Dr. Bernd Friederichs, Chefarzt an der Bad Nauheimer Klinik am Südpark, misst der Reha nach einer Corona-Erkrankung eine hohe Bedeutung zu. Es gehe um den körperlichen und den psychischen Wiederaufbau.	FOTO: NICI MERZ
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Dr. Bernd Friederichs, Chefarzt an der Bad Nauheimer Klinik am Südpark, misst der Reha nach einer Corona-Erkrankung eine hohe Bedeutung zu. Es gehe um den körperlichen und den psychischen Wiederaufbau.

Nach Intensivstation

Reha nach Corona: In Bad Nauheim sollen geheilte Infizierte behandelt werden

  • Christoph Agel
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»Das Virus ist ein Chamäleon«, sagt Dr. Bernd Friederichs, Chefarzt an der Bad Nauheimer MEDIAN-Klinik am Südpark. Die Teams dort  bereitet sich auf Reha-Patienten nach einer Corona-Erkrankung vor.

Auf der Intensivstation ums Überleben kämpfen, angeschlossen an Atemgeräte, betreut von Ärzten, Schwestern, Pflegern. Was macht das mit einem? Was macht es mit dem Köper? Und mit der Psyche? Für die MEDIAN-Kliniken in Deutschland ist klar: Nach der akuten Behandlungsphase ist zwar die Viruserkrankung überstanden, für mögliche Folgen gilt das aber nicht. Deshalb hat das Klinik-Unternehmen den MEDIAN Corona Recovery Score (MCRS), entwickelt. In Bad Nauheim in der Klinik am Südpark - und an vielen weiteren Standorten - soll dieses Reha-Konzept Anwendung finden.

Nach Corona in Reha nach Bad Nauheim: Realisieren, dass man überlebt hat

Aber wie kann man ein Reha-Konzept entwerfen, wenn die Auswirkungen von Covid-19 auf den Menschen noch nicht vollends erforscht sind? »Es ist eine neue Form der Unberechenbarkeit bezüglich der Virusmanifestation beim jeweiligen Patienten«, sagt Dr. Bernd Friederichs, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin/Kardiologie an der Klinik am Südpark. Dennoch wisse man schon genug, um sich Reha-Konzepte zu überlegen. Das hat MEDIAN getan, und so ist die Bad Nauheimer Klinik darauf vorbereitet, genesene Corona-Patienten aufzunehmen. Konkret geht es um die Nachsorge hinsichtlich der Indikationen Innere Medizin/Kardiologie, die auch Lunge betreffende Aspekte umfasst, und Psychosomatik.

»Der Wissensstand ist im Moment der, dass das Virus viele Organe angreift. Haupt-Zielorgane sind Herz und Lunge, häufig leider auch in Kombination«, erläutert Friederichs. Wer eine entsprechende Vorerkrankung hat und dann vom Virus erwischt wird, der ist besonders gefährdet beziehungsweise betroffen. Folglich, so die Überlegung der MEDIAN-Experten, müssen die Organe, muss der Körper nach dem Ende der Erkrankung wieder aufgebaut werden. Zuvor hat sich insbesondere Muskelmasse abgebaut, wenn Patienten schwer erkranken und lange Zeit im Krankenhausbett liegen.

Auch die Psyche leidet häufig unter der Erkankung. 24 Stunden am Tag bekomme man auf allen Kanälen Corona-Horror-Nachrichten, sagt Friederichs. Hinzu kämen neben der Angst um die Gesundheit auch die Sorge, womöglich den Job zu verlieren. »Das sind ja nicht Ängste, die aus der Luft gegriffen sind«, sagt der Chefarzt. Er fürchtet eine »gewaltige Zunahme von seelischen Beeinträchtigungen« in der Gesellschaft.

