Dankeskirche

Orgel-Experte: "Renovierung ist nicht sinnvoll"

  • vonHanna von Prosch
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Eine Lösung muss her: Thomas Wilhelm ist Orgelsachverständiger der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau. Er spricht sich im Interview für eine neue Orgel in der Dankeskirche Bad Nauheim aus.

Herr Wilhelm, Sie kennen die Orgel in der Dankeskirche sehr gut, denn Sie haben schon als Lioba-Schüler darauf gespielt. Warum empfehlen Sie einen Neubau statt einer Restaurierung?

Thomas Wilhelm: Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, zumal die hohe Orgelkultur der Dankeskirche wesentlich durch das vorhandene Instrument und ihre Organisten geprägt ist. Auch im jetzigen Zustand lassen sich der Orgel Klänge entlocken, die sich vor vielen alten und neuen Instrumenten nicht verstecken müssen. Andererseits bestehen Brüche und Härten, die die Möglichkeiten des Spieles bedeutend einschränken. Korrekturen mit einem überschaubaren Aufwand sind an diesem Instrument durch die technische Anlage nicht realisierbar. Die Raumausnutzung und die Aufstellung der Pfeifen sind wenig glücklich. Hinzu kommen limitierte Windreserven in der Zuleitung zu den einzelnen Pfeifen. Aufgrund der unbefriedigenden Funktion und neuer Richtlinien wären in jedem Fall erhebliche Nachbesserungen und Erneuerungen in den Bereichen Mechanik und Orgelelektrik notwendig.

Was heißt das konkret?

Wilhelm: Dieses Gesamtpaket führt zu der Einschätzung, dass bei einer ohnehin sehr umfangreichen Orgelbaumaßnahme ein Neubau das sinnvollere Vorgehen ist. Die klangliche und technische Anlage sowie die optische Erscheinung können passend aufeinander abgestimmt werden, sodass bei einem sorgsam vorbereiteten Neubau ein besonders erfreuliches Ergebnis zu erwarten ist.

Welche Anforderungen haben Sie klanglich an die neue Orgel?

Wilhelm: Die neue Orgel muss in der Lage sein, die Spielenden zum lebendigen Musizieren zu ermuntern. Gleichzeitig soll sie die singende Gemeinde oder die Zuhörer erfreuen und anrühren. Das heißt, sie muss eine künstlerische Persönlichkeit von tiefgründigem Charakter sein, sowohl zart als auch mächtig klingen können. Die Register müssen so beschaffen sein, dass sie sich in vielfältiger Weise zu immer neuen Klangfarben kombinieren lassen. Damit soll die Orgel Musik verschiedener Stile, seien es Kompositionen oder Improvisationen, gültig wiedergeben und eigene Impulse setzen.

Bei einer hochwertigen Verarbeitung sollte der neuen Orgel ein langes Leben beschieden sein

Thomas Wilhelm

Was bedeutet das für den Bau?

Wilhelm: Mit der klanglichen Erscheinung soll der haptische Eindruck an der Spielanlage korrespondieren. Das Tastengewicht darf weder zu hoch noch unangenehm niedrig sein. Hinzu kommen eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit und eine präzise Übertragung der Spielimpulse.

Wie muss die Orgel beschaffen sein?

Wilhelm: Der innere Werkaufbau muss übersichtlich angelegt sein, alle Teile sollen zu Wartungszwecken gut zugänglich sein. Gleichzeitig ist auf eine gute Aussprache der Pfeifen zu achten. Bei einer hochwertigen Verarbeitung sollte der neuen Orgel somit ein langes Leben beschieden sein.

Welche Rolle spielt die gute Akustik in der Dankeskirche?

Wilhelm: Im Hinblick auf die absolute Abklingdauer und das Abklingverhalten weist die Dankeskirche sehr günstige Eigenschaften auf. Der Nachhall ist unterstützend und veredelnd, er verzerrt den Klang nicht. Die Musik erhält Wärme, ohne übermäßig an Transparenz einzubüßen. Dadurch dass ein guter Teil des Pfeifenwerkes übernommen werden soll, lässt sich die Klangarchitektur verlässlich planen.

Der erste Schritt der Stufenlösung für rund 650 000 Euro erreicht noch nicht die Optimallösung und die Größe der jetzigen Orgel, oder?

Wilhelm: Nein, aber der erste Bauabschnitt ist als ein in sich geschlossenes Instrument mit zwei Manualen konzipiert. In ihm werden sowohl die klassischen Klangfarben vorhanden sein als auch orchestrale Elemente. Dazu gehören die möglichst stufenlose Änderung der Lautstärke des Klanges oder die charakteristische Färbung von Solostimmen. Was das Instrument in dieser Fassung aber genau können wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Sicher ist, dass man jederzeit darauf aufbauen kann.

Info

Musikalische Probleme

Thomas Wilhelm ist Orgel- und Glockensachverständiger der EKHN. Er berät bei allen Maßnahmen an Orgeln oder Glocken, die über eine normale Wartung hinausgehen oder berät bei musikalischen Problemen, die Orgeln oder Glocken haben können. Nach dem Abitur studierte Wilhelm Kirchenmusik und Orgel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Danach absolvierte er ein Cembalostudium am Institut für Historische Interpretationspraxis der HfMDK Frankfurt. Das Konzertexamen Orgel legte an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg ab. Er ist nebenamtlicher Kirchenmusiker der St.-Nikolaus-Gemeinde Bad Vilbel und ist Lehrbeauftragter für das Fach Orgelkunde in Heidelberg. Wilhelm wohnt in Karben. (bf)

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