Gerichtsprozess

Nieder-Mörler Fall vor Gericht: Sex-Video und Rätsel um die Ehe

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Eine Heiratsurkunde nach Scharia-Recht, ein Sex-Video und eine Vergewaltigung – der dritte Verhandlungstag am Gießener Landgericht hatte es in sich. Es geht um einen Fall in Nieder-Mörlen.

Bis die Nebenklägerin, das mutmaßliche Opfer, am Freitag ihr Martyrium in einer Januar-Nacht 2018 schilderte, ging einige Zeit ins Land. Wie die WZ berichtete, muss sich ein 28-jähriger Syrer vor Gericht verantworten, weil er seine Ehefrau zwischen dem Abend des 7. und dem Morgen des 8. Januar 2018 in der gemeinsamen Nieder-Mörler Wohnung im Bad eingesperrt, gefesselt, vergewaltigt und mit dem Tod bedroht haben soll. Am Morgen soll er sie zudem geschlagen haben.

Ob die beiden überhaupt miteinander verheiratet sind, ist umstritten. Zwar existiert ein Schriftstück, wonach sie im Oktober 2014 geheiratet haben, die Frau war zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt. Statt Unterschriften befinden sich Fingerabdrücke auf dem Zeugnis, das von einem Scharia-Gericht in Nubl ausgestellt worden sein soll. Sie sei dort nie gewesen, behauptete die Nebenklägerin. Der Angeklagte habe ihr das Schreiben vorgelegt und sie aufgefordert, den Fingerabdruck zu machen. Gelegenheit zum Durchlesen habe sie nicht bekommen, wobei sie damals auch nicht gut habe lesen können. Das Schriftstück sei wegen Bestechung ausgestellt worden, lautete ein Vorwurf der 20-jährigen Schülerin – "in Syrien weht ein anderer Wind".

Als ich diese Augen sah, bekam ich Angst und flüchtete

Die Nebenklägerin über den Angeklagten

Die Nebenklägerin schilderte, wie sie während eines Türkei-Aufenthaltes den Angeklagten kennengelernt habe. Am Anfang sei er sehr nett gewesen. "Ich habe ihm vertraut". Dann habe er sie zu sich nach Hause eingeladen, sie habe etwas getrunken und sich danach schwummrig gefühlt. Während dieser Begegnung soll es zu einem nicht einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gekommen sein, den der Angeklagte auf einem Video festgehalten habe. Wiederholt habe der 28-Jährige sie damit erpresst. Sie müsse mit ihm zusammen sein, andernfalls würde er dieses Video ihren Eltern zeigen. Was nach Angaben der jungen Frau dramatische Folgen gehabt hätte: Ihr Vater hätte sie umgebracht, sagte die junge Frau. Zurück in Syrien habe der Angeklagte sie jeden Tag geschlagen. Weil seine Eltern es nicht gut gefunden hätten, dass sie nicht verschleiert gewesen sei. Und weil sie eine Kurdin und er ein Araber sei.

Sie flüchtete zu ihrer Familie, er reiste hinterher, beide zogen zusammen nach Istanbul. Auch von dort wollte die junge Frau , flüchten – mittlerweile im sechsten Monat schwanger. Diesmal mit dem Flugzeug nach Dänemark. Auch dorthin reiste der Angeklagte nach. Gemeinsam gingen die beiden nach Deutschland, kamen schließlich nach Nieder-Mörlen. In Bad Nauheim kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Wegen des Kindes sei sie bei ihm geblieben, doch habe sie einen anderen Mann kennengelernt, mit dem sie auch ein intimes Verhältnis begonnen habