Noch wird diese Fläche am Nordost-Rand von Wisselsheim für Ackerbau genutzt. Doch ab 2023 soll hier ein Wohngebiet entstehen. Werden die Interessen der Landwirte dabei berücksichtigt?
+
Noch wird diese Fläche am Nordost-Rand von Wisselsheim für Ackerbau genutzt. Doch ab 2023 soll hier ein Wohngebiet entstehen. Werden die Interessen der Landwirte dabei berücksichtigt?

Wisselsheim

Pläne für Neubaugebiet in Bad Nauheim werden konkret – und machen Bauern nervös

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
    schließen

Erstmals gibt es konkrete Informationen zum geplanten Neubaugebiet in Wisselsheim. Hellhörig geworden sind vor allem Landwirte, die auf diesen Flächen tätig sind.

Bad Nauheim – In Ballungsräumen haben es landwirtschaftliche Betriebe immer schwerer. Angesichts des Wohnraummangels erheben Kommunen häufig Anspruch auf Acker oder Weiden. Landwirte reagieren deshalb sensibel, wenn von einem Neubaugebiet auf der grünen Wiese die Rede ist. Das gilt auch und gerade für Wisselsheim, den kleinsten Stadtteil Bad Nauheims.

Wisselsheim schrumpft. Hatte der Ort an der Wetter 2010 noch 939 Bewohner, waren es laut Statistischem Landesamt 2019 nur noch 841. Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch und das Stadtparlament wollen deshalb die Möglichkeit des Flächennutzungsplans ausschöpfen, der beidseits des Wölfersheimer Wegs Wohnbaufläche vorsieht.

Pläne für Neubaugebiet in Bad Nauheim: Landwirte befürchten Klagen der Neubürger

Das 4,5 Hektar große Gelände gehört der Hessischen Landgesellschaft (HLG) mbH. Hauptgesellschafter ist das Land Hessen. Die HLG will das Areal selbst entwickeln. Allerdings wird der Bebauungsplan im Rathaus erarbeitet, die Politik kann die Gestaltung des Wohngebiets also beeinflussen. Dabei wird es nicht zuletzt um die Interessen der Landwirte gehen. In dem Dorf gibt es noch einige aktive Voll- und Nebenerwerbsbetriebe, die fast alle im oder rund um das potenzielle Neubaugebiet aktiv sind.

Viele Landwirte nahmen deshalb an der jüngsten Ortsbeiratssitzung teil, bei der die Pläne für das Wohngebiet zur Debatte standen. Die Bauern, allen voran Josef Edelbauer, wiesen auf Konflikte hin, die nach einer Bebauung entstehen könnten. So müssten Landwirte weiter mit ihren Maschinen den Wölfersheimer Weg befahren, der mitten durchs Neubaugebiet führe. Dabei entstünden Lärm, Gerüche und Staub. Edelbauer befürchtet Klagen der Neubürger.

Nach Auskunft des stellvertretenden Ortsvorstehers Sven Klausnitzer gibt es einen Hof, der im künftigen Wohngebiet liegt, mit dem Eigentümer habe die HLG eine Einigung anstreben müssen. Andere Betriebe sind nicht weit entfernt im Melbacher Weg zu finden, dort werden auch Tiere gehalten.

Die Bedenken der Landwirte finden sich im Beschluss des Ortsbeirats wieder. »Ein reines Wohngebiet bietet zu viele Ansätze für künftige Klagen«, heißt es. Im Bebauungsplan müssten Interessen der ansässigen Betriebe berücksichtigt werden. Edelbauer und Mitglieder des Ortsbeirats favorisieren ein Mischgebiet, auch wenn das nicht im Beschluss steht.

