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Dr. Bernd Friederichs, Chefarzt an der Median-Klinik am Südpark in Bad Nauheim, zeigt das eigens entwickelte Spezialgerät für Atemselbstübungen. Es ist Bestandteil des Therapiekonzepts für Post-Covid-Patienten.

Lange Wartelisten

Post-Covid-Patienten in Bad Nauheim: Der Weg zur alten Form ist lang

  • vonHanna von Prosch
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Endlich fallende Coronazahlen, endlich Erleichterungen. Das klingt schön, gilt aber nicht für alle. In den letzten Monaten haben sich die Rehakliniken mit Post-Covid-Patienten gefüllt.

Bad Nauheim – Der Krankentransport bringt einen Patienten aus einer Akutklinik zur Rehamaßnahme. Doch bei der Aufnahme stellt das Ärzteteam fest, dass der mitgelieferte Corona-Test vier Tage her und noch positiv ist. Heißt: der Patient darf nicht bleiben, muss zunächst zurück ins Krankenhaus. Solche Fälle kommen zwar nicht häufig vor, zeigen aber, wie angespannt das ganze System rund um die Covid-19-Erkrankung ist.

Aus einem Umkreis bis zu 200 Kilometer werden die Patienten in die Median-Klinik am Südpark geschickt. 48 waren es im Mai, täglich kommen neue - und immer Jüngere. Bereits im März 2020 hatte die Klinikgruppe ein Therapiekonzept erarbeitet, nach dem inzwischen deutschlandweit 2000 Menschen behandelt wurden.

Post-Covid-Patienten in Bad Nauheim: „Lernen, ohne stationäres Sauerstoffgerät auszukommen“

Doch die Maschinerie lief langsam an: Im ganzen Jahr 2020 kamen nur zehn Patienten. Friederichs erzählt, wie schwer sich die Krankenkassen damit taten, diese neue Art der Behandlung in ihrem Abrechnungssystem unterzubringen. 1000 Prozent mehr Sauerstoff sei benötigt worden als vorher in der kardiologischen Reha, was nicht nur eine Frage der Tankbefüllung sondern auch der Kostenbewilligung gewesen sei. Dazu kam die ungewohnte und unerprobte Koordination zwischen den Akut- und der Rehaklinik.

»Inzwischen wissen wir wesentlich mehr über die Krankheit und die Langzeitwirkungen, und wir können besser vor allem mit der ambulanten Sauerstoffversorgung umgehen«, sagt der Chefarzt für Innere Medizin/Kardiologie. Die Symptome, mit denen die Patienten kommen, ordnet er der Häufigkeit nach ein in Luftnot, allgemeine Schwäche, Schwindel, Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen und Depression. »Wir konzentrieren uns bei der Behandlung also zuerst darauf, dass sie lernen, ohne stationäres Sauerstoffgerät auszukommen. Denn wenn sie mit einem mobilen Sauerstoffgerät ausgerüstet sind, was optimalerweise direkt von der Akutklinik mitgegeben wird, erweitert sich auch wieder der Aktionsradius und die Stabilität wird gefördert«, sagt Friederichs.

Post-Covid-Patienten in Bad Nauheim: „Psyche ist beeinträchtigt“

Den Rehabilitationsprozess begleiten dann Physiotherapie, Atemselbstübungen mit einem persönlichen Spezialgerät sowie Inhalieren mit Dampftechnik. Die hochwirksamen Inhalationsplätze dürfen nämlich noch nicht wieder genutzt werden. Wichtig seien Entspannungsübungen, Aufmerksamkeitsübungen für die Konzentration durch Ergotherapeuten und intensive psychosomatische Unterstützung.

»Die Psyche ist natürlich beeinträchtigt, wenn jemand einen schweren Verlauf hatte«, weiß Friederichs. »Ich hatte Vater und Sohn hier, wobei der 45-jährige Sohn schlimmer erkrankt war und die Folgen auch deutlich schlechter verarbeiten konnte als der Vater. Da kommen Zukunftsängste dazu, wie geht es im Beruf weiter, mit privaten Verpflichtungen, der eigenen Leistungsfähigkeit.«

Post-Covid-Patienten in Bad Nauheim: Lange Wartezeit auf den Reha-Platz

Bei Post-Covid-Patienten werden in der Klinik am Südpark die üblichen drei Wochen Reha-Maßnahme auf vier bis sechs Wochen erweitert. Insgesamt rechnet man mit sechs Monaten, bis sie wieder einigermaßen fit sind. Friederichs: »Allerdings müssen sich auch manche Reha-Patienten auf eine Sauerstoff-Langzeittherapie einstellen. Das bedeutet, in eine andere, ungewohnte Lebensphase mit einem Gerät einzusteigen, was intensive Gespräche erfordert.«

Fragt man den Mediziner, wie lange die Post-Covid-Patienten auf eine Rehamaßnahme warten müssen, sagt er stets »viel zu lange«. Beatmete kämen meist direkt, andere müssten sechs bis acht Wochen warten. Und dann gebe es noch diejenigen, die erst zu Hause merkten, dass sie nicht auf die Füße kommen, was eine Reha weiter verzögere. »Die Krankheit hat überall Kettenreaktionen ausgelöst. Und die Reha ist das letzte Glied.« Aber Friederichs macht in jedem einzelnen Fall Hoffnung. Es brauche eben Zeit.

Aerosole werden beim normalen Ausatmen oder Sprechen freigesetzt, die Ansteckungsgefahr ist in geschlossenen Räumen sehr hoch.

Drei Fragen an den Physiker und Aerosolforscher Dr. Gerhard Scheuch

Dr. Gerhard Scheuch, Vorstandsvorsitzender der GS Bio-Inhalation GmbH in Gemünden/Wohra, ist an vielen Studien beteiligt und berät unter anderem das Robert-Koch-Institut zu Lungenmedikamenten, Aerosolmedizin und Inhalationsprodukten.

Soll man in Corona-Zeiten die Sonne meiden oder suchen?

Scheuch: UV-Strahlung mögen Viren gar nicht. Je mehr Sonne desto besser, aber natürlich gut geschützt. In der Mittagssonne können auch Corona-Viren nur wenige Sekunden überleben. Das ist ein Ansatz für die Inaktivierung von Viren, die man sich bei Luftreinigungsgeräten mit UV-Filtern zu nutzen macht. Ausgereift ist die Wirksamkeit in den Geräten aber noch nicht.

Hat solehaltige Luft Einfluss auf die Viren?

Scheuch: Sole per Inhaliergerät einzuatmen ist am besten. Ich habe an der Harvard-Studie 2004 mitgearbeitet, die belegte, dass sechs Minuten Sole inhalieren eine wesentlich geringere Ansteckung für sechs Stunden bewirkt, weil die Viruslast in der Ausatemluft von Infizierten dadurch bis 70 Prozent reduziert ist. Das trifft auch auf Corona-Viren zu. Die salzhaltige Luft der Gradierbauten hat einen ähnlichen Effekt. Gesunde, Geimpfte und Genesene sollten das nutzen, auch Kinder.

Können Pollen Viren aufsammeln?

Scheuch: Da bin ich sehr skeptisch, denn Pollen und Viren zusammen bewirken nichts. Die Viren verteilen sich ja sofort in der Luft. Aber für Allergiker ist in der Heuschnupfenzeit ein Mund-Nasenschutz immer sinnvoll, auch im Freien. (hms)

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