"The Minyan Boys" stehen seit zehn Jahren mit Rabbi Rothschild auf der Bühne und liefern zum Programm die passende Musik. Matthias Harig spielt Trompete, Flügelhorn und singt; Martin Fonfara sitzt am Schlagzeug. FOTOS: CF
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"The Minyan Boys" stehen seit zehn Jahren mit Rabbi Rothschild auf der Bühne und liefern zum Programm die passende Musik. Matthias Harig spielt Trompete, Flügelhorn und singt; Martin Fonfara sitzt am Schlagzeug. FOTOS: CF

Sarkastische Alltagseinblicke

  • vonChristine Fauerbach
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Bad Nauheim(cf). Für die Veranstalter des Kabarettprogramms mit "Rabbi Walter Rothschild & The Minyan Boys" anlässlich der interkulturellen Wochen des Wetteraukreises glichen die letzten Wochen einer Zitterpartie. Die Frage lautete: Kommt er oder kommt er nicht? Er und die vier Bandmitglieder kamen zu ihrem zweiten Auftritt in der Kurstadt. Begrüßt wurden sie von Sinan Sert vom Ausländer-beirat, Jochen Mörler vom Fachbereich Soziales, Gesundheit Kultur und Sport der Stadt Bad Nauheim, Dr. Peter Noss von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Bad Nauheim und Sezgin Yilmaz vom Deutschen Roten Kreuz Friedberg. Die jüdische Gemeinde Bad Nauheims vertrat ihr Vorsitzender Manfred de Vries. Er betonte, dass die interkulturellen Wochen des Wetteraukreises in Zeiten eines stark ansteigenden Antisemitismus "wichtig und richtig" sind.

Die mit Mitteln des Bundesprogramms "Demokratie leben!" geförderte Veranstaltung gewährte den mehr als 60 Besuchern humorvolle, ironische und sarkastische Einblicke in menschliche Schwächen, das jüdische Leben und Feste wie "Sukkot" oder "Yom Kippur". Letzteres thematisierte er gleich zweimal. Einmal mit allen Gelübden des Abendgebets in "Kol Nidre" sowie im Song "Fast forward" unter dem Aspekt des Fastens, indem er schildert wie es ist, wenn man 25 Stunden nichts essen und trinken darf.

Scherze über Beschneidung

Das zweieinhalbstündige Programm ohne Pause kommentierte Rothschild mit: "Aus dem Sturm und Drang in der Jugend, wird Nieselregen und Harndrang im Alter." Und mit Blick auf die geltenden Hygienevorschriften: "Corona ist relevant. Früher gab es in Deutschland Anstand, heute nur noch Abstand". Eine mögliche Folge von Corona sei der Verlust des Geschmacksinns. "Das ist heute Abend kein Problem, denn einige Texte unserer Lieder sind geschmacklos." Die fünf neuen Sinne lauten "Blödsinn, Schwachsinn, Irrsinn, Wahnsinn und Unsinn".

Mitgebracht hatte Rothschild eine (Stil-)Blütenlese seiner witzigsten Texte, Fabeln und Lieder. Zur Zusammenarbeit mit seiner Band "The Minyan Boys" sagte er: "Normalerweise stehe ich allein am Lesepult, und ich bin allein zuständig für den Gottesdienst, für die Hymne, für die Thoralesung. Hier muss ich mit einem Team zusammenarbeiten."

Seit zehn Jahren mit ihm auf der Bühne stehen Pianist Max Doehlemann, Kontrabassist Christian Schantz, Trompeter und Sänger Matthias Harig und Schlagzeuger Martin Fonfara. Allen, deren Liebe vorbei ist, widmete er seinen Song "Bei mir, bist du plain!". Juden, die nur an hohen Feiertagen den Weg in die Synagoge finden, erkennen sich in "The sometimes Jews" wieder. Die Vertreter des anderen Extrems finden sich im Klassiker der Band "My cousin Harold" (und seine Probleme). "In vielen Familien gibt es mindestens eine Person, der die Religion für sich selbst entdeckt hat und behauptet, er weiß besser als Gott, was man machen muss. Und solche Leute gibt es in allen Religionen. Im beruflichen Leben muss ich mich darüber ärgern. Aber hier auf der Bühne kann ich lachen."

Das Thema Beschneidung thematisiert er, da er nicht als Talkshow-Gast eingeladen war, im Song "Foreskins". "Über Beschneidung haben sich alle in Deutschland aufgeregt, deshalb habe ich dieses Lied geschrieben. Denn, "dass wir beschnittene Männer haben hat einen gewissen Vorteil, indem wir ein gewisses Vor-Teil nicht mehr haben."

Wie sich ein Rabbiner nach einer durchzechten Freitagnacht vor dem Sabbat-Gottesdienst fühlt, verrät er im "The Schabbes-Mornin’-Blues".

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