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Großes Thema in kleinem Büro: Rentenberater Andreas Rössel hat seit 1993 Tausende von Versicherten auf dem Weg in den Ruhestand begleitet. Das Bild zeigt ihn im Gespräch mit Klientin Ingrid Gaffrey.

Große Nachfrage

Wetterauer Rentenberater hat viel zu tun: „Viele sind ernüchtert, wenn ich ihren Anspruch errechne“

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Rentenberatung klingt nach trockener Materie. Doch im Büro im Bad Nauheimer Rathaus geht es oft emotional zu - wenn Schwerkranke Rente beantragen oder junge Witwen von Corona-Opfern da sind.

Bad Nauheim – Es ist ein wenig makaber: Andreas Rössel, seit 1993 als ehrenamtlicher Rentenberater in der Wetterau tätig, sind in den letzten anderthalb Jahren manchmal fast die Antragsformulare für Hinterbliebenenrente ausgegangen. »Ich musste welche nachdrucken. Selten zuvor hat es so viele Anfragen von Witwen und Waisen gegeben«, sagt der 60-Jährige, der regelmäßig Sprechstunden im Bad Nauheimer Rathaus anbietet. Das hat auch etwas mit Corona zu tun. Erst kürzlich war eine Frau zu Besuch, deren Mann im Alter von 45 Jahren an einer Covid-19-Infektion verstorben ist.

In solchen Momenten stehen Zahlen und Fakten nicht im Fokus. Zunächst geht es um Emotionen, Rössel muss sich behutsam dem eigentlichen Thema nähern, viel Fingerspitzengefühl zeigen. »Bei solchen Fällen fließen in diesem Büro schon mal Tränen«, erzählt der Berater aus Bad Nauheim, der hauptberuflich bei der DAK tätig ist. Besonders ans Herz gegangen ist ihm ein Gespräch, das er 2020 mit Angehörigen einer jungen Frau führte, die sich vor einen Zug geworfen hatte. »Eine sehr, sehr tragische Geschichte.«

Wenn es um die Beratung zur Hinterbliebenenrente geht, muss Rössel manchmal viel Zeit investieren. Zwar kann eine Witwe im Prinzip meist mit 60 oder 55 Prozent des Rentenanspruchs ihres verstorbenen Ehemanns rechnen, doch es gibt einige Haken. So wird das eigene Gehalt oder die eigene Rente der Witwe ab einer gewissen Höhe zum Teil angerechnet. Gleiches gilt seit kurzem auch für andere Einkommen, etwa Zinserträge aus Geldanlagen.

Rentenberater aus der Wetterau recherchiert auch im Ausland

Arbeitsintensiv, aber auch besonders interessant ist die Klärung von Rentenansprüchen, die im Ausland erworben wurden. »Ich hatte schon Kontakte mit Behörden in den USA, Mexiko oder Brasilien«, sagt der 60-Jährige. Manche deutsche Staatsbürger waren beruflich viele Jahre im Ausland tätig, geklärt werden muss, welche Rentenansprüche sie dort erworben haben.

Häufig hat es Rössel mit Ausländern zu tun, die früher in ihrem Geburtsland gearbeitet haben, jetzt aber in Deutschland leben. »Probleme gibt es vor allem bei Polen und anderen osteuropäischen Staaten. Auch in Ländern, die früher zur Sowjetunion gehörten, kann eine Klärung ein bis zwei Jahre dauern.« Noch komplizierter wird es bei Flüchtlingen, die häufig keine Unterlagen mehr haben. Gegenüber den Herkunftsstaaten oder anderen Ländern muss ein Rentenanspruch glaubhaft gemacht werden, manchmal mit Hilfe von Zeugenaussagen von Vorgesetzten.

Andere Ausländer sind dagegen bestens vorbereitet. So erhielt der Berater vor geraumer Zeit den Anruf eines Österreichers, der sich gerade an einem Londoner Flughafen aufhielt. Er war längere Zeit in Deutschland tätig und wollte von Rössel seinen Rentenanspruch errechnen lassen. »Am selben Tag kam der Mann in meine Sprechstunde. Er hatte sämtliche Unterlagen dabei, die Sache war schnell erledigt.«

Rentenberatung in der Wetterau: Vorruhestand ein großes Thema

Einen großen Teil der ehrenamtlichen Arbeit Rössels nehmen die Komplexe Erwerbsminderungsrente und Vorruhestand ein. »Fälle von Arbeits- oder Erwerbsunfähigkeit nehmen sehr stark zu. Wobei psychische Krankheiten immer öfter die Ursache sind. Bei Frauen ist jeder zweite Fall auf eine solche Erkrankung zurückzuführen, meist geht es um Depressionen.«

Sehr viele Arbeitnehmer wollten vorzeitig in den Ruhestand gehen. Nicht wenige erreichten bereits vor dem eigentlichen Renteneintrittsalter 45 Berufsjahre und könnten ohne Abschläge in Rente gehen. Es gebe aber auch eine große Gruppe, die Abzüge in Kauf nehme, um möglichst früh den Arbeitsplatz räumen zu können. »Das ist ein ganz großes Thema. Viele sind gesundheitlich angeschlagen, fühlen sich kaputt, haben einfach keine Lust mehr«, berichtet Rössel.

Warum ist meine Rente so klein? Diese Frage muss sich der Berater häufig anhören. Das hänge zum einen mit dem allgemein sinkenden Rentenniveau zusammen, aber auch immer häufiger mit Lücken in der Erwerbsbiografie - etwa durch Minijobs oder Arbeitslosigkeit. Selbstständige sorgten häufig nicht ausreichend fürs Alter vor. Rössel: »Für viele Leute ist es ernüchternd, wenn ich ihren Anspruch errechnet habe.« Er begrüßt die neue Grundrente, um soziale Härten abzumildern.

Tipp für Wetterauer: Rechtzeitig um Rente kümmern

1993 hat Andreas Rössel seine ehrenamtliche Tätigkeit als Rentenberater in der Wetterau aufgenommen. Sein Geld verdient er seit 44 Jahren bei der DAK. Ein Vorgesetzter hatte ihn damals gefragt, ob er sich eine Arbeit als Berater vorstellen könne. Rössel sagte Ja und ist seitdem alle sechs Jahre von den Versicherten per Wahl in seiner Funktion bestätigt worden.

»Es macht Spaß, den Leuten unter die Arme zu greifen. Viele sind schon dankbar, wenn ich ihnen nur ein Formular ausfülle«, erzählt der 60-Jährige. Die Nachfrage ist groß, das merkt Rössel bei seinen regelmäßigen Sprechstunden in seinem Geburtsort Ober-Wöllstadt und in Bad Nauheim, wo er seit 2012 lebt. Ein Jahr später empfing er erstmals Klienten im Rathaus.

Der Rentenexperte empfiehlt allen Versicherten, sich rechtzeitig mit dem Thema zu beschäftigen. »Viele haben sehr große Lücken im Versicherungsverlauf. Je länger gewartet wird, desto mehr gerät in Vergessenheit.« Es gebe sogar Arbeitnehmer mit mehreren Rentenkonten, obwohl eigentlich jeder nur eine Versicherungsnummer haben sollte.

In sein Ehrenamt investiert Rössel 30 bis 40 Stunden im Monat, oft am Wochenende. »Kein Tag vergeht ohne ein bis zwei Anfragen.« In Lockdown-Zeiten fielen die Sprechstunden aus, es gab ausschließlich Beratung per Telefon oder Mail. Seit Juni ist Rössel wieder im Rathaus präsent.

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