Sollte es bei der geplanten Parkgebührenerhöhung in der zentralen Innenstadt bleiben, wollen die Einzelhändler im Sommer auf die Barrikaden gehen und Unterschriften sammeln.	FOTOS: NICI MERZ/WZ-ARCHIV
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Sollte es bei der geplanten Parkgebührenerhöhung in der zentralen Innenstadt bleiben, wollen die Einzelhändler im Sommer auf die Barrikaden gehen und Unterschriften sammeln. FOTOS: NICI MERZ/WZ-ARCHIV

Einzelhändler in Sorge

Bad Nauheim: Parkgebühren-Erhöhung - Händler wollen „keinen Krawall“, üben aber Kritik

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Die neue Parkgebühren-Ordnung für die Bad Nauheimer Innenstadt wurde wegen Corona zum 1. Januar noch nicht in Kraft gesetzt, doch Mitte des Jahres ist es soweit. Das sorgt für Widerstand.

  • Die für den 1. Januar geplante Parkgebühren-Erhöhung in Bad Nauheim wurde um ein halbes Jahr verschoben.
  • Heimische Einzelhändler üben Kritik an den neuen Parkgebühren, vor allem der Zeitpunkt sei der falsche.
  • Ab 1. Juli sollen die Parkgebühren um bis zu 43 Prozent erhört werden, Bewohnerparken folgt bald.

Die Bad Nauheimer Verwaltung ist an einer Verkehrswende ebenso interessiert wie die Parlamentsmehrheit. Beschlossen wurde ein großes Reformpaket, das in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll (siehe Zusatzartikel). Die Geschäftsleute in der Innenstadt sind zwar gesprächsbereit, wie eine WZ-Umfrage ergab, sehen aber vor allem eine rote Linie, die nicht überschritten werden sollte: die Höhe der Parkgebühren und die Höchstparkdauer. »Wir sind keine Krawallmacher. Bislang kommen wir mit der Stadt aber auf keinen gemeinsamen Nenner«, sagt Natascha Schmidt, Vorsitzende des Vereins Erlebnis Bad Nauheim und Geschäftsführerin von Benetton am Aliceplatz.

Bad Nauheim: Falsches Signal im Lockdown-Sckock?

Nach Ansicht der Erlebnis-Vorsitzenden wird mit der zum 1. Januar geplanten, aber auf Wunsch der Einzelhändler-Organisation um sechs Monate verschobenen Parkgebühren-Erhöhung ein falsches Signal gesetzt. Zum einen stecke die Wirtschaft mitten im Lockdown-Schock, die Auswirkungen seien Mitte des Jahres auf keinen Fall überwunden. »Wir können froh sein, wenn Kunde überhaupt in die Innenstadt kommen. Die Politik redet nur von ein paar Cent, die Tarife werden aber tatsächlich um gut 40 Prozent angehoben«, sagt Schmidt.

Zum anderen könne die Erhöhung - wenn überhaupt - nur parallel zu anderen vorgesehenen Schritten den gewünschten Effekt zeigen. Die Benetton-Chefin nennt Parkleitsystem und Shuttle-Busse zwischen Großparkplätzen und City. Vor allem das Leitsystem hält sie für elementar. Wer etwa von Nieder-Mörlen in die Kernstadt fahre, müsse sofort erkennen, dass auf dem Parkplatz am großen Teich 30 Plätze frei sind, in der Parkstraße dagegen keiner.

Bad Nauheim: Höchstparkdauer wird bemängelt

Autofahrer auf Großparkplätze umzuleiten mache nur Sinn, wenn es um Tages- und Kurgäste oder Berufspendler gehe. Für die Kunden der Geschäfte müssten Kurzzeitparkplätze erhalten bleiben. Komme die Gebührenerhöhung, werde der Handel einen finanziellen Ausgleich für Kunden schaffen müssen. Soweit ist es laut Schmidt aber noch nicht. »Höhere Parktarife sollten langfristig nicht in Frage kommen. Hält die Politik am Termin 1. Juli fest, gehen wir auf die Barrikaden und sammeln Unterschriften.«

Als Benetton-Geschäftsführerin bemerkt Schmidt vor allem eines: Die Besucher seien immer gehetzt, müssten schnell zurück zum Auto, um keinen Strafzettel zu riskieren. Die meisten Kunden wollten möglichst nahe an den Geschäften parken und möglichst wenig bezahlen. Manche Autofahrer parkten sogar in der Fußgängerzone, um Bäcker oder Bank aufzusuchen.

