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Schwimmmeister-Mangel: Kein Nachwuchs am Beckenrand

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Von: Christoph Agel

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Daumen hoch für eine tolle Freibadsaison 2019: Noch herrscht im Wasser unter Sascha Rieck und auf den Sprungtürmen gähnende Leere. Das wird sich ab heute ändern, denn im Usa-Wellenbad wird das Freibad eröffnet.
Daumen hoch für eine tolle Freibadsaison 2019: Noch herrscht im Wasser unter Sascha Rieck und auf den Sprungtürmen gähnende Leere. Das wird sich ab heute ändern, denn im Usa-Wellenbad wird das Freibad eröffnet. © Nici Merz

Sascha Rieck arbeitet als Schwimmmeister im Usa-Wellenbad. Er spricht über fehlende Nachwuchskräfte, penetrante Gäste, eine gerissene Badehose und den Scannerblick.

Was ist schwieriger für einen Schwimmmeister? Den Überblick behalten, wenn 5000 Menschen im Freibad herumwuseln? Oder nicht einnicken, wenn zwei Badegäste im Hallenbad ihre Bahnen ziehen? Beides nicht so einfach, denn ein Schwimmmeister - oder Bademeister, wie man landläufig sagt - muss immer 100 Prozent bei der Sache sein. Vielleicht ist es die große Verantwortung, die so manchen vor dieser Laufbahn zurückschrecken lässt, vermutet Sascha Rieck.

Im 21. Jahr arbeitet er nun im Bad Nauheimer Usa-Wellenbad. Gemeinsam mit fünf Fachangestellten, einem Azubi und externen Kräften kümmert er sich um die Sicherheit in und an den Becken - und um vieles andere. Gerne würde Rieck zum 1. September einen weiteren Azubi einstellen, aber es findet sich keiner. Neben der großen Verantwortung könnte es auch daran liegen, dass eine völlig falsche Vorstellung von diesem Job kursiert. Von wegen: Der schaut halt einfach nur aufs Wasser. Seien vor zehn Jahren auf eine offene Stelle zehn bis 15 Bewerber gekommen, so könne man sich heutzutage freuen, wenn sich überhaupt jemand melde, beklagt Rieck. Kein Einzelfall, fehlen doch in Hessen laut Landesverband Deutscher Schwimmmeister 400 Menschen, die diesen Job machen wollen und können.

Am heutigen Samstag beginnt die Freibad-Saison, und wenn der Sommer in etwa so wird wie der vergangene, dann dürften es alles in allem wieder um die 350 000 Besucher im Jahr werden. »Hier trifft man auf jede Art von Charakter«, sagt Rieck. Deswegen seien Selbstbewusstsein und ein sicheres Auftreten wichtig, fügt der 39-Jährige hinzu und ist damit auch bei einer Sache, die sich massiv geändert hat: Früher sei der Schwimmmeister eine Respektsperson gewesen, heute hingegen würden es einige Menschen nicht akzeptieren, wenn er oder seine Mitarbeiter sie zurechtwiesen. Uneinsichtigkeit, Beleidigungen und Bedrohungen statt Respekt, damit sei der Schwimmmeister von heute konfrontiert. Auch Eltern stünden schnell auf der Matte, würden keine Kritik am eigenen Kind zulassen.

Wenn es ganz ungemütlich wird, muss Rieck schonmal ein Hausverbot aussprechen. Gründe dafür können sexuelle Belästigung, mutwillige Zerstörung oder Diebstahl sein. Auch nicht angenehm sind Leute, die um sich treten, weil sie denken, die Bahn gehöre ihnen. Da müssen Schwimmmeister und Team wachsam sein. Das gilt gerade dann, wenn es um den Schutz der Kleinsten geht: Etwa wenn sich ein Mann - ohne eigenes Kind - ins Kinderbecken legt. Auch die Reinigungskräfte würden aufpassen, lobt Rieck, sie hätten etwa ein besonderes Gespür dafür, wenn sich jemand ständig angezogen in der Nähe der Umkleiden aufhalte.

Aufmerksamkeit ist also das A und O. Das gilt im Besonderen beim Blick auf die Becken »Sie scannen die Wasseroberfläche, zählen die Leute«, sagt Rieck. »Und Sie blenden Dinge aus.« Der Badenixe hinterher zu schauen, würde Rieck nicht in den Sinn kommen, ist er doch zu sehr auf seine Aufgaben fokussiert.

Passieren kann immer was, sagt der Schwimmmeister, und erzählt von Schnittverletzungen am Fuß, Wespenstichen im Freibad, Beulen, die entstehen, wenn zwei Köpfe beim Rückenschwimmen kollidieren, und von der Arschbombe, die eine zerrissene Badehose und einen verfärbten Hintern zur Folge hatte. Ganz zu schweigen vom Herzinfarkt mit Reanimation - auch das gab es schon im Usa-Wellenbad. »Auf einmal müssen Sie von 0 auf 100 umschalten«, sagt Rieck.

Zum Job des Schwimmmeisters gehört noch viel mehr: Wasserproben nehmen, Reinigungsarbeiten erledigen, den Hubboden einstellen, Mängel beheben. Und doch ist das wichtigste wohl der Scanner-Blick, der gerade in der nun beginnenden Freibad-Saison im Usa-Wellenbad gefragt ist. Draußen sei es nicht so ruhig und übersichtlich wie im Hallenbad, sagt Rieck - und meint den Grund zu kennen: »Ich glaube es ist dieses Feeling von Urlaub, Ferien, Hitze - von morgens bis abends im Schwimmbad sein.« Kein Wunder, dass Sascha Rieck gerne noch einen mehr im Team hätte, der Leute scannt, gut schwimmen kann und ein dickes Fell hat.

Die Ausblidung

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe. Obendrauf kann man den geprüften Meister für Bäderbetriebe satteln, also den Schwimmmeister machen. Dafür muss man nochmal in Vollzeit ein halbes Jahr einplanen. Wer sich bewirbt, sollte Grundkenntnisse im Schwimmen haben, sagt Rieck. Es sei aber nicht nötig, alle Stile perfekt zu beherrschen. Einige der Themen, die in der Ausbildung eine Rolle spielen: Erste Hilfe, Technik, Fitness, Desinfektion, Animation, Wasseraufbereitung, Filtration, Wartungsarbeiten. Das Usa-Wellenbad ist Ausbildungsbetrieb für Fachangestellte für Bäderbetriebe. Sämtliche Azubis in Hessen, die diesen Weg einschlagen, besuchen außerdem die Friedberger Johann-Philipp-Reis-Schule. Zur Abschlussprüfung gehört unter anderem, einer Schulklasse Schwimmunterricht zu geben. Wer später im Usa-Wellenbad arbeiten möchte, kann das gut gebrauchen, da dort Schüler aus dem gesamten Wetteraukreis Schwimmunterrricht bekommen.

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