Außerdem müsse ein im Krankenhaus beatmeter Patient erst einmal realisieren, dass er überlebt habe. Zudem sei er geschwächt, müsse wieder selbst gut Luft bekommen, selbst essen, sich selbst anziehen und so weiter. Physiotherapie helfe weiter, um dies alles zu meistern. In einem Akut-Krankenhaus bekomme ein Patient - ressourcenbedingt - häufig nur wenige Minuten am Tag eine physiotherapeutische Behandlung, sagt Friederichs.

Nach Corona in Reha nach Bad Nauheim: Den Patienten fordern, aber nicht überfordern

Corona greift die Lunge an, und an der Klinik am Südpark arbeiten unter anderem Lungenspezialisten. Folglich sollen in der Reha Atemübungen an der frischen Luft, die Inhalation im Hause und an den Gradierwerken auf dem Programm stehen. Die Lungenfunktion wird gemessen, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung unter die Lupe genommen. Kontrollierter Ausdauersport gehört zum Reha-Programm, die Muskelgruppen werden anfangs leicht, später stärker stimuliert. Beim täglichen Ergometer-Training, das dem Verlauf der Genesung angepasst wird, werden Leistungs-Fortschritte angestrebt. »Wir wollen den Patienten fordern, aber nicht überfordern«, macht Friederichs klar.

Es ist wichtig, den Körper wieder zu stärken, Gleiches gilt für die Psyche. Zumal neben der generellen Angst, die sich wegen des Virus‹ verbreitet habe, auch Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen im Vordergrund stünden.

Nach Corona in Reha nach Bad Nauheim: Mehr Depressionen befürchtet

Letzteres etwa weil ein Angehöriger an Corona gestorben sei oder man selbst lange Zeit in Isolation oder gar auf der Intensivstation verbracht habe. 10 bis 15 Prozent der Deutschen litten an einer Depression, sagt Friederichs. »Dieser Prozentsatz wird zunehmen.« Das gelte leider auch für die Zahl der Suizide. Und: »Eins ist klar: Die Schwelle für psychisch Kranke, Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist deutlich erschwert.« Für eine Psychotherapie gebe es derzeit bereits ohne Pandemie Wartezeiten von bis zu neun Monaten. Genügend Gründe also für eine psychosomatische Reha. Angsttest und Depressionstest, Entspannungsverfahren, Gesprächstherapien, Sport, Selbsthilfe, Verhaltenstherapie und tiefenpsychologische Ansätze - all das gehört zum MEDIAN-Konzept.

Während der Reha kann das Programm für jeden Patienten individuell angepasst werden. Braucht die Psyche vielleicht doch mehr Zuwendung? Oder muss mehr für die Lunge getan werden? Die Reha kann sich anpassen, so wie ein Chamäleon.

Nach Corona in Reha nach Bad Nauheim: 270 Betten in der Klinik

Der MEDIAN Corona Recovery Score (MCRS) erfasst Auswirkungen der Corona-Erkrankung auf Körper und Seele und ist Teil der Rehabilitations-Konzepte von MEDIAN. Leitende Mediziner des Unternehmens haben hierzu vier Behandlungen entwickelt: 1) eine interdisziplinäre Post-Corona-Reha zur Therapie der körperlichen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen infolge der Erkrankung; 2) eine spezifische pneumologische Post-Corona-Reha für Patienten, die einen schweren intensiv- und beatmungspflichtigen Verlauf erlebt haben; 3) eine psychosomatische Post-Corona-Reha mit besonderem Fokus auf die seelischen Auswirkungen; 4) eine Sucht-Post-Corona-Reha, die sich auf die Auswirkungen der Pandemie für Suchterkrankte fokussiert. In der Klinik am Südpark geht es bei der Corona-Reha um Herz, Lunge und den psychosomatischen Bereich. In der Klinik stehen 100 Betten für Kardiologie, 90 für die Psychosomatik und 80 für die Orthopädie bereit, wobei Letztgenannte bei der Corona-Reha eine untergeordnete Rolle spielt. Bei Bedarf können Betten eines Bereichs für einen anderen umgenutzt werden.

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