In einem weiteren Kritikpunkt sind sich Natascha Schmidt und Jochen Rottgard (Geschäftsführer Hinzen-Herrenmoden, Stresemannstraße) einig. Die Höchstparkdauer von zwei Stunden in der Zone 1 sei zu kurz. »Die Erhöhung der Gebühren ist prinzipiell, aber zum jetzigen Zeitpunkt besonders unglücklich. Eine Höchstparkdauer von zwei Stunden reicht nicht aus, gerade für Modegeschäfte mit längerer Beratungszeit«, sagt Rottgard. Die Höhe der Tarife spiele nicht die Hauptrolle. Hinzen-Herrenmoden biete bereits an, die Gebühren von bisher 1,40 Euro für eine Stunde zu erstatten, Kunden machten davon aber kaum Gebrauch.

Bad Nauheim: Politik will Innenstadt von Verkehr freihalten

Eine verkehrsfreie Zone Innenstadt lehnt Rottgard klar ab, »sonst spielen wir den Einkaufszentren in die Hände«. Der Geschäftsführer könnte sich höchstens damit anfreunden, die vielen Besucher, die an schönen Sommertagen per Auto in die Stadt strömen, von der City fernzuhalten. Seinen Mitarbeitern stellt Rottgard einen kostenfreien Stellplatz zur Verfügung, sofern sie nicht mit Bus oder Bahn nach Bad Nauheim kommen.

W. Adolf Purper, Seniorchef der gleichnamigen Goldschmiede und des Schmuckladens (Stresemannstraße), hält die Höchstparkdauer ebenfalls für eine wichtige Frage. »Zu uns kommen dienstags und freitags viele Leute, die den Markt besuchen. Die müssen ihre Fahrzeuge also längere Zeit abstellen.« Der Wunsch der Politik, die Innenstadt von Verkehr freizuhalten, sei zwar verständlich, notwendig sei aber ein ausgeklügeltes Konzept. Purper nennt als Beispiel ein Shuttle-Bus-System mit engem Takt, das die Großparkplätze mit der City verbinde. Werde die Gebührenanhebung realisiert, fürchtet er, dass viele auswärtige Kunden einen Bogen um Bad Nauheim machen.

Bad Nauheim: Parkgebühren-Erhöhung bis zu 43 Prozent

Die Parkgebühren in der zentralen Innenstadt (Zone 1) werden ab dem 1. Juli um bis zu 43 Prozent auf 1 Euro pro halbe Stunde erhöht. Die Höchstparkdauer beträgt dann zwei Stunden. Die Zone 2, wo die Gebührenerhöhung bereits jetzt gilt, umfasst das große Gebiet rund um die Frankfurter Straße. Dort fallen generell 70 Cent pro 30 Minuten an. Die Höchstparkdauer beträgt drei Stunden, es gibt keine Tagestickets mehr. Auf den Großparkplätzen - Frankfurter Straße, Schwalheimer Straße und Bahnhof, die alle Schrankenanlagen erhalten sollen - darf das Auto rund um die Uhr abgestellt werden, das Tagesticket kostet dort 3 Euro.

Die sogenannte Road Map für die Mobilitätswende soll 2021 und in den Jahren darauf Stück für Stück umgesetzt werden. Das Bewohnerparken wird im »Dichterviertel« und am Goldstein in Kürze Realität. Ebenfalls im laufenden Jahr sollen die Amerikanische Siedlung und das Neubaugebiet Bad Nauheim-Süd folgen. Zudem soll der Parkplatz am Usa-Wellenbad ebenfalls gebührenpflichtig werden. Ab 2022 enthält die »Road Map« eine Erweiterung des Parkdecks Schwalheimer Straße und Bewohnerparken im Usa-Viertel. Mittelfristig ist der Vorrang für Anwohner auch im Gebiet rund um die Burgallee geplant. Eine Neuerung, die von vielen Einzelhändlern ebenfalls kritisch betrachtet wird.

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