Parkplatz gesperrt, und das Parkhaus kommt ohnehin nicht. Seit 2006 gibt es Pläne des Sanden-Konzerns für dieses Grundstück in Bad Nauheim, doch sie werden nach wie vor nicht verwirklicht. Aktuell ist die Corona-Krise dazwischengekommen.
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Parkplatz gesperrt, und das Parkhaus kommt ohnehin nicht. Seit 2006 gibt es Pläne des Sanden-Konzerns für dieses Grundstück in Bad Nauheim, doch sie werden nach wie vor nicht verwirklicht. Aktuell ist die Corona-Krise dazwischengekommen.

Weltweit 14 000 Mitarbeiter

Bad Nauheim und Corona: Ausbaupläne bei Riesen-Konzern erneut auf Eis gelegt

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Teufelskreis: In Corona-Zeiten müssen viele Firmen rigide sparen, was Investitionen verhindert. Keine Ausgaben, keine Erholung der Wirtschaft. Ein Beispiel aus dem Bad Nauheimer Gewerbegebiet.

Bad Nauheim - Vor 20 Jahren hat der weltweit tätige Sanden-Konzern, der Klimaanlagen für Fahrzeuge entwickelt und baut, sein Forschungszentrum in Bad Nauheim eröffnet. Eigentlich gäbe es also Grund für einen Umtrunk, doch nach Feiern ist den rund 110 Mitarbeitern im Gewerbegebiet Am Taubenbaum angesichts der Corona-Krise nicht zumute.

Die Pandemie und stark sinkende Autoverkaufszahlen in Europa hat auch das japanische Unternehmen frontal getroffen. »Im April hatten wir keinen Umsatz, zum Jahresende rechnen wir mit einem Minus von 20 bis 30 Prozent«, sagt Jörg Schurich, bei Sanden Bad Nauheim zuständig für Personal und Verwaltung.

Innerhalb weniger Monate hat sich der Wind komplett gedreht. Ende vergangenen Jahres strotzte die Geschäftsführung vor Optimismus - und hatte gute Gründe. Der Brexit hatte 2019 nämlich dafür gesorgt, dass die Konzernleitung die Europazentrale aus Großbritannien nach Bad Nauheim verlagerte, wo bislang »nur« die kontinentale Forschungsabteilung existierte. Angesichts dieser Neuerung und der gesunden Entwicklung des Konzerns sollte endlich die langersehnte Erweiterung des Firmensitzes erfolgen.

Bad Nauheim: Trauerspiel um Erweiterung

Das Hin und Her um zusätzliche Räumlichkeiten und die von Europa-Chefin Maria Wünsch-Guaraldi gewünschte Personalaufstockung hat sich zu einem Trauerspiel entwickelt. 2006 hatte Sanden das verkehrsgünstig gelegene Grundstück Ecke Am Taubenbaum/Hohe Straße erworben. Die vollmundige Ankündigung: Es entstehe ein zusätzliches Gebäude für 150 Mitarbeiter. Die Jahre vergingen, es tat sich nichts. Auf dem 4400-Quadratmeter-Areal wucherte Unkraut, Autos wurden dort abgestellt.

2008/2009 dann der Paukenschlag der internationalen Finanzkrise. Klar, das Sanden-Management setzte auf Konsolidierung, stoppte die Investitionspläne für Bad Nauheim. Die Stadtväter zeigten Verständnis, verzichteten auf ihr Rückkaufsrecht für das Grundstück. 2013 die nächste Negativnachricht: Das Unternehmen cancelte die Erweiterungspläne und verkaufte das Gelände an eine andere Bad Nauheimer Firma, die dort ihren Sitz errichten wollte. Jetzt beeilte sich der Magistrat, diesem heimischen Betrieb vor den Kopf zu stoßen und sich das Gelände per Vorkaufsrecht wieder anzueignen.

Zwei Jahre später die nächste Wende. Erneut veräußerte die Stadt das Areal an Sanden. Doch der Konzern baute wieder nicht, ein weiteres Mal verlängerte das Rathaus die Frist. Im vergangenen Jahr schien die Entscheidung in der 9000 Kilometer entfernten Zentrale endgültig gefallen zu sein.

Allerdings sollte 2020 auf dem brachliegenden Grundstück plötzlich kein Erweiterungsbau, sondern ein Parkhaus für 140 Pkw entstehen. Der dritte Bauabschnitt für Büros, sogenannte Geräuschkammern und Werkstatt-Räume sollte ein Jahr später auf dem bereits genutzten Grundstück gegenüber realisiert werden. Chefin Wünsch-Guaraldi dachte gar über zwei weitere Bauabschnitte und eine annähernde Verdoppelung der Mitarbeiterzahl nach.

Sanden: Geschlossene Werke, Kurzarbeit

»Anfang März haben wir das Parkhaus-Grundstück roden lassen und einen sechsstelligen Betrag an einen Architekten überwiesen«, erklärte Personalchef Jörg Schurich. Plötzlich Corona - und die schnelle Anweisung aus Japan, nur noch Investitionen zu tätigen, die unumgänglich sind. Die Werke in Frankreich und Polen, wo Klima-Kompressoren für den europäischen Markt produziert werden, wurden vorübergehend geschlossen, Kurzarbeit gibt es auch in Bad Nauheim.

Schurich: »Cash ist im Augenblick das Hauptthema. Alles wird eingespart, um die notwendigsten Sachen zahlen zu können.« Die Wirtschaft befinde sich bereits mitten in einer Rezession. Prognosen über den künftigen Verlauf seien kaum möglich. Die Europa-Geschäftsführung befürchtet einen Umsatzeinbruch in Frankreich und Spanien, wo mit Sanden-Klimaanlagen ausgestattete Kleinwagen normalerweise besonders erfolgreich verkauft werden. Der Erweiterungsbau in Bad Nauheim ist wieder einmal kein Thema mehr.

Trotzdem bleibt die Stadt ein treuer Partner, glaubt an das Unternehmen. »Sanden bietet 110 hochqualifizierte Arbeitsplätze an«, sagt Bürgermeister Klaus Kreß. Der Haupt- und Finanzausschuss hatte keinen Diskussionsbedarf. Er verzichtete erneut aufs Rückkaufsrecht und verlängerte die Frist für den Baubeginn bis Juli 2022.

Sanden: Weltweit 14 000 Mitarbeiter

Japanische Unternehmen sind die größte Konkurrenz der deutschen Autohersteller und Zulieferer. 1943 wurde die Firma Sanden gegründet und produzierte Fahrrad-Dynamos. Ende der 60er Jahre erfolgte die Spezialisierung auf Klima-Kompressoren für Fahrzeuge. Weltweit ist der Konzern heute ein führender Produzent, ein ganz wichtiger Markt ist Europa. Seit 2019 wird die Geschäftstätigkeit auf diesem Kontinent von Bad Nauheim aus geleitet, die Forschung und Entwicklung ist seit 2000 hier angesiedelt.

Neuste Herausforderung ist es, Klimaanlagen für E-Autos geräuschärmer zu machen. In Europa hat Sanden bei Lkw einen Marktanteil von 70, bei Pkw von 35 Prozent. Fast alle namhaften Autohersteller sind Kunden. Der Konzern hat 14 000 Beschäftigte, die pro Jahr 17 Millionen Kompressoren bauen.

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