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Der Kernstadtfriedhof ist für Trauernde ein Ort der Erinnerung an ihre Lieben. Umso schlimmer, wenn es zu Diebstählen und Pietätlosigkeit kommt.

Wetteraukreis

Bad Nauheim: Pietätlose Vorfälle auf dem Hauptfriedhof – „Schmerzhaft und unheimlich“

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Gegenstände von Gräbern wegzunehmen oder zu vertauschen, ist ein Übergriff. Einer 44-Jährigen Bad Nauheimerin sind solche pietätlosen Vorfälle auf dem Hauptfriedhof zugestoßen – mehrfach.

Gräber des Hauptfriedhofs in Bad Nauheim sind teilweise mit Liebesgaben bestückt, wie Rosen, Grablichtern, bemalten Steinen und Kreuzen. Es sind Zeichen, dass sich Angehörige kümmern. Dass sich an diesem stillen Ort Diebstähle und Pietätlosigkeit ereignen, würde niemand denken. Eine Bad Nauheimerin musste es erleben, was laut Auskunft aus dem Rathaus aber ein absoluter Einzelfall ist.

Wie die 44-Jährige erzählt, habe sie einen Tag vor dem Todestag ihrer Mutter Ende Februar einen Engel auf dem Grabstein vorgefunden. Zunächst dachte sie sich nicht viel, legte die Figur auf das Grab. »Sonntags habe ich ein selbstgestaltetes Gesteck für meine Mutter hingestellt. Am Montag, ihrem Todestag, war es weg. Stattdessen stand eine große weiße Keramikschale dort, in der sich ein kleinerer Plastiktopf mit Hyazinthen und Narzissen befand.« Die Hinterbliebene merkte, dass etwas nicht stimmte, nahm die fremde Schale und den Engel vom Grab, um beides an die Seite zu legen.

Bad Nauheim: Dreimal wurde auf dem Grab etwas verändert

Zwei oder drei Tage später fehlte erneut etwas: Der Plastiktopf mit den Blumen war weg, nur noch der Engel und die weiße Schale waren übrig. Freitags war der Geburtstag der Mama. Diesmal stellte die Tochter nichts hin, sondern pflanzte etwas ein, damit die unbekannte Person nichts mehr wegnehmen könne.

»Es ist ein komisches Gefühl, an das Grab zu gehen und es wurde dreimal etwas verändert. Ich fühlte mich seltsam«, sagt die Frau. Sie habe einen Arbeiter gefragt, ob er etwas gesehen habe, doch das habe er nicht. Allerdings wusste er, dass einem Witwer ebenfalls das Gesteck vom Grab seiner Frau fehlte, die gerade beerdigt worden war. Unsere Gesprächspartnerin stellt fest: »Es ist sehr schmerzhaft, beklemmend, seltsam und unheimlich.«

Diebstahl auf Friedhöfen: In Bad Nauheim geht es um persönliche Dinge

Immer wieder höre man von Metall-Diebstählen auf Friedhöfen, aber in diesem Fall seien es persönliche Dinge. »Ich bin herumgegangen und habe nach meinem Gesteck geschaut, aber es war nirgends zu finden.« Die 44-Jährige findet die Vorfälle pietätlos, es mache nachdenklich. »Es ist beängstigend, dass jemand mehrfach rund um den Todestag das Grab aufsucht und Sachen wegnimmt.«

Die Angehörige fragte in ihrem Freundes- und Familienkreis nach, doch niemand war es gewesen. Sie ist überzeugt, dass die Person auch nicht aus dem Bekanntenkreis ihrer Mutter stammen könne. Die Mama lebte woanders, wurde in Bad Nauheim bestattet, damit ihre Tochter sich um das Grab kümmern kann.

»Meine Hoffnung ist, dass auch andere Hinterbliebene etwas aufmerksam sind und dass man schaut: ›Ist noch alles da, was man hingesetzt hat?‹« Besonders schwer wiege, dass sich die unheimlichen Vorfälle zeitnah zu Todestag und Geburtstag der Mutter ereignet haben.

Bad Nauheim: Auch andere berichten von Diebstahl auf dem Friedhof

Zwei Damen, die anonym bleiben wollen, stehen vor einem Grab auf dem Hauptfriedhof. Beide haben schon Diebstähle erlebt, Pflanzen und eine Schale seien ihnen weggekommen: »Das kommt immer wieder vor, solche Dinge sind bekannt«, sagen sie.

Jürgen Patscha kann den Kummer der 44-jährigen Frau nachvollziehen: »Es ist eine mysteriöse Geschichte, man kann sich vorstellen, was es bei Trauernden auslöst und dass man wissen möchte, was dahintersteckt.« Wie der städtische Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung betont, handele es sich um einen »absoluten Einzelfall«. Friedhofsverwalter Ralf Paul, dem die Betroffene die Geschichte erzählt habe, seien keine weiteren solcher Fälle des Hinlegens, Vertauschens und wieder Wegnehmens bekannt. »Aus der Schilderung kann man annehmen, dass es sich entwickelt und ein bisschen System hat«, sagt Patscha. Die Stadt werde auf alle Fälle aktiv sein und diese Mitteilung nicht einfach so hinnehmen. Was Diebstähle angeht, sei es ansonsten ruhig geworden, Ausnahme sei der vergangene Montag gewesen, als jemandem ein Blumengesteck weggekommen sei »Ich bin zufrieden über die Situation, vor ein paar Jahren war es schlimmer. Aber ich kann schon verstehen, dass sich die Hinterbliebene Sorgen macht.« Wer ebenfalls Probleme auf dem Friedhof habe, könne sich an Verwalter Paul wenden.

Hauptfriedhof Bad Nauheim

Auch heutzutage dient der Friedhof in der Homburger Straße in Bad Nauheim noch als Hauptfriedhof. Im Jahre 1902 legte die Stadt die Fläche als Nachfolgelösung für den Alten Friedhof an, der neben der heutigen Stadtschule an der Wilhelmskirche angesiedelt war. 35 Gräber des Kernstadtfriedhofs stehen unter Denkmalschutz. Nicht nur Bad Nauheimer sind in den alten Gräbern beerdigt, sondern auch Kurgäste, da die Überführung Verstorbener in früheren Zeiten nicht einfach gewesen ist. In den Hauptfriedhof integriert sind das Islamische Grabfeld und der Jüdische Friedhof. Stadtarchivarin Brigitte Faatz hat einen »Ratgeber für den Trauerfall« geschrieben, der die Geschichte des Friedhofs beinhaltet. Eine pdf-Datei ist unter https://www.total-lokal.de/pdf/61231_trauer.pdf abrufbar.

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