"Ohne Helm wäre ich nicht mehr am Leben"

Bad Nauheim (cor). Es ist Sonntag, 13.30 Uhr, als die erfahrene Mountainbikerin Steffi Bohnet aus Bad Nauheim auf ihrer Radtour oberhalb des Waldteichs auf einem kleinen Weg Richtung Ockstädter Kirschenberg unterwegs ist. Dann passiert es.

Mit geschätzten 30 km/h kommt ihr Rad zum abrupten Stillstand, die Radfahrerin fliegt sieben Meter weit, schlägt auf dem Boden auf und trägt schwere Verletzungen davon. Ihre Vermutung: Ein Draht war gespannt.

"Ein Gefühl, als ob man gegen ein stehendes Hindernis fährt", beschreibt Bohnet den Zwischenfall, bei dem sie schwere Verletzungen davonträgt. Ihre Vermutung: Dort war ein Draht oder ein Seil gespannt. Zumal wenige Minuten später an derselben Stelle ein zweiter Radfahrer zu Fall kommt.

"Kein erfahrener Biker würde an dieser Stelle so stürzen", sagt MTB-Experte Bernd Hallmann aus Bad Nauheim. An der Unfallstelle herrsche eine gute Bodenbeschaffenheit, es gebe keine Steigungen oder Kurven. Auch eine starke Bremsung könne einen solch folgenschweren Unfall nicht verursachen. Wie das Unfallopfer vermutet auch Hallmann Fremdeinwirkung durch einen stramm gespannten Gegenstand. Beweisen lasse sich das aber nicht. Draht oder Seil wurden später nicht gefunden.

Steffi Bohnet liegt verletzt am Boden, als ein anderer Radfahrer sie findet und den Notarztwagen alarmiert. Noch während die Bad Nauheimerin medizinisch versorgt wird, kommt es zu einem weiteren mysteriösen Zwischenfall. Ein zweiter Radfahrer stürzt an derselben Stelle, nur 20 Minuten nach dem ersten Unfall. Der Betroffene wird zeitgleich mit Steffie Bohnet verletzt ins Hochwaldkrankenhaus eingeliefert.

Der Sturz hat gravierende Folgen. Steffi Bohnet muss zweimal im Gesicht genäht werden, hat mehrere Platzwunden, das Kiefergelenk ist angebrochen, ebenso sind Schneidezahn, linke Schulter und Arm verletzt. Außerdem zieht sich die Bad Nauheimern einen Muskelriss im Oberschenkel zu. Nach zwei Tagen kann sie die Klinik zwar verlassen, ist aber noch zwei Wochen arbeitsunfähig. "Normalerweise sollte ich zur Gesichtschirurgie nach Gießen", berichtet Bohnet. "Ich habe aber in Bad Nauheim einen Arzt gefunden, der mich behandeln kann. Gut, dass ich einen Helm getragen habe, sonst wäre ich nicht mehr am Leben."

Wie Bernd Hallmann erklärt, ist die Gefahr für Biker im Wald akuter denn je. An verschiedenen Stellen in Stadtwald, Hochwald oder am Winterstein seien Biker gefährdet. Grund: Nagelfallen oder Spanndrähte, die ein Unbekannter auslegt. "Das zieht sich hin bis Rosbach." Es habe mehrere Anzeigen gegeben. Das bestätigt Polizeisprecher Jörg Reinemer. "Wir haben bezüglich der Nägel schon ermittelt." Der Sache werden auf jeden Fall nachgegangen. Wichtig sei, dass sich die Betroffenen mit der Polizei in Verbindung setzen. Reinemer rät in solchen Fällen immer zu einer Anzeige. Diesen Weg möchte auch Steffi Bohnet gehen. Mit der Polizei hat sie bereits Kontakt aufgenommen.

Ein Draht in Kopfhöhe

Bernd Hallmann, der gute Kontakte in Bikerkreisen hat, weiß, dass viele Opfer auf den Gang zur Polizei verzichten. Er nennt das Beispiel eines Bekannten aus Rosbach, der sich beim Sturz einen Schlüsselbeinbruch zugezogen hatte. Zuvor war er über ein Nagelbrett gefahren. Bereits seit drei Jahren würden die Mountainbiker von dem Unbekannten attackiert. "Ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt, wissen wir nicht", sagt Hallmann.

Fakt sei, die Vorfälle häuften sich seit der geplante Entwurf des neuen hessischen Waldgesetzes im Gespräch sei. "Anfangs waren nur Dachdeckernägel im Wald ausgestreut, mittlerweile sind die Materialien professioneller geworden."

Das Gefahrenpotenzial nehme zu. So hätten radelnde Kinder aus der Umgebung des Hochwalds einen Draht entdeckt, der an ihrer Sprungschanze in Kopfhöhe angebracht worden war. In einem anderen Fall sei eine verrostete Kette in einer Höhe von 30 Zentimetern angebracht worden.

Ein Forstmitarbeiter ist im Hochwald ebenfalls auf einen gespannten Draht gestoßen. Er informierte Lukas Hölzinger, Stadtjugendpfleger der Stadt Friedberg, der durch seine Arbeit viele Jugendliche kennt, die in der Nähe des Hochwalds wohnen. "Ich habe die Warnung gleich weitergeben", erklärt Hölzinger. Von gestreuten Nägeln und Krähenfüßen höre er seit mehreren Jahren. "Kinder haben auch Nagelplatten entdeckt."

Bernd Hallmann hat diesbezüglich mit Thomas Götz vom Forstamt gesprochen. Einen Ansatz, wie dem Problem beizukommen ist, gebe es bislang allerdings nicht. Die Waldgebiete seien stark frequentiert, von Wanderern, Bikern, Jägern oder Spaziergängern. Der Anteil der Radfahrer sei besonders groß. "Das betrifft Jugendliche genauso wie Senioren", sagt Hallmann. Er weist in seinem Bikertreff auf die richtige Verhaltensweise im Wald hin. "Wichtig ist ein positives Miteinander." Es sollte einen Dialog geben, der allen gerecht werde. Im Gespräch mit dem Forstamt hat Hallmann Hilfeleistungen der Mountainbiker angeboten, etwa eine Beteiligung an der Waldsäuberung. "Es kann ja nicht sein, dass man nirgends mehr fahren kann", meint auch Steffi Bohnet.

Damit nicht noch mehr Unschuldige verletzt werden, hängt Hallmann Warnschilder für Biker im Wald auf. Rund 20 Exemplare hat er an Gefahrenstellen angebracht. "Davon hängen aber nur noch zwei." Jemand habe sich die Mühe gemacht, alle abzureißen.

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