Neubaugebiet im Ortsteil Wisselsheim: Stadt Bad Nauheim ist gegen Mischgebiet

Dieser Anregung möchte das Rathaus nicht folgen, wie Heiko Heinzel, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung, auf Anfrage erklärt. Trotzdem hat er die Belange der Landwirte im Blick. »Es ist mein Ziel, für die angestrebte Gebietsentwicklung eine Flächenausweisung zu finden, die dem Charakter der bebauten Umgebung Rechnung trägt«, betont Heinzel. Mögliche Varianten seien das »Dorfgebiet« oder ein »Dörfliches Wohngebiet«. Ein Mischgebiet lehnt er ab, weil dadurch die Ansiedlung von größeren Betrieben ermöglicht würde.

»Umfangreicher als notwendig«, so Heinzel, beschäftige sich die HLG mit Landwirtschaft und Immissionsschutz. Dabei erfolge eine enge Abstimmung mit betroffenen Landwirten. Heinzel: »Mögliche Fehlentwicklungen und Konfliktpotenziale können so noch frühzeitiger erkannt und bereits vor Einstieg in das eigentliche Bebauungsplanverfahren ausgeräumt werden.«

Dieses Verfahren wird möglicherweise im ersten Quartal kommenden Jahres beginnen. Der Fachbereichsleiter rechnet mit dem Eingang aller notwendigen Gutachten bis Ende 2021. Dann könnten die politischen Gremien loslegen.

Neubaugebiet in Bad Nauheim: 78 Wohneinheiten auf 4,5 Hektar geplant

Die HLG-Geschäftsführung hat klare Vorstellungen bezüglich der Gestaltung des Wohngebiets und des zeitlichen Ablaufs. Wie Gunther Thias, stellvertretender Fachbereichsleiter Bodenbevorratung und Kommunalbetreuung, wissen lässt, sollen 78 Wohneinheiten in Ein- und Zweifamilienhäuser entstehen. Dieses Ziel ist mit der Stadt abgestimmt.

Ob sich der Wunsch des Ortsbeirats nach »Tiny-Häusern« (sehr kleine Häuser) für ein bis zwei Personen erfüllt, bleibt abzuwarten. »In Wisselsheim wohnen viele ältere Bürger in zu großen Häusern. Deshalb gibt es den Bedarf für Tiny-Häuser«, sagt Sven Klausnitzer. Zudem will die HLG ein Grundstück an die Stadt abgeben. Die Wobau könnte darauf ein Mehrfamilien-Mietshaus errichten.

Thias rechnet nach dem Aufstellungsbeschluss mit einer zweijährigen Planungsphase. Die Erschließung des Baugebiets soll 2023 beginnen.

Was sagt Baunutzungsverordnung?

In der Baunutzungsverordnung (BauNVO) des Bundes ist festgelegt, wie Baugebiete ausgewiesen werden dürfen. Unter anderem tauchen die Begriffe »Dorfgebiet« und »Dörfliches Wohngebiet« auf. Eine dieser beiden Einstufungen favorisiert Heiko Heinzel, neuer Leiter des Bad Nauheimer Fachbereichs Stadtentwicklung, für das Neubaugebiet in Wisselsheim.

Das »Dorfgebiet« ist in Paragraf 5 der BauNVO zu finden. »Dorfgebiete dienen der Unterbringung von Wirtschaftsstellen land- und forstwirtschaftlicher Betriebe, dem Wohnen und der Unterbringung von nicht wesentlich störenden Gewerbebetrieben sowie der Versorgung der Bewohner des Gebiets dienenden Handwerksbetrieben. Auf die Belange der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe einschließlich ihrer Entwicklungsmöglichkeiten ist vorrangig Rücksicht zu nehmen.« Wie aus der Formulierung abzulesen ist, genießt die Landwirtschaft in seinem solchen Gebiet Priorität.

In Paragraf 5a wird das »Dörfliche Wohngebiet definiert, das den Interessen von Gewerbe und Wohnen etwa gleichen Rang einräumt. Der Wortlaut: »Dörfliche Wohngebiete dienen dem Wohnen sowie der Unterbringung von land- und forstwirtschaftlichen Nebenerwerbsstellen und nicht wesentlich störenden Gewerbebetrieben. Die Nutzungsmischung muss nicht gleichgewichtig sein.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare