bk_bike2_220421_4c
+
Querfeldein auf zwei Reifen: Für Radsportler immer wieder ein Kick, für Naturschützer ein Frevel, gerade in Zeiten, in denen die Tier- und Pflanzenwelt zu neuem Leben erwacht. SYMBOLFOTO: DPA

Beliebtes Hobby

Bad Nauheim: Zoff um Mountainbiker im Stadtwald – Illegale Strecken rufen Kritiker auf den Plan

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
    schließen

Für Mountainbiker ist das der richtige Kick: vom Johannisberg auf steilen Rampen querbeet runter nach Bad Nauheim. Aktivitäten, die zunehmen und Naturliebhabern Sorgenfalten auf die Stirn treiben.

Bad Nauheim – Seit 56 Jahren wohnt Hartmut Backhaus unterhalb des Bad Nauheimer Johannisbergs. »Das war meine Kinderstube«, sagt der Gartengestalter, der lange Jahre die Bürgerinitiative Waldpark Skiwiese prägte. Diese aktive Zeit liegt hinter ihm, auch seine beruflichen Aktivitäten hat Backhaus deutlich zurückgeschraubt. Deshalb hat der Naturschützer genügend Zeit, um jeden Tag im Stadtwald spazieren zu gehen. Was er dort sieht und erlebt, bereitet dem Bad Nauheimer Kopfzerbrechen.

»Mountainbiker sind vermehrt aktiv, das hat schon vor Corona begonnen«, berichtet Backhaus. Allein am Johannisberg und Frauenwald hätten die Radfahrer fünf bis sieben kurze Strecken angelegt. »Selbst vor dem extrem steilen Stück von der Sternwarte runter schrecken diese Leute nicht zurück.« Die Annahme, es handele sich um unvernünftige Jugendliche, sei ein Irrglaube. Männer zwischen 40 und 50 Jahren bildeten den Kern der Gruppe.

Sie fällten sogar Bäume, um Strecken zu bauen, legten Rampen an, beschädigten Stämme und die Humusschicht, die auf steilen Abschnitten dann vom Regen weggespült werde. Zudem werde der Limes in Mitleidenschaft gezogen. Gerade im Frühjahr, wenn die Natur erwache, Tiere Nachwuchs bekämen, sei das riskante Querfeldein-Fahren ein Unding. Nach Ansicht von Backhaus müssten Stadt und Forstamt einschreiten. Beide Behörden hielten aber still, obwohl von dem illegalen Treiben auch eine Unfallgefahr ausgehe. »Einmal wurde mein Hund fast überfahren«, sagt der Umweltschützer. Das Gefahrenpotenzial ihrer Aktivitäten sei den Bikern bewusst. Sie sind laut Backhaus professionell ausgerüstet, ähnelten mit ihrer Montur Eishockey-Spielern.

Mountainbike-Szene in Bad Nauheim existiert seit etlichen Jahren

Von Bernd Hallmann aus Friedberg, der einst ebenfalls am Rand des Johannisbergs lebte, wäre eigentlich eine andere Einschätzung zu erwarten. Doch der 50-jährige frühere Leiter der längst aufgelösten Mountainbike-Abteilung des Skiclubs Winterstein, teilt die Ansicht von Backhaus weitgehend. »Die Szene existiert seit langer Zeit, war nie weg. Es handelt sich um Leute aus Bad Nauheim«, weiß Hallmann, der unter Radsportlern bekannt ist. Er selbst ist zwar kaum noch mit dem Mountainbike unterwegs, kennt aber die Aktivitäten am Bad Nauheimer Hausberg.

In der Nähe, am Winterstein, gebe es zwei offizielle Strecken, die von Sportlern umgestaltet werden dürften, daran seien aber viele Biker nicht interessiert. Sie suchten sich ihre eigenen Wege und machten sich über Fragen der Legalität keine großen Gedanken. »Von gefällten Bäumen weiß ich nichts. Das geht gar nicht, Behörden müssten dagegen vorgehen«, sagt Hallmann.

Gerade der extrem gefährliche Hang unterhalb der Sternwarte sei für diese Sportler attraktiv, auch eine vor Jahren bereits zurückgebaute Strecke in einer Streuobstwiese Richtung Nieder-Mörlen sei teilweise wiederbelebt worden. Hallmanns Fazit: »Es zieht immer mehr Leute nach draußen, damit steigt auch der Anteil der Idioten. Und Radfahrer sind keine besseren Menschen.«

Streit um Bad Nauheimer Mountainbiker: Forstamt greift nur auf Anfrage ein

Anselm Möbs, für Öffentlichkeitsarbeit zuständiger Mitarbeiter des Forstamts Nidda, kennt das Problem seit Jahren. Gemäß Hessischem Waldgesetz sei der Sachverhalt klar: Radfahrer dürften nur bestehende Wege nutzen, ohne Erlaubnis des Eigentümers aber keine neuen Strecken bauen oder querfeldein durch den Wald rasen.

Das Forstamt werde nur auf Wunsch der jeweiligen Kommune tätig. »So haben wir in Büdingen Verbotsschilder aufgehängt und Biker-Strecken zurückgebaut oder mit quergelegten Stämmen gesperrt«, erklärt Möbs. Aus Bad Nauheim gebe es bislang keine Beschwerden, das Rathaus habe den Revierleiter deshalb nicht um Unterstützung gebeten. Möbs sieht eine Zunahme der Radsport-Aktivitäten wegen der Corona-Krise. Viele Biker wollten sich aber nicht organisieren und kämen deshalb nicht als Partner einer Kommune in Frage. Etwa wenn eine Stadt überlege, eine offizielle Route anzulegen. »So wie es jetzt läuft, ist es illegal und eine Ordnungswidrigkeit«, sagt Möbs.

Nach Auskunft von Erstem Stadtrat Peter Krank hat sich Hartmut Backhaus auch an die Verwaltung gewandt, Die Angelegenheit werde derzeit geprüft. Aktuellen Handlungsbedarf sieht das Rathaus offenbar nicht.

Bad Nauheimer Wald: Immer mehr Müllablagerungen

»Der Wald wird nur noch als Konsumartikel verstanden. Viele Leute nehmen kaum Rücksicht«, betont Umweltschützer Hartmut Backhaus. Damit meint er nicht nur rücksichtslose Radfahrer, sondern auch Zeitgenossen, die Müll illegal am Johannisberg entsorgen. Laut Backhaus gibt es verschiedene Punkte, etwa die Schranke in Flugplatz-Nähe, an denen immer wieder haufenweise Abfall abgelagert wird - bis hin zu Bauschutt und Sperrmüll.

Der Naturschützer belässt es nicht bei seiner Kritik, sondern sammelt den Müll selbst ein. »Anfangs habe ich ihn in meine Restmüll-Tonne geworfen, aber das lässt die große Menge nicht mehr zu. Jetzt liefere ich den Abfall beim Bauhof ab.« Betroffen sind auch die Skiwiese und Schutzhütten, wo offenbar des Öfteren gefeiert wird. Anschließend liegen auch Scherben und Verpackungsmüll rum. Kürzlich hat Backhaus an einem Tag 66 leere Flaschen gesammelt. »Ich fühle mich für den Wald verantwortlich«, sagt Backhaus, der hofft, dass andere Bürger seinem Beispiel folgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare