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Prognosen machen Hoffnung für Bad Nauheim: Aufschwung in den Kurorten nach Corona?

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Von: Bernd Klühs

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Die Tourismusbranche geht nach den Worten von Bürgermeister Klaus Kreß gerade »durch die Hölle«. Das gilt auch und gerader fürs Hotel Dolce, das besonders unter den großen Ausfällen beim Tagungsgeschäft leidet.
Die Tourismusbranche geht nach den Worten von Bürgermeister Klaus Kreß gerade »durch die Hölle«. Das gilt auch und gerader fürs Hotel Dolce, das besonders unter den großen Ausfällen beim Tagungsgeschäft leidet. © Nicole Merz

Jede Krise ist auch eine Chance. Das gilt auch für die Zukunft des Tourismus in Kurorten. Zurzeit befinden sich diese Kommunen in einem Tal der Tränen, doch sie rechnen mit dem großen Aufschwung.

Bad Nauheim - Dieser Studie hätte es gar nicht bedurft. Obwohl die Ergebnisse vorausgesagt werden konnten, hat der Hessische Heilbäderverband untersuchen lassen, wie sich die Corona-Krise auf den Wirtschaftsfaktor Kur und Tourismus auswirkt. Die beim Vergleich zwischen 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie, und 2020 ermittelten Zahlen sind so erschreckend wie erwartet. »Düster und frustrierend«, kommentiert Verbandsvorsitzender Michael Köhler.

In Bad Nauheim, eines von 30 Mitgliedern des Heilbäderverbandes, sieht es keineswegs besser aus, die Daten liegen etwa im Landesdurchschnitt. So sind die Umsätze in Hotels, Restaurants oder dem Einzelhandel 2020 gegenüber dem Vorjahr um über 30 Prozent eingebrochen. Im Gegensatz zum Verbandsvorstand wollen sich die hiesigen Verantwortlichen aber nicht lange mit dem schmerzhaften Rückblick aufhalten, auch wenn Bürgermeister Klaus Kreß sagt: »Corona haut bei Kurorten richtig rein. Die Tourismusbranche geht gerade durch die Hölle.«

Das Bad Nauheimer Rathaus hat nicht nur Daten für die Hessen-Studie geliefert, sondern im Sommer 2021 auch eine eigene Analyse beauftragt. Steffen Schneider, Fachbereichsleiter Kur und Service, bemüht sich, aus den Zahlen etwas Positives abzulesen. So sei die Zahl der Tagesgäste 2020 »nur« um 21,1 Prozent zurückgegangen. »Gerade in Pandemie-Zeiten wollen viele Leute beim Spaziergang im Park oder Wald die Seele baumeln lassen«, erklärt Schneider.

Bad Nauheimer Bürgermeister Kreß: Touristen machen nach Corona mehr Inlandsurlaub und Wellness

Selbst die Tatsache, dass Bad Nauheim seit Jahren nicht mehr über eine Therme verfügt, ist während der Pandemie plötzlich ein Vorteil. Der Verband bezeichnet nämlich die Thermalbäder als »größte Sorgenkinder«, weil ihr Unterhalt viel kostet, aber kaum Einnahmen erzielt werden. Zumindest diese Sorge bleibt Bad Nauheim erspart. Kreß: »Der Zeitpunkt für den Therme-Bau ist nicht der schlechteste. Das bestätigt auch der künftige Betreiber Kannewischer. Nach Corona kommen wir mit einem brandneuen Angebot auf den Markt.«

Überhaupt spricht der Bürgermeister lieber über die Zukunft, die er in rosigen Farben malt. Die Pandemie führe zur Neuorientierung bei den Reisezielen der Deutschen. Laut Kreß wird nach Corona mehr Geld in Inlandsurlaub, vor allem in Wellness und Gesundheit investiert. Große Auslandsreisen oder Kreuzfahrten verlören an Bedeutung. Diese Veränderung werde von lokalen Reisebüros bestätigt. Überschaubare und sichere Kurstädte wie Bad Nauheim könnten von diesem Trend profitieren. »Ich bin total zuversichtlich«, betont Schneider.

Um gut für den Neustart gerüstet zu sein, muss nach seiner Aussage trotz großer Einnahmeverluste Geld in die Infrastruktur gesteckt werden. Der Fachbereichsleiter nennt ein Beispiel: »Wir haben die größten Gradierbauten in Hessen, die zweitgrößten in Deutschland. Das kostet eine Menge, macht sich aber in Sachen Attraktivität bezahlt.« Bad Nauheim habe ein sehr gutes Angebot, Nachholbedarf gebe es nur bei der Infrastruktur des Wohnmobil-Parkplatzes am Usa-Wellenbad.

Corona in Bad Nauheim: Betriebe haben bislang überlebt

Die Betriebe hätten die Pandemie bislang alle überlebt, weder in Gastronomie noch in Hotellerie sei es zu Pleiten gekommen. Dafür verantwortlich machen Kreß und Schneider die enge Kooperation mit den Geschäftsleuten, aus der Aktionen wie »Bad Nauheim geht aus«, »Weihnachtserlebnis«, »Bad Nauheim Liebe« oder »Sprudeltaler« resultierten. »Wir haben in der Krise richtig Gas gegeben«, bilanziert der Bürgermeister. Der Fachbereichsleiter spricht davon, dass Verwaltung, Verein Erlebnis und Geschäftsleute eng zusammengerückt seien - eine erfreuliche Corona-Folge.

Eine ganz wichtige Branche in der »Gesundheitsstadt« sind die Reha-Kliniken. Die haben nach Ansicht von Kreß am wenigsten unter Corona gelitten. Allerdings, so Fachbereichsleiter Schneider, sei die Patientenzahl gesunken. Überlastete Akutkliniken hätten viele OPs verschoben, was zu weniger Reha-Aufenthalten führe.

Der Dank des Bürgermeisters gilt der Landesregierung. In den Corona-Jahren 2020 bis 2022 fließen nämlich zusätzlich zu den gewohnten Zuschüssen in Höhe von 13 Millionen Euro jeweils weitere 5 Millionen an jeden Kurort. Schneider unterstützt die Forderung des Heilbäderverbandes, es über Corona hinaus bei dieser Erhöhung zu belassen. (bk)

Deutlich geringere Umsätze

In den 30 hessischen Kurorten haben 2019 10,27 Millionen Menschen übernachtet, im Jahr darauf waren es nur noch 6,64 Millionen, was einem Rückgang von 35,2 Prozent entspricht. In Bad Nauheim wurden im letzten Jahr vor Corona 771 000 Übernachtungen gezählt, 2020 nur noch 554 000 (- 28,1 Prozent). Wobei in Bad Nauheim drei Viertel der Übernachtungen in Kliniken stattfinden. Bei den Tagesgästen, die in Bad Nauheim für etwa ein Drittel der Umsätze sorgen, fiel der Rückgang geringer aus. Hessenweit sank deren Zahl um 20,9 Prozent, in Bad Nauheim um 21,1 Prozent.

Entsprechend negativ fällt die Bilanz bei den Bruttoumsätzen (inklusive Tagesgäste) aus. Waren es in allen Kurorten Hessens 2019 noch 1,328 Milliarden Euro, ging der Umsatz im Folgejahr auf 769,8 Millionen zurück (- 37,66 Prozent). In Bad Nauheim wurden 2019 164,9 Millionen umgesetzt, im Folgejahr nur 110,4 Millionen Euro (- 33,1 Prozent).

Bei der Zahl der Beschäftigten in der Tourismusbranche vollzog sich ein dramatischer Rückgang. Hessenweit waren vor Corona-Ausbruch 38 180 Menschen beschäftigt, 2020 wurden lediglich noch 23 480 Mitarbeiter registriert (- 38,5 Prozent). In Bad Nauheim wurde ein Rückgang von 3080 auf 2020 Angestellte ermittelt (- 34,4 Prozent).

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