Ob Rollstuhlfahrer oder Rollatornutzer: Hinter der Eingangstür der Post- und Postbank-Filiale wartet eine steile Treppe als unüberwindliches Hindernis. Und dabei bleibt es.
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Ob Rollstuhlfahrer oder Rollatornutzer: Hinter der Eingangstür der Post- und Postbank-Filiale wartet eine steile Treppe als unüberwindliches Hindernis. Und dabei bleibt es.

Enttäuschung für Gehbehinderte

Post-Filiale in Bad Nauheim: Gespräche über Barrierefreiheit gescheitert

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Rollstuhlfahrer Klaus Müller hat der Postbank stets misstraut. Den Verlautbarungen zur Barrierefreiheit in der Bad Nauheimer Post-Filiale hat er nie geglaubt. Wie sich zeigt, hat Müller recht behalten.

Seit Jahrzehnten residieren Post und Postbank im Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Ring. Rollstuhlfahrer, Leute mit Rollator oder mit Kinderwagen stehen nach dem Eingang vor einer Treppe, gelangen nicht in den Schalterraum. Der Werbeslogan »ihre-herzlich-willkommen-bank«, der am Eingang zu lesen ist, kommt den Betroffenen wie Hohn vor.

2006 hatte das Stadtparlament den Magistrat einstimmig aufgefordert, für Barrierefreiheit bei Post und Postbank zu sorgen. Wenig später nahmen der damalige Bürgermeister Bernd Witzel und Erster Stadtrat Armin Häuser Verhandlungen mit der Postbank auf, die Mieter der Räume ist. Mit einem schnellen Erfolg rechneten beide nicht, dachten aber nicht im Traum daran, dass sich über ein Jahrzehnt nichts tun würde.

Erst 2017, als Behinderte Druck machten und WZ-Artikel erschienen, zeigte das Kreditinstitut Einsicht. Das Beschwerdemanagement entschuldigte sich bei Häuser, gelobte Besserung. »Wir werden den Umbau jetzt komplett selbst bezahlen«, kündigte Postbank-Pressesprecherin Iris Laduch im August 2017 an. Das Unternehmen wollte im sofort loslegen, doch angeblich gab es noch Details zu klären.

Post Bad Nauheim: Statik-Probleme

Ein Jahr später warteten Klaus Müller, damals Kontaktstellenleiter des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter in Bad Nauheim, und andere Rollstuhlfahrer weiter auf den Vollzug, wurden immer misstrauischer. »Darauf können wir warten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Die Kosten sind der Post wahrscheinlich zu hoch«, sagte ein Betroffener.

Die Behinderten sollten recht behalten. 2017 hatte die Postbank neben dem Einbau einer elektrischen Schiebetür einen Treppenlift geplant, um Rollstuhlfahrer auf die Schalterraum-Ebene zu hieven. 2018 folgende Nachricht: Es muss neu geplant werden, die Statik lasse die Liftlösung nicht zu. Infrage komme nur ein Aufzug, der deutlich teurer sei. Seitdem liefen Verhandlungen - in erster Linie mit dem Hauseigentümer, aber auch mit der Stadt. Beide lehnten eine Beteiligung ab, die Stadt wollte keinen Präzedenzfall schaffen.

Wie Postbank-Sprecher Hartmut Schlegel jetzt einräumt, seien die Gespräche mit dem Hausbesitzer endgültig gescheitert. »Es tut uns leid, dass wir für unsere gehbehinderten Kunden keine bessere Nachricht haben«, schreibt Schlegel. Hauptgrund seien die Investitionskosten in sechsstelliger Höhe, die das Unternehmen nicht alleine tragen könne. Ohnehin spielten Filialen in Zeiten der Digitalisierung eine immer geringere Rolle. »Wir überprüfen unser Filialnetz kontinuierlich hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Optimierungsmöglichkeiten«, erklärt der Pressesprecher.

Post Bad Nauheim: Kritik von Senioren-Organisationen

Die Postbank habe sich ohne Erfolg nach einem geeigneten barrierefreien Gebäude umgeschaut. Deshalb bleibe die Filiale im Ernst-Ludwig-Ring bis auf Weiteres erhalten. Schlegel verweist auf Alternativen. In der barrierefreien Post-Agentur im Kaufland Nieder-Mörlen würden auch Finanzdienstleistungen angeboten. Ebenso in den Niederlassungen in Ober-Mörlen und Friedberg. Wer Bargeld benötige, könne den Bankautomaten der Commerzbank gebührenfrei nutzen, sich an den Netto- oder Tegut-Markt wenden.

Vertreter der Senioren-Organisationen in Bad Nauheim reagieren mit Empörung auf die Entscheidung der Postbank. Nach Aussage des VdK-Vorsitzenden Wilfried Michel ist das Verhalten des Konzerns »ein Unding und für die Betroffenen absolut unmöglich«. Laut Michel beschäftigt sich der VdK seit Langem mit diesem Thema. »Aber wir kommen nicht weiter, die stellen sich stur.« Viele VdK-Mitglieder, die auf Rollstuhl oder Rollator angewiesen seien, führen mit dem Stadtbus nach Nieder-Mörlen, um im »Kaufland« Postgeschäfte zu erledigen.

Hans-Ulrich Halwe, Vorsitzender des städtischen Seniorenbeirats, will sich mit der Mitteilung der Postbank nicht abfinden. »Ich kann nicht akzeptieren, dass Behinderte ausgeschlossen bleiben«, betont Halwe. Schließlich gebe es für solche Umbauten Fördermittel.

Die Stadtverordnete und Vorsitzende des Bad Nauheimer Seniorenclubs, Sonja Rohde, sieht die Möglichkeit, über die Anlieferrampe im Hof des Post-Gebäudes einen Zugang für Behinderte zu schaffen.

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