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Sie haben schwere Zeiten mitgemacht: Klaus und Ingrid Riemer haben als ehemalige DDR-Bürger nicht nur den Fall der Mauer, sondern auch deren Bau erlebt. Heute leben sie in Bad Nauheim.

30 Jahre Mauerfall

Pogromnacht, Mauerbau, Mauerfall: Ehepaar Riemer war dabei

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Vor 30 Jahren wurde nicht nur Deutschland wiedervereinigt, sondern auch Klaus Riemer und seine Familie. Damals floh er, weil er einen Streikenden versteckte.

Das Abendessen ist gerade vorbei. Klaus Riemer und seine Frau Ingrid hören Radio. Sie sind zu Besuch bei Freunden, als eine Nachricht für fassungsloses Schweigen am Tisch sorgt. Für eine Weile ist es ganz ruhig. Dann siegt die Freude, und Jubel verdrängt die Stille. 30 Jahre später erinnern sich die Riemers noch genau an diesen Moment. Es war der 9. November 1989. Der Tag, an dem die Mauer fiel.

"Ich höre noch heute das Klopfen von Hammer und Meißel auf Beton", sagt Riemer. Am Platz vor dem Brandenburger Tor ließ er sich damals von der Euphorie der Masse anstecken. Dort kletterten Menschen auf die Mauer. Jubelten, sangen, tanzten. Fremde lagen sich in den Armen. "Die Menschen waren wie im Rausch", sagt der 88-Jährige heute. "Ostberliner strömten uns aus jeder Lücke, die sich auftat, entgegen."

An diesem Tag freute sich Riemer nicht nur für die anderen. Am 9. November 1989 wurde die Mauer eingerissen, die ihn von seiner Familie trennte.

Heute wohnt Riemer mit seiner Frau in Bad Nauheim. Doch als Berliner wurde er 1931 in der Charité geboren. Den 9. November verbindet er deshalb mit einem weiteren geschichtsprägenden Ereignis: Der Reichspogromnacht - der Nacht, in der die Synagogen brannten.

"Es ist schon verwunderlich", sagt Riemer. "Ich bin noch in der Weimarer Republik geboren und habe dann zwei Diktaturen erlebt." Die erste tötete seine Jugendliebe Edith in Auschwitz. Die zweite riss ihn und seine Familie auseinander. Denn noch vor dem Mauerbau 1961 verließ Riemer mit Frau und Kind Ostberlin. Er fürchtete, einer staatsfeindlichen Aktion überführt zu werden.

Klaus Riemer war gegen die SED. Ihr System war ihm zuwider. Doch als talentierter Grafiker wurde er, entgegen seiner Gesinnung, für politische Propaganda missbraucht. "Ich musste meterhohe Plakate von Stalin und Lenin malen. Das hat mich krank gemacht", sagt er. Immer wieder begab er sich wegen Magengeschwüren in Behandlung. Als es um den 17. Juni 1953 zu Arbeiteraufständen kam, zögerte er nicht, mit seinen Kollegen einen gesuchten Streikenden zu verstecken. Das Geheimnis schien lange gewahrt, bis einer der Verschwörer später der kommunistischen Jugendvereinigung FDJ beitrat. "Das konnte ich nicht riskieren. Ich musste meine Familie beschützen und so flüchtete ich." Um kein Aufsehen zu erregen, ließen die Riemers die Flucht wie einen Ausflug aussehen. Mit der U-Bahn ging es in den Westen von Berlin. Im Kinderwagen schmuggelte die junge Familie Riemers Schreibmaschine und die Nähmaschine seiner Frau. "Das waren die Fundamente für unseren Neustart."

Der Anfang mit nahezu nichts sei hart gewesen. "Manchmal blicke ich zurück und frag mich, wie wir das geschafft haben", sagt Riemer. Das Ehepaar nahm nahezu jeden Job an: Riemer war zeitweise auf dem Bau, seine Frau in einer Gummifabrik. Nebenher studierte Riemer: Theaterwissenschaften, Psychologie, Kunstgeschichte und Publizistik. Kurz nach seinem Abschluss und noch vor der Promotion dann eine weitere Schreckensmeldung im August 1961: "Ich war absolut fassungslos in diesem Moment", erinnert sich Riemer. Zufällig waren er und seine Frau auch an diesem Tag zu Besuch bei Freunden nahe der Grenze. Dort machten sie sich sofort ein Bild von der Lage. "Ich konnte die ganze Zeit nur an meine Familie auf der anderen Seite denken." Junge Westberliner hätten noch versucht, Pfähle umzustoßen - ohne Erfolg. Der Zaun war gezogen.

28 Jahre sollte die Mauer anschließend stehen: "Länger als Hitler an der Macht war", sagt Riemer und kann es immer noch nicht nachvollziehen. "Der Mauerfall war für mich unersetzlich. Die Wiedervereinigung ist für mich das Höchste an Freude, was in den letzten Jahrzehnten passiert ist." Physisch sei Deutschland heute wiedervereint, doch: "Die Menschen in Ost- und Westdeutschland distanzieren sich noch immer voneinander", sagt Riemer nachdenklich. "Das macht blind und führt zu Vorurteilen." Bestätigt fühlt er sich in den aktuellen Wahlergebnissen in Thüringen. "Die Angst vor Fremden, Rassismus und Antisemitismus. Das ist idiotisch." Und vor allem dürfe es sich nicht wiederholen. "Eigentlich müssen wir heute einfach nur dankbar sein."

Erinnerungen an die Pogromnacht

Klaus Riemer erinnert sich auch an den 9. November von 1938 sehr gut. Gedankenverloren gibt der 88-Jährige zwei Löffel Zucker in seine Tasse und lehnt sich zurück in den Sessel. Langsam steigt Dampf aus der Glaskanne - der Tee scheint vergessen. "Ich war unterwegs zu meinem jüdischen Freund David", beginnt er zu erzählen. Viele Fensterscheiben waren an diesem Tag zertrümmert, der Boden mit Glassplittern bedeckt. An die Mauern waren Parolen wie "Juden raus!" geschmiert, große Davidsterne prangten an den Häuserfassaden. "Ich hatte Angst", weiß Riemer noch. Als er vor der Tür seines Freundes steht, sagt dessen Mutter leise: "Heute nicht."

Die Zerstörung musste mit Juden zu tun haben. Das wurde dem jungen Riemer schnell bewusst. Am Abend zuvor hatten seine Eltern zu flüstern begonnen. "An diesem Abend lernte ich meine ersten Fremdwörter: Mob und Pöbel." (kge)

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