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Vor 130 Jahren

Roosevelt: US-Präsident in spe als Volksschüler in Bad Nauheim

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Zur Kurprominenz in Bad Nauheim gehörten die Roosevelts mit Sohn Franklin, dem späteren US-Präsidenten. Am 20. Mai 1891 trafen sie ein. Ein Aufenthalt, der in die Ortsgeschichte einging.

Die Familie von Franklin D. Roosevelt, der am 30. Januar 1882 in Hyde Park (Bundestaat New York) geboren wurde, gehörte zur wohlhabenden und gebildeten Ostküsten-Oberschicht der USA. Deutschland hatte als Land der Kunst und Wissenschaft in diesen Kreisen einen guten Ruf. Franklins Vater James hatte seine erste Deutschland-Reise bereits 1847 angetreten und verbrachte mit seiner Ehefrau 1881 hier auch seine Flitterwochen. Sara Roosevelt, geborene Delano, war Spross einer adeligen Hugenottenfamilie. Als Teenager hatte sie drei Jahre in Deutschland gelebt und die Sprache perfekt erlernt. Bei ihrem Sohn, den sie nach ihrem Onkel Franklin Delano nannte, legte sie sehr viel wert auf eine umfassende Bildung, zu der die Fremdsprachen Deutsch und Französisch gehörten.

Als die Familie 1891 nach Bad Nauheim kam, damit Vater James sein Herzleiden behandeln lassen konnte, war Franklin neun Jahre alt. Der erste Aufenthalt in der Kurstadt wird von den Roosevelt-Biografen Alan Posener und Geoffrey C. Ward ausführlich geschildert. Die Familie wohnte in Bad Nauheim meist in der Villa Diana oder der Villa Britannia (beide in der heutigen Terrassenstraße).

Gutes Zeugnis vom Lehrer

Geprägt war der Alltag von dem umfassenden Behandlungsprogramm, dem sich der Vater zu unterziehen hatte. Biograf Posener schrieb von einem »strengen Regiment«, das Dr. Theodor Schott angeordnet habe. Wie Recherchen der Bad Nauheimer Stadtführerin Hedi Gellner in der Roosevelt Library in Hyde Park ergeben haben, war Schott, der auch Kaiserin Sisi und August Bebel zu seinen Patienten zählte, der behandelnde Arzt. Bisher wurde in Bad Nauheim angenommen, James Roosevelt sei Patient von Dr. Isidor Groedel gewesen. Gellner ist im Besitz von Kopien der Tagebuchaufzeichnungen von Sara und James Roosevelt, in denen nur der Namen Schott, aber nicht der von Groedel erwähnt wird. Die Tagebücher werden in der Roosevelt Library aufbewahrt.

Franklin wurde während des langen Kuraufenthalts für sechs Wochen in die Bad Nauheimer Volksschule in der Friedrichstraße 3 geschickt, wo heute die Rathaus-Nebenstelle untergebracht ist. Dort sollte der Junge seine Deutsch-Kenntnisse verbessern. Das gelang nach Angaben von Lehrer Bommersheim, der Franklin ein sehr gutes Zeugnis ausstellte. Gleichwohl behielt »Franz«, wie er in der Grundschule genannt wurde, seinen starken Akzent.

Als Roosevelt 1933 in sein Amt als US-Präsident eingeführt wurde, erhielt er Glückwünsche ehemaliger Mitschüler aus Bad Nauheim - inklusive Klassenfoto. Heute erinnert eine am Gebäude Friedrichstraße 3 angebrachte Gedenktafel an den Unterrichtsbesuch Roosevelts.

Rudern auf dem Großen Teich

Bei der Freizeitgestaltung des Neunjährigen spielte der Große Teich im Kurpark eine wichtige Rolle. In einem Brief an zwei seiner Vettern - eine Kopie ist im Besitz des Stadtarchivs - heißt es übersetzt: »Ich gehe in die öffentliche Schule zusammen mit vielen kleinen Mickis (deutschen Kindern). Wir haben Lesen und Diktate auf Deutsch, die Geschichte von Siegfried und Arithmetik, wo ich bis 14 x 71 gekommen bin. Und es gefällt mir sehr gut. Auf dem Briefbogen ist ein Bild des ›Großen Teiches‹ zu sehen, auf dem wir rudern. Papa hat mir ein großes Segelboot gekauft.«

Laut Roosevelt-Biograf Geoffrey C. Ward hat Franklin im Teich auch das Schwimmen gelernt. Oft streifte er allein durch den Kurpark, wo er mit Pfeil und Bogen spielte. Mit einem Jungen aus England, der an den Rollstuhl gefesselt war, freundete Franklin sich an.

Die Familie besuchte in der Folgezeit fast jährlich Bad Nauheim, zum letzten Mal 1896. Vier Jahre später verstarb Eisenbahn-Unternehmer James Roosevelt im Alter von 72 Jahren.

Lokalhistoriker-Streit

Auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg stritten sich Bad Nauheimer Lokalhistoriker, ob Franklin D. Roosevelt als US-Präsident noch an die Kurstadt dachte. So wurde ihm ein Befehl nachgesagt, Bad Nauheim von Bombenangriffen zu verschonen. Die Attacke am 20. Juli 1944, bei der es elf Tote gab, soll nicht geplant gewesen sein, was sich letztlich als falsch herausstellte. Zudem soll Roosevelt vor Kriegsende entschieden haben, dass in Bad Nauheim in Friedenszeiten wichtige Einrichtungen der US-Besatzer stationiert werden sollten.

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