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Heinrich Schimpf mit seiner zweiten Ehefrau Henriette geborene Böttner- das Bild ist Anfang Juli 1861 aufgenommen worden.

Schicksale und harte Arbeit

Bad Nauheim . Bei ihren bisherigen Recherchen zu Menschen, die auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, hat sich Stadtarchivarin Brigitte Faatz ausgiebig mit der Familie Schimpf befasst. Dabei ist ein spannendes Bild vergangener Zeiten und Lebensumstände entstanden.

Wie so oft waren es wohl die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten an der hiesigen Saline, die einst junge arbeitswillige Männer dazu brachten, sich in Nauheim niederzulassen. Nachweisen lässt sich dies spätestens mit der Geburt eines Sohnes, 1769 zunächst ein Christian Schimpf mit seiner Ehefrau, der den Beruf eines Sodenmeisters ausübte. Vermutlich folgten ihm zwei weitere männliche Verwandte nach und gründeten damit die zeitweise hier ansässigen Zweige der Familie. Ursprünglich stammen die »Schimpf« aus Hohensolms im Lahn-Dill-Kreis und gehen dort auf einen Ahnherrn mit dem Vornamen Jacob zurück.

Stiefschwestern starben beide 1845

Der in Nauheim geborene Bernhard Schimpf (1769-1840), seines Zeichens ebenfalls Sodenmeister, heiratete in die Familie von Juliane Salzmann ein. Aus dieser Ehe entstammten nachweisbar fünf Kinder. Während zwei Töchter im Kindesalter starben, traten die Söhne Martin und Bernhard (jr.) in die Fußstapfen des Vaters und wurden ebenfalls an der Saline tätig. Deren Bruder Johann Heinrich (1799-1861) verdiente seinen Lebensunterhalt als Kirchenrechner, Wagner und Ackermann.

Johann Heinrich heiratete in erster Ehe Elisabethe geborene Reißer. Aus dieser Ehe stammten die beiden Söhne Jacob (geboren 1829) und Bernhard (1833) sowie die Tochter Eleonore (1838). Schon 1842 starb die junge Ehefrau und Mutter im Alter von 37 Jahren. Der Witwer heiratete ein Jahr später Auguste Henriette Sophie (1805-1877) geborene Böttner. Eine aus dieser Ehe stammende Tochter starb ebenso wie ihre ältere Stiefschwester Eleonore im Jahr 1845. Ansässig waren die Schimpfschen Familienzweige nach den Vermerken in den Sterberegistern vor allem in der »Untergasse«, was der heutigen (unteren) Hauptstraße entspricht.

Untertor in heutiger Alicestraße

Mehrere große Bauernhöfe bildeten damals den Kern der sehr landwirtschaftlich geprägten Dorfstraße, dazwischen die bescheidenen Häuschen und Wohnungen der Söder und Salinenhandwerker. Begrenzt wurde das Ganze östlich durch Ringmauer und Untertor, das sich in Höhe der heutigen Alicestraße befand. Durch diese Pforte (auch Södertor genannt) war es nicht weit zur Sud-Saline, die in südlicher Richtung der verlängerten Kurstraße lag und bis dahin auf einem Feldweg durch unbebautes Gelände führte.

Es war Henriette Schimpfs Bruder, Obergradierer Böttner, der 1841 zusammen mit dem Briefträger Klinkerfuß das erste Haus außerhalb der Ringmauer errichten ließ. Ein Ereignis, dass die Nauheimer in Scharen zu dem Neubau führte, um ihn zu bewundern. Das Doppelhaus sollte ausschließlich zur Aufnahme von Badegästen dienen. Damit befreite sich Nauheim langsam aus den beengten dörflichen Verhältnissen und strebte dem neuen Kurgebiet zu, das sich auf dem Gelände der heutigen Dankeskirche befand.

Schon die nächste Generation der Familie Schimpf zog anderen Nutzen aus dem segensreichen Hervortreten der Badesprudel, als sich in der Landwirtschaft oder auf der Saline für schwere handwerkliche Arbeit zu verdingen. Sie wurden Händler oder Kaufleute, sogar ein langjähriges Mitglied im Gemeinderat ging daraus hervor.

Als Croupier an der Spielbank

Heinrichs Sohn Jacob Schimpf (1829-† um 1872) ging zunächst in eine Kaufmannslehre. Als er sich Jahre später aus Nauheim abmeldete, gab er als Beruf »Employé Casino« an. Er verdiente also sein profitables Auskommen als Croupier an der Nauheimer Spielbank. Noch im gleichen Jahr starb Heinrich Schimpf, und Sohn Jacob schien es danach auf Dauer nicht mehr in Nauheim zu halten. Nach Beendigung der Kursaison 1865 verließ er seinen Geburtsort und ging nach Wiesbaden. Es ist anzunehmen, dass die dortige Spielbank ihn lockte.

Dann verliert sich die Spur der Witwe

In den Folgejahren erscheint er in den Wiesbadener Adressbüchern allerdings als Kaufmann und Teilhaber der Firma »Seher & Schimpf« Branntwein, Spirituosen- und Liqueurhandlung. Wie aus einem weiteren Adressbuch-Eintrag ersichtlich wird, muss er um das Jahr 1872 verstorben sein, da nur noch seine Witwe, Bertha Schimpf, aufgeführt wird. Danach verliert sich auch ihre Spur. Ob es Nachkommen gab, bleibt unbekannt. Brigitte Faatz

Von Jacob Schimpf sind zwei Fotos erhalten, jeweils datiert auf den 4. November 1861. Wir sehen ihn in feinem Gewand im Alter von 32 Jahren. Beide Aufnahmen verschenkt er mit Widmung an »Tante und Onkel« und an »meinen lieben Bruder Bernhard«. Auch das Bild von Vater und Stiefmutter beschriftet er sorgsam in einer gefälligen Handschrift und mit dem Hinweis »aufgenommen Anfang Juli 1861«. Daneben prangt der Stempel eines Fotografen namens J. Kolb. Die vergilbte Aufnahme des älteren Ehepaares zeigt beide im besten Sonntagsstaat und mit ernsten Gesichtern (oben auf dieser Seite). Heinrich hat sich bei seiner Frau Henriette untergehakt, was dem Bild etwas seltsam Berührendes gibt. Was könnte der Anlass gewesen sein, dass einfache Nauheimer Bürger sich dieser neumodischen Erfindung auslieferten, die noch dazu Geld kostete? Ein Blick in die Kur- und Badliste vom 7. Juli 1861 bringt etwas Licht ins Dunkel. Die hier abgebildete zweisprachige Annonce des Fotografen Kolb teilt dem Nauheimer Kurpublikum dessen zeitweilige Anwesenheit mit. Wohnung hat er bei Herrn Böttner, Henriette Schimpfs Bruder, im Logierhaus der Hauptstraße genommen.

Das Fotografengewerbe dürfte um diese Zeit nicht auf Rosen gebettet gewesen sein. Was liegt da näher, als die Familie des Logiergebers abzulichten, um einen Teil der Mietkosten abzudecken. Wir werden es nie genau erfahren, aber so könnte es gewesen sein. Tatsache ist, dass sich dieses vergilbte Foto bis heute erhalten hat und ein seltenes Zeitdokument darstellt.

Brigitte Faatz/FOTO: STADTARCHIV BAD NAUHEIM

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