Seit 25 Jahren ein Team auf der Bühne. Kabarettist Michael Altinger (r.) wird von seiner "Ein-Mann-Band" Martin Julius Faber begleitet. FOTO: HMS
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Seit 25 Jahren ein Team auf der Bühne. Kabarettist Michael Altinger (r.) wird von seiner "Ein-Mann-Band" Martin Julius Faber begleitet. FOTO: HMS

Die Rampensau hat Ausgangssperre

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Dafür, dass Michael Altinger glaubt alt zu werden oder schon zu sein - mit knapp 50 - ist er extrem dynamisch und spontan. Bewiesen hat er das in einer eineinhalbstündigen Nonstop-Power-Show am Donnerstag in der Konzertmuschel der Trinkkuranlage. Begleitet hat ihn, wie seit 25 Jahren, seine "Ein-Mann-Band" Martin Julius Faber. Schweigend, denn auf der Bühne existiert nur einer: Altinger.

1990 fing die Kabarettkarriere des Diplomsozialpädagogen aus dem niederbayerischen Landshut an und nahm einen steilen Verlauf: Lach- und Schießgesellschaft, "Schlachthof" im BR Fernsehen, fünf Kabarettpreise, 15 Bühnenprogramme, Moderationen.

Und jetzt: Die Rampensau hat Ausgangssperre. Das trifft den gestandenen Mann hart, denn für das Ein- und Ausräumen der Spülmaschine bekommt er keinen Applaus. Und Applaus benötigt Altinger dringend für sein Ego. Zu oft müsste er sonst sich selbst in den Mittelpunkt rücken, zum Beispiel, wenn er alle Fotos seiner Frau - in bester Absicht natürlich - von ihrem Handy "sortiert", um ihr liebevoll ein Fotobuch mit seinen Porträts zu schenken.

Ein paar Kalauer sind dabei

"Schlaglicht" heißt sein neues Programm, das wegen der Corona-Pause tatsächlich neu ist. Es ist der Mittelteil einer Trilogie über den Verlust von Wahrheit und Moral. Darin echauffiert sich Altinger über gelernte Verhaltensmuster, über unsinnige Begriffe, die Wegwerfgesellschaft, Wahlfreiheiten jeder Art und Menschen, die nie zufrieden sind. Er agiert wie ein feuersprühender Vulkan, bei dem man nicht weiß, wann der nächste Urschrei oder der "Hä"-Schrei des Zaungastschafs aus ihm herausplatzt. Seine bayerisch gefärbten Wortströme überrollen das Publikum und lassen es nach Atem ringen. Jeder bekommt seinen Aschepunkt aufs Haupt. Dabei fallen auch ein paar Kalauer zu Boden.

Die vom Geräuschcomputer erzeugte Grillparty durchzieht das Programm punktuell und erzeugt neue Figuren für die Übergänge. Wie "Lichtgestalt HellMut" Lux, der Freund, der einen enttäuscht und dem man am Ende doch gläubig zu Füßen liegt.

Kicherer und Lacher kommen aus dem Publikum, das für Kabarettverhältnisse sehr weit weg sitzt, wenn er sich mit gekonnter Dramatik über die Zubereitung von Kartoffelsalat, nämlich den nicht echt bayerischen und wahren, aufregt.

Natürlich grillt Altinger nur Fleisch von bösen Tieren, die es eben verdient haben, gegrillt zu werden. Schade, dass der Kläffer von nebenan nicht dabei ist. Nicht nur in Strunzenöd gibt es dankbare Opfer für Gags: die Schulfreundschaft bei der die blonde Fönwelle der grauen Windhose gewichen ist oder die schräge Yoga-Männergruppe und sogar seine Eltern, die am liebsten Bayern 1 im Radio hören, wo sie ihn als Jungen doch davor gewarnt hatten, denn die da sängen, seien alles Drogensüchtige.

Er springt vom Bild des vorbildlichen, in die Armbeuge niesenden Deutschen zum Ägyptenurlaub, wo es zwar Diktatur aber auch die besten Spaßbäder gebe. Vom Schuhmachermeister, dessen Geselle mit dem Wechseln von Schuhbändern überfordert ist, zu lebensgefährlichen, niedlichen Saug-Robotern. Er nimmt die Upper-Class-Damen aus Starnberg mit dem "tollsten Putz-Party-Trend ever" auf die Schippe: Schließlich könne man mit exotischen Aufräummethoden angeben, aber nicht mit Dreck wegputzen.

Und dann geht es noch ums Schämen. Das komme ja kaum noch vor, höchstens bei den Krisengewinnlern. Gäbe es ein Schämministerium, Andy Scheuer wäre prädestiniert.

Im letzten, dem fünften, Lied an seine Frau, wird alles wieder, fast, gut - bis zum dritten Teil. Und dann sprüht der erlöschende Vulkan noch ein paar Zusatzfunken fürs applaudierende Volk.

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