Frank Thielmann präsentiert den dicken Katalog, in dem Tausende von Original-Bademöbelstücken des Sprudelhofs genau erfasst sind.
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Frank Thielmann präsentiert den dicken Katalog, in dem Tausende von Original-Bademöbelstücken des Sprudelhofs genau erfasst sind.

Möbel ausleihen

Sanierung Sprudelhof: Ganz besondere Aktion für Jugendstil-Liebhaber

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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"Alles muss raus!" - dieses Motto gilt derzeit im Bad Nauheimer Sprudelhof. Und die Ware, die nicht veräußert, aber für lange Zeit verliehen wird, ist eine ganz besondere.

Neun Jahre ist es her, da schien der Startschuss für die Grundsanierung der Badehäuser im Bad Nauheimer Sprudelhof bald zu fallen. Letztlich dauerte es deutlich länger, doch Frank Thielmann, Geschäftsführer der Stiftung Sprudelhof, machte sich damals bereits Gedanken über wichtige Details. Überall in den Gebäuden der europaweit größten geschlossenen Jugendstilanlage stieß er auf alte Möbel - gut erhalten oder reichlich renovierungsbedürftig. "Es handelt sich um große Teile der Originalausstattung des Sprudelhofs, die vor mehr als hundert Jahren eigens für die Badezellen gefertigt worden waren", erzählt Thielmann.

Wohin damit, wenn die Badehäuser vor der Sanierung komplett geräumt werden? Eine Lagerfläche von 500 Quadratmetern wäre nötig, um die Kommoden, Stühle, Uhren, Garderoben, Fußschemel und Tische unterzubringen. Solche Räumlichkeiten müssten erst mal gefunden und über Jahre bezahlt werden.

Im Gegenzug spenden oder für Instandsetzung sorgen

Dem Geschäftsführer kam eine ungewöhnliche Idee. Warum das Jugendstil-Mobiliar nicht an Liebhaber vermieten, die damit ihre Wohn- oder Geschäftsräume aufhübschen? Im Gegenzug kann der Empfänger etwas spenden oder für die Instandsetzung des geliehenen Möbelstücks sorgen.

Jugendstil-Liebhaber können Badeuhren, Stühle, Sessel oder Kommoden über einen längeren Zeitraum ausleihen, um damit ihre Privat- oder Geschäftsräume aufzuhübschen.

2011 beauftragte Thielmann das Büro Pro Denkmal, alle Originalstücke zu erfassen, zu katalogisieren und möglichst viel über ihre ursprüngliche Verwendung innerhalb des Sprudelhofs in Erfahrung zu bringen. Eine Mammutaufgabe, die ein gutes halbes Jahr dauerte. "Die Mitarbeiter haben in jede Besenkammer geschaut, umfangreich recherchiert", sagt der Geschäftsführer. Alle historischen Dokumente, die den Sprudelhof betreffen, sind im Staatsarchiv in Darmstadt zu finden - Zeichnungen, Beschreibungen, Pläne, Fotos.

In den meisten Fällen war zu ermitteln, in welchem Badehaus das Möbelstück stand. "Es gibt aber auch Ausnahmen, etwa eine interessante Kommode. Das ist ein Einzelstück, über dessen Verwendungszweck wir nichts wissen", erläutert Thielmann.

Alles aus massivem Holz

Am Ende der Pro-Denkmal-Tätigkeit stand ein dicker Katalog. Jedes Stück hat eine Nummer, wurde fotografiert und beschrieben. "Das meiste Mobiliar stammt aus der Jugendstilzeit, manche Stücke aus der Zeit bis 1930." Eine Überraschung: Auch für die Planung des Mobiliars war das großherzogliche Baubüro von Wilhelm Jost zuständig. Wer glaubt, bei Thielmann ein wertvolles, von einem berühmten Jugendstilkünstler entworfenes Einzelstück zu finden, wird also enttäuscht.

Im Sprudelhof zum Einsatz kamen die Stücke in der Spanne zwischen 1907 und 1910, als die neuen Badehäuser nach und nach eröffnet wurden. Damals wie heute waren Bademöbel weiß, alle eingelagerten Exemplare sind aus massivem Holz. 265 Badezellen mussten ausgestattet werden. In Zwischenstockwerken, fensterlosen Kammern oder auf Dachböden warten zum Beispiel 128 baugleiche Kommoden auf Abnehmer. Schäden weisen vor allem die Hunderte von Stühlen auf, meist haben Polsterung oder Geflecht die Jahrzehnte nicht überstanden.

Null Interesse am Jugendstil

Laut Thielmann gab es für die vielen Zellen der Badehäuser in den 50er, 60er Jahren keine Verwendung mehr. "Die Badekur war out, das Staatsbad setzte auf Fango und Massagen", sagt Thielmann. Manche Räume wurden nach einem Umbau weitergenutzt, die meisten dienten als Lagerfläche. Dorthin stellte man das Originalmobiliar. "Glücklicherweise wurde in der Nachkriegszeit nichts weggeworfen, und für sehr viele Räume gab es keine sinnvolle Nutzung." Für den Jugendstil interessierte sich niemand, dessen Bedeutung wurde in Bad Nauheim erst in den 70er Jahren wiederentdeckt.

Vor 60, 70 Jahren wurden leicht beschädigte Stücke weggeworfen. Ein weiterer großer Einschnitt war das Hochwasser von 1981. Damals stand im Erdgeschoss der Badehäuser das Wasser mehr als einen Meter hoch. Dort gelagertes Mobiliar wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen und wanderte auf den Müll. Trotzdem sind etliche Tausend Stücke übrig geblieben, Thielmann schätzt deren Zahl auf etwa 10 000. Ein Eldorado für Liebhaber antiker Bademöbel.

Erste Verleih-Aktion am 1. und am 8. März

Nach vorheriger Anmeldung (Telefon 0 60 32/349 55 88, E-Mail info@sprudelhof.de) können sich Bürger, die Jugendstilmöbel leihen möchten, die Stücke am 1. oder am 8. März (jeweils 13 bis 16 Uhr) anschauen. Interessenten sollten sich gleich entscheiden, dann wird ein kurzer Leihvertrag unterschrieben. Wer Stücke zu Hause beschädigt, muss dafür haften. Erwünscht ist eine kleine Spende, laut Frank Thielmann, Geschäftsführer der Stiftung Sprudelhof, können auch "Stuhlpatenschaften" übernommen werden. Jemand leiht einen Stuhl oder Sessel und sorgt für die Reparatur. Die Kosten schätzt Thielmann auf 100 bis 800 Euro pro Stück. In diesem Jahr soll mit der Sanierung der Badehäuser 2, 5 und 7 begonnen werden. Im März werden die im Badehaus 2 gelagerten Stücke vergeben, weitere Verleihaktionen sollen folgen. Was nach der Instandsetzung der Gebäude mit den Möbeln geschieht, ist unklar. Dann gibt es in den Badehäusern keine ungenutzten Räume mehr. Thielmann geht davon aus, dass ein Teil des Mobiliars im geplanten Jugendstilzentrum ausgestellt oder von Mietern der Badehäuser genutzt wird. Der Rest wird wohl für längere Zeit bei den Leihern verbleiben.

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