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Schmerz und Wut am Kindergrab

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Von: Hanna von Prosch

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Es ist für alle Besucher unverständlich, warum von Gräbern immer wieder etwas gestohlen wird. Oft auch hier von den Kindergräbern auf dem Friedhof in Bad Nauheim. © Hanna von Prosch

Gesa Knollmann hält oft inne am Grab ihres toten Babys. Doch schon zwei Mal wurden auf dem Bad Nauheimer Friedhof Figuren und Pflanzen entwendet, was die Mutter traurig stimmt.

Es ist ein kalter, nebliger Novembertag, als mich Gesa Knollmann zum Grab ihres Babys auf dem Bad Nauheimer Kernstadtfriedhof führt. Am 21. Oktober 2020 brachte sie es tot zur Welt. Das kleine Wesen richtig beerdigen zu können, war ihr und ihrem Mann wichtig gewesen. Es ist ein gepflegtes Grab mit bunt bemalten Steinen und grünen Pflanzen. Aber schon zweimal wurde hier etwas gestohlen.

Gesa Knollmann ist oft hier. Es ist für sie ein wichtiger Ort, zum Innehalten und zum Kontakt aufnehmen mit diesem Lebewesen, das sie nur einige Monate begleiten durfte. Mit dem Begräbnis und den Aufenthalten am Grab hat sie auch ihre Trauer bewältigt. Die Mutter von drei Kindern (7, 5 und ein Baby) kann mit ihrer Familie wieder glücklich sein. Doch jetzt geht es ihr nahe, während sie erzählt, was mit dem kleinen Grab geschehen ist.

»Wir hatten dieses Jahr zu Ostern eine schöne Figur, Mutter und Kind, auf die Grabplatte gestellt. Als ich am Ostermontag kam, war die Figur weg. Ich war ich völlig perplex und habe mich umgeschaut, ob sie vom Wind umgefallen war oder woanders stand. Aber nichts.« Wer nimmt von einem Kindergrab oder überhaupt von Gräbern etwas weg?« Die junge Frau ist fassungslos.

Wie ein persönlicher Angriff

Sie meldet sich beim Friedhofsamt und erhält die lapidare Antwort, das sei ein häufiges Problem, da könne man nichts machen. Sie erstattet bei der Polizei Anzeige wegen Diebstahl gegen Unbekannt. »Ich bin mir sicher, das verläuft im Sande, die Angelegenheit ist viel zu klein. Mir geht es auch nicht um mich persönlich, mir geht es ums Prinzip«, sagt sie.

Und dann, am 20. Oktober 2022, ein Tag vor dem Jahrestag: »Ich wollte alles schön machen, da sehe ich, dass eine Pflanze, eine dicke Sukkulente, aus der Pflanzlücke herausgerissen ist. Drei stehen noch. Ich dachte, nicht schon wieder.« Während sie erzählt, bückt sie sich über das Grab, wischt die nasse Steinplatte ab, hebt die Kugel hoch und säubert sie sorgsam. Als ob sie ihr verlorenes Kind streicheln wollte. Was macht das mit Eltern, die sich auf ein Kind gefreut haben und das sehr jung stirbt, wenn sie sehen, dass jemand ihnen noch mehr genommen hat? Etwas, was sie mit Liebe und Erinnerung verbinden.

»Das ist wie ein persönlicher Angriff auf dieses Lebewesen«, sagt Gesa Knollmann und blickt auf die Inschrift »Es kam der Abend und ich tauchte in die Sterne«.

»Neben Bestürzung und Trauer kommt Wut auf. Wut, weil man machtlos ist, weil der emotionale Schmerz gar nicht gesehen wird«, sagt sie ruhig. Sie will verstehen, aber es gibt nichts was sie greifen kann. »Das betrifft ja auch andere Trauernde. Ich habe das Gefühl, dass Angehörige sich inzwischen überlegen, womit sie ein Grab schmücken können, wenn immer wieder Erinnerungsstücke gestohlen werden. Für viele ist es auch eine Geldfrage, wenn sie frische Gestecke, Blumen oder Figuren ersetzen müssen«, sagt sie.

Dass von anderen Kindergräbern etwas weggekommen sei, wisse sie nicht. Das sei ja was Privates und wer nicht so häufig komme, merke es vielleicht gar nicht. Der Gedanke, dass es um ihre Familie gehe, weil es nun zweimal vorgekommen sei, beschäftigt sie auch.

Gesa Knollmann ist es wichtig, diese sie sehr berührenden Erlebnisse zu teilen und andere wachzurütteln: »Wir dürfen nicht schweigen und nicht weggucken. Wir müssen sprechen. Und ich möchte nicht alle paar Monate hier stehen und einen Diebstahl anzeigen müssen.« Dabei hebt sie wie selbstverständlich von dem angrenzenden Kindergrab ein paar Blätter auf. »So viel tote Kinder«, hatte ihr Sohn damals gesagt, als er zum ersten Mal die Kindergräber im hintersten Eck des Friedhofs neben den neuen Urnengräbern sah.

Außerhalb des Zaunes ist der Spielplatz für die neuen Häuser in Bad Nauheim Süd verwaist. Aus den Fenstern kann man noch unverbaut auf die Gräber blicken. Ein Mann kommt durch die kleine Pforte in der Mauer und Gesa Knollmann setzt sich auf ihr Klappstühlchen, um noch eine Weile bei ihrem Kind zu sein.

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Hier sieht man noch das Loch, aus dem die Sukkulente ausgegraben wurde. © Hanna von Prosch

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