolb.

Kurz nach dem Krieg kam der Antisemitismus wieder auf. Dabei hatten nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches jüdische Intellektuelle – meist in der "linken Bewegung" – am demokratischen Aufbau mitgearbeitet, berichtete Kolb. Beispielsweise habe Hugo Preuß, ein Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, die Weimarer Verfassung maßgeblich mitverfasst. In den Städten gab es interreligiöse Verbindungen: Thomas Mann, Berthold Brecht, Hermann Hessse, Hans Albers, Robert Musil, Heinz Rühmann und Paul Hindemith waren mit Jüdinnen verheiratet. Viele von ihnen flohen vor dem Nationalsozialismus.

Bei dem jüdischstämmigen Hugo von Hofmannsthal fuhren die Nationalsozialisten zweigleisig führte Kolb an: Während man in Salzburg Hofmannsthals "Jedermann" aufführte, wurde die längst "erzkatholische" Familie mittels der rassistischen Abstammungslehre ab 1938 enteignet. Die Lage der heutigen "ausländischen" Bevölkerung und der jüdischen in der Weimarer Republik sei nicht vergleichbar, fand Kolb. Seit dem 18. Jahrhundert seien Juden wie Heine oder Börne auch Träger der deutschen Kultur und Sprache geworden, führte er an. Aus zeitlichen Gründen habe sich die türkische Bevölkerung, die erst seit wenigen Generationen in Deutschland lebt, nicht so einbringen können, wie die Jüdische damals: "Die hatte Jahrhunderte Zeit". "Die jüdische Bevölkerung hat große Anstrengungen zur Assimilation unternommen, bis hin zur Selbstaufgabe", ergänzte Hartmut Polzer, Sprecher der Stolperstein-Initiative. Er nannte Namensangleichungen und Religionsübertritte. "Sie haben alles versucht dazuzugehören, haben in Synagogen Weihnachtslieder gesungen, und die Rabbiner trugen ähnliche Talare wie katholische Geistliche. Aber es hat ihnen nichts geholfen."

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