Krankenschwester Susanne Sokoll arbeitet seit 33 Jahren in der Taunus-Klinik Bad Nauheim. Um dem Pflegenotstand zu begegnen, bedarf es ihrer Ansicht nach vieler Änderungen - keineswegs nur bei der Bezahlung. FOTO: NICI MERZ
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Krankenschwester Susanne Sokoll arbeitet seit 33 Jahren in der Taunus-Klinik Bad Nauheim. Um dem Pflegenotstand zu begegnen, bedarf es ihrer Ansicht nach vieler Änderungen - keineswegs nur bei der Bezahlung. FOTO: NICI MERZ

Stress und niedrige Löhne

Pflegenotstand: Erfahrene Krankenschwester fordert mehr Wertschätzung

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Über den Pflegenotstand in Kliniken wurde 2020 dank Corona intensiv diskutiert. Die Bad Nauheimer Krankenschwester Susanne Sokoll fordert diesbezüglich mehr Wertschätzung für den Beruf.

Seit fast 40 Jahren kümmert sich Susanne Sokoll um kranke Menschen. Seit 33 Jahren ist sie in der Taunus-Reha-Klinik Bad Nauheim tätig, aktuell als stellvertretende Pflegedienstleiterin. "Viele Kollegen haben ein spezielles Gen, sie wollen Patienten helfen. Ein anderer Beruf kommt meist gar nicht in Frage", sagt die 55-Jährige. Unzureichende Entlohnung, viele Überstunden, Dauerstress und fehlende Mitspracherechte sorgten bei vielen Pflegekräften allerdings für Abnutzungserscheinungen.

Die verbreitete Meinung, der Pflegenotstand sei ein relativ neues Phänomen, hält Susanne Sokoll für einen Irrglauben. Sie lernte in der William-Harvey-Klinik Bad Nauheim zunächst Pflegehelferin und schloss eine dreijährige Krankenschwester-Ausbildung im Bürgerhospital Friedberg an. "Nach der Prüfung arbeitete ich in der Unfallchirurgie. Schon Mitte der 80er Jahre herrschte Personalmangel und großer Druck. Das führt - damals wie heute - zu gefährlicher Pflege", erzählt die Bad Nauheimerin. Manchmal habe Pflegepersonal mit Patienten in lebensbedrohlichem Zustand alleine dagestanden, weil kein Arzt greifbar gewesen sei. Notbesetzung sei ein Dauerzustand gewesen. "Diese Art von Verantwortung wollte ich nicht mehr tragen." Sie entschloss sich 1987, zur Taunus-Klinik zu wechseln.

Diesen Schritt hat die 55-Jährige, die über einige Zusatzqualifikationen verfügt, nie bereut. Allerdings werde im Reha-Bereich weniger verdient. Komme eine jüngere Pflegekraft mit Intensiv-Spezialisierung im Drei-Schicht-Betrieb auf 2100 Euro netto im Monat, seien es in der Reha-Klinik deutlich unter 2000 Euro. Andererseits sei der Stress in Reha-Kliniken deutlich geringer, Beschäftigte hätten mehr Zeit für Hobbys und Familie. Susanne Sokoll: "Deshalb bleiben in der Taunus-Klinik fast alle bis zum Rentenalter. Auch ich habe das vor."

Wirtschaftlichkeit im Vordergrund

Obwohl sie längst nicht mehr in einer Akutklinik arbeitet, ist die 55-Jährige durch Kolleginnen und ihre Tochter, ebenfalls Krankenschwester, gut informiert. Die Belastung nehme zu, nicht erst durch Corona. "Spätestens seit Einführung der Fallpauschalen steht die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Es soll Geld verdient werden - auf Kosten von Patienten und Angestellten."

Beim Führungspersonal sei die Fluktuation hoch. Die Neuen setzten das Sparen an oberste Stelle. Beispiel: Sei eine Intensivpflegekraft früher für einen beatmeten Patienten zuständig gewesen, müsse sie sich heute oft um drei kümmern. Solche Bedingungen trieben junge Leute vom Krankenbett weg: Sie bildeten sich mit Studium oder Kursen weiter, um ins Pflegemanagement zu wechseln, oder stiegen ganz aus dem Beruf aus.

Das schlechte Image des Pflegeberufs habe etwas mit der Bezahlung zu tun, wichtiger ist aus Sicht von Susanne Sokoll aber die Wertschätzung - extern wie intern. Die 55-Jährige versteht nicht, warum das Ansehen dieser systemrelevanten Tätigkeit so schlecht ist. "Seit Corona hat sich das kurz geändert, weil die Leute Angst vor dem Virus hatten. Schon im Sommer war es damit vorbei. Patienten reagierten mit Unverständnis und pampig auf Hygieneregeln. Weil sich ständig etwas änderte, war auch das Personal verunsichert."

Wenige Kliniken mit Magnetwirkung

Intern sollten Schwestern und Pfleger in einen Verbesserungprozess eingebunden werden, was in der Taunus-Klinik funktioniere. Das Pflegepersonal müsse bereit sein, seine praxisnahen Erfahrungen einzubringen, Ärzte und Verwaltung müssten diese Mitbestimmung zulassen. Verantwortlichkeiten sollten klar geregelt sein. Damit sich die Krankenschwester mehr um Patienten kümmern könne, müsse sie - etwa beim Essenverteilen - von Pflegehelfern unterstützt werden. Zur Entlastung könne auch eine Stationssekretärin beitragen. Andererseits sollte die Schwester nicht die Arbeit von Ärzten erledigen.

"Es gibt Magnetkrankenhäuser, die gute Bedingungen bieten und Stellen schnell besetzen können. Allerdings gehört nur eines von zehn Häusern zu dieser Kategorie", schätzt die 55-Jährige. Würden sich mehr Kliniken in diese Richtung entwickeln, könnte der Pflegenotstand nach Ansicht von Sokoll behoben werden. Darüber würde sie sich gerne mit Kollegen aus anderen Bad Nauheimer Kliniken austauschen. Ein solcher Gesprächskreis existiere leider nicht.

Zehntausende von Stellen fehlen

Die Weltgesundheitsorganisation hat 2020 zum Jahr der Pflegekräfte ausgerufen. Es scheint auch dringend geboten, diesen Beruf und seine Arbeitsbedingungen in den Fokus zu rücken. Stichworte sind zu niedrige Löhne, Personalmangel und zunehmende Belastung. "Die Bilder von völlig erschöpften Intensivschwestern, die in Corona-Zeiten ständig zu sehen sind, machen das deutlich", sagt Krankenschwester Susanne Sokoll. Gleichzeitig seien diese Medienbeiträge nicht dazu angetan, mehr Nachwuchs für diese wichtige Tätigkeit zu finden. Studien zufolge fehlen in deutschen Krankenhäusern mindestens 100 000 Vollzeitstellen, in Altenheimen gar 120 000. Neue Mitarbeiter kommen oft aus dem Ausland, meist fehlen zunächst die notwendigen Sprachkenntnisse.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat deshalb das Pflegenetzwerk Deutschland gegründet. Es will Werbung für den Beruf machen, dessen Bedeutung erläutern und die positiven Seiten hervorheben. Auch Susanne Sokoll engagiert sich im Pflegenetzwerk, auch wenn sie bezüglich notwendiger Veränderungen nur bedingt optimistisch ist. Immerhin habe Spahn kleine Schritte in die richtige Richtung unternommen, etwa die Einführung von Personaluntergrenzen für die Abteilungen einer Klinik. Susanne Sokoll: "Er ist der erste Minister, der Interesse an den Probleme an der Basis zeigt."

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