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Poké-Tour im Pokémon-Park

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Bad Nauheim (sda). Alles ist eine Frage der Perspektive. Und aus der eines Sammlers ist der Kurpark äußerst ergiebig. Weil es dort mehr Pokémon gibt als im restlichen Bad Nauheim, weil dort Eier liegen und dort eine Arena ist. Der Vorteil für Pokémon-Go-Spieler: Im Park wird niemand überfahren. Und der Nachteil?

Irgendwann hat irgendeiner angefangen, Briefmarken zu sammeln. Und irgendein anderer wird gefragt haben, was das soll. Der Briefmarkensammler antwortet: einfach so, es macht Spaß, manche sind schwer zu bekommen, eine Herausforderung.

Herausforderungen sind der ewige Reiz beim Sammeln. Nur sind die Objekte nicht zeitlos. Und deswegen werden heute mehr Pokémon gesammelt als Briefmarken. Die Fantasiewesen wurden Anfang der 90er vom Japaner Satoshi Tajiri für ein Gameboy-Spiel erfunden. 700 gibt es etwa, sie heißen Pikachu, Pummeluff oder Taubsi, sind grün, gelb oder blau; groß oder klein; sie leben im Wasser und an Land – wie in Bad Nauheim – und sind zum Gefangenwerden da.

Aus der Perspektive von Nichteingeweihten mag das alles recht verrückt klingen. Zum Beispiel, dass die Trinkkuranlage eine Arena ist, die mal von Team Gelb, mal von Team Blau eingenommen wird. Oder dass der Bode-Gedenkstein ein Pokéstop ist.

Pokémon Go heißt die kostenlose App, die der Grund für die vielen Leute ist, die aufs Handy guckend durch die Gegend laufen. Robin und Fabio sind zwei von ihnen. Sie sind 15, kommen aus einem Dorf bei Butzbach, aber glauben: »Bad Nauheim lohnt sich eher.«

Im Grunde ist Pokémon Go nichts anderes als Briefmarkensammeln – angepasst an die Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts. Die zwei wesentlichen Komponenten des Spiels sind GPS und eine Technik namens Augmented Reality. Durch Geodaten weiß das Handy, wo sich der Spieler befindet und zeigt ihm eine Umgebungskarte an. Auf dieser sind die Pokémon verortet. Durch Augmented Reality ist es möglich, dass die animierten Wesen auf dem Display in die Landschaft eingebettet werden. In Bad Nauheim sieht das so aus: Robin hält seine Handykamera auf die Parkstraße, auf dem Display erscheint die Haltestelle Aliceplatz und ein Pokémon, das davor sitzt. Oder: Ein Blick auf das Display zeigt die Kurpark-Wiese, das Betreten-Verboten-Schild und ein Evoli, das dort sitzt.

»Poké-Smombies«?

Der Weg der Jungs führt weiter über die Straße Richtung Stadt (vorher Blick vom Display nach links und rechts); nein, niemand wird an diesem Tag in Bad Nauheim überfahren. Die Sorge darüber, dass es passiert, gibt es aber. Sie ist auch nicht ganz unbegründet: Mit Aufkommen der Pokémon-Go-Spieler gab es die ersten Meldungen von Kindern, die aufs Handy fixiert vor Autos flitzen. In den USA ist ein Mann gegen einen Baum gefahren, in England ein Junge bei Rot über die Straße gelaufen. Der Kfz-Überwachungsverein Dekra warnt deswegen vor dem ständigen Aufs-Handy-Gucken: »Damit geht die Aufmerksamkeit für die Umgebung verloren. Das kann im schlimmsten Fall tödlich enden«, sagt Clemens Klinke. Das Thema ist nicht neu, seit der Kürung des Worts »Smombie« (Smartphone-Zombie) als Jugendwort bereitet es Eltern zunehmend Sorgen. Eigentlich ist es aber ein zeitloses und handyunabhängiges (Am 1. September 1952 etwa berichtete die WZ von einem Unfall in Münzenberg. Ein zehnjähriger Junge sei vor ein Auto gelaufen, er wurde verletzt).

Kämpfen in der Trinkkuranlage

Wer auf Poké-Tour geht, hat nicht immer die Umgebung im Blick, das stimmt; einmal streift ein Schild sehr nahe am Kopf des 15-Jährigen vorbei, und doch bekommt er alles mit. Vor allem, wer hier noch spielt. Er versteht das seltsame, aber häufig zu hörende Gerede auf der Straße; der Satz »Ich habe schon wieder ein Ei gefunden« ergibt Sinn. Und der Hinweis »Ich muss noch drehen« bedeutet: Moment, kurz warten.

Solche Sätze kommen übrigens nicht nur über die Lippen von Kindern. Die Sammelwut ist altersübergreifend. Papa und Sohn laufen durch die Stadt, sie sprechen vom nächsten Pokéstop (die sind an bestimmten Plätzen verortet, wer an ihnen steht, kann auf seinem Handy eine Aktion ausführen). Ein Paar Mitte 30 spricht die Jungs an: »Hey, ihr seid doch auch Team Gelb« – die zweite Herausforderung neben dem Sammeln: Teams bekämpfen sich in der Arena. Da Pokémon Monster sind, können sie gegeneinander antreten. Traumato vs. Schiggy, Glumanda vs. Evoli. Die Gewinner-Teams nehmen die Arena ein, etwa die Trinkkuranlage oder die Uranus-Statue. Am Pokéstop am Teich sitzen 30 Leute. »Das gibt es doch nicht, der ganze Park ist voller Sucher«, sagt eine Frau sichtlich amüsiert – und ohne Handy in der Hand.

Der Park ist »super«, finden Fabio und Robin. Höhepunkt ist Ponita. Enton, der zwischen echten Enten erscheint, war auch nicht schlecht.

Nach zwei Stunden fahren die Jungs heim. Bad Nauheim war ergiebig. Gute Ausbeute: 20 Pokémon in zwei Stunden – »zu Hause fünf an einem Tag«. Was sie glauben, wie viel sie gelaufen sind? »Sechs Kilometer«, sagt Robin und grinst: »So kommt man halt raus.« Alles eine Frage der Perspektive…

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