Dr. Frank Grunert erläutert, dass sich der Philosoph Christian Thomaius gegen Hexenverfolgung und Inquisition eingesetzt hat. 	FOTO: HKR
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Dr. Frank Grunert erläutert, dass sich der Philosoph Christian Thomaius gegen Hexenverfolgung und Inquisition eingesetzt hat. FOTO: HKR

Er provoziert mit mutigen Schriften

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Bad Nauheim (hkr). Wer die Philosophie seiner Zeit als »monströs« und »unförmig« bezeichnet, will neue Wege gehen. Christian Thomasius (1655 bis 1728) stellte den akademischen Lehrkörper in aristotelischer Tradition auf den Kopf und zeigte in Leipzig und in Halle, das der Universitätsbetrieb entstaubt werden müss. Als Gast der philosophische Reihe skizzierte Dr. Frank Grunert aus Halle im Konzertsaal der Musikschule in seinem Vortrag, warum Thomasius die Philosophie als Studium neu erfand und seine Erkenntnisse auch in der Gegenwart wirken.

»Paukenschlag« in der Philosophie

Thomasius, der das Philosophiestudium der Theologie und Jurisprudenz ebenbürtig sah, trat in Lehre und Forschung für eine offene und kontroverse Diskussionsform ein. Gerade die Philosophie dürfe nicht mehr nur Teil des Hörsaales sein, die Disputation sei nicht allein den Professoren vorbehalten und theologische Positionen als Rahmen der Auseinandersetzung nur Dogma der Einengung. Aufklärung im Sinn der Selbstbestimmung heiße Loslösung von der Theologie und Ersatz der Offenbarung durch Öffentlichkeit und Gesellschaft oder Natur.

Grunert unterstellt Thomasius eine durchaus rabiate Haltung gepaart mit »drastischem Humor«, denn das Verlangen nach Wahrheit sei auch ein Öffnen der Universitäten für alle und für eine neue Zeit. Sein Engagement gegen Hexenverfolgung und Inquisition ordnet Grunert der gleichen Bedeutung zu, wie die lebenslange Auseinandersetzung mit den Lutheranern in Leipzig und den Calvinisten in Frankfurt/Oder, die Thomasius schließlich nach Halle führten. Thomasius’ Antrittsvorlesung über Baltasar Gracián in deutscher Sprache in Halle 1687 ist für Grunert der »Paukenschlag«, der Philosophie der Zeit eine neue Richtung zu geben.

Entscheidend für Grunert ist dabei, dass Thomasius für eine offene Gelehrsamkeit mit praktischer Vernunft eintritt und dogmatische Spitzfindigkeit durch soziales Miteinander ersetzt. Die »Vernunftlehre« von 1691 und zuvor auch schon die »Monatsgespräche« sehen Aufklärung als Basis von Wohlstand.

Für neue Gesellschaft

Klarheit und Erkenntnis seien die Säulen der Gesellschaft sowie Wahrheit und Moral der Anspruch an das eigenständige von Selbstbestimmung geleitete Individuum. Praktische Relevanz und ethische Perspektive ergänzen sich bei Thomasius. Die Lehre der Aufklärung ist der Impuls Öffentlichkeit zu gestalten. Damit, so Grunert, werde die »wahre Glückseligkeit« erreicht, die eine seelenbezogene und damit theologische Seligkeit ablöst. Wenn man dann das Werk Thomasius’ insgesamt würdigt, erkennt Grunert den Vor-Kantianer, der ein neues Bewusstsein durch mehr Allgemeinbildung und Kenntniserweiterung schafft. Da Thomasius die Aufhebung der Stände fordert, tritt er für ein neues Gesellschaftsmodell ein. Er begegnet der Obrigkeit durch Wahrheit, provoziert mit mutigen Schriften, stärkt Eigenverantwortung und soziale Mobilität. Grunert beschreibt Thomasius als Philosoph, dessen »Vernuftlehre« gesellschaftliche Schranken überwindet und freie Berufswahl propagiert, der aber noch nicht von Aufklärung im Sinn des Begriffes spricht, sondern »Klarheit« und »freien Willen« einfordert.

Diese »Weltweisheit« Thomasius’ mache den Philosophen sehr modern, erklärte Grunert. Planvolles Vorgehen und Klugheit ergänzen sich mit Streitlust und Erkenntnisprozess.

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