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Plötzlich einen Chef vor der Nase

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Bad Nauheim/Gießen (en). Was muss man einem Chefarzt alles »amputieren«, bis er nur noch auf dem Papier einer ist? Und wie wird man ihn am elegantesten und billigsten los, wenn er sich die Einschränkungen nicht gefallen lässt? Um diese Fragen ging es am Mittwochnachmittag vor der 6. Kammer des Gießener Arbeitsgerichts.

Bernd S. (Name von der Redaktion geändert) hatte geklagt, ihm gegenüber saß sein Arbeitgeber, der Geschäftsführer einer Bad Nauheimer Klinik. Als Bernd S. einst als Oberarzt in der Spezialklinik anheuerte, war man offensichtlich sehr zufrieden mit seiner Arbeit, folglich beförderte man ihn zum Chefarzt, als sein Vorgänger vor vier Jahren in den Ruhestand ging. Doch die »Chemie« stimmte bald danach nicht mehr zwischen ihm und der Klinikleitung, das wurde in der Verhandlung am Mittwoch mehr als deutlich.

Ein Acht-Augen-Gespräch im Beisein der Anwälte hatte im Herbst 2015 keine Lösung gebracht – wegen einer Diskrepanz von 167 000 Euro bei der Abfindung. Also griff die Leitung zu anderen Mitteln: Ein früherer Assistenzarzt – mit ähnlicher Ausbildung – wurde im Januar zum Ärztlichen Direktor ernannt, war fortan der Chef des Chefarztes. »Vor versammelter Mannschaft ein Schlag ins Gesicht«, befand Richter Tim Schömig – und S. nickte. Der Aufsteiger auf der Überholspur leitete nun die Teambesprechungen und übernahm die Personalplanung, vor allem aber hatte er das Sagen bei der medizinischen Letztentscheidung.

Eben die sei ein zentraler Bestandteil der Chefarzt-Tätigkeit, betonte der heute 50-Jährige, während der Klinikleiter die kaufmännischen Notwendigkeiten nach vorn stellte und S. gerade bei der (für Chefarzt und Klinik) lukrativen Betreuung von betuchten Privatpatienten Versäumnisse vorwarf. Den Ärztlichen Direktor bezeichnete der Klinikleiter als sein »Sprachrohr«, keineswegs habe man S. Kompetenzen abgenommen, man habe ihn sogar mit weiteren Aufgaben betraut.

Genau dies freilich sah S. nicht als Vertrauensbeweis, sondern als Schikane, sein Arbeitsalltag habe sich »eklatant verändert«. Zusätzlich zu den verbliebenen Chefarztpflichten mache er nun quasi die Arbeit eines Oberarztes als Stationsleiter, für die Privatpatienten sei ihm persönliche Betreuung auch an den Wochenenden auferlegt worden, wodurch sein Privatleben beeinträchtigt werde.

»Von nix kommt nix«, kommentierte der Klinikleiter das seiner Ansicht nach bestehende Missverhältnis zwischen Leistung und Einkommen des Chefarztes. Was Kläger-Anwalt Ansgar Dittmar konterte: »Der Ärztliche Direktor soll eigentlich koordinieren, hier kujoniert er.« Wogegen sein Vorwurf, die Klinikleitung spreche nicht mit dem Chefarzt, sondern nur über ihn, vom Geschäftsführer so begründet wurde: »Er ist halt selten zu erreichen.« Dessen Beteuerungen, er würde S. gern weiterbeschäftigen, konnten Richter Schömig nicht überzeugen. Er hatte wohlweislich an die Verhandlung über die einstweilige Verfügung – hier ging es darum, die alte Kompetenzhierarchie wiederherzustellen – gleich einen Gütetermin angehängt. Und so befasste man sich im zweiten Teil der fast dreistündigen Verhandlung nur noch mit den Modalitäten der Trennung.

Dann doch ein »sehr gutes« Zeugnis

»Wie auf dem Basar«, kommentierten die Anwälte Dittmar und Dr. Mathias Hofmann (Bad Nauheim) das Gerangel um Kündigungsfristen und Abfindungshöhe. Noch kurz vor dem Vergleich musste Richter Schömig einige Male auf die Sinnhaftigkeit eines Kompromisses hinweisen, »sonst diskutieren wir in zwei, drei Monaten in der Hauptverhandlung wieder über dieselben Fragen«.

Beide Parteien ruderten schließlich so weit zurück, dass Abfindung und Restzeit für beide akzeptabel waren. Vor allem jedoch hatte der Klinikleiter offensichtlich keinerlei Probleme mehr damit, sein »Sprachrohr« Ärztlicher Direktor bis zum Ausscheiden des Chefarztes zu »entfernen« – und dem ungeliebten Mitarbeiter nicht nur sein altes Zimmer wieder zu überlassen, sondern ihm auch ein »sehr gutes« Zeugnis auszustellen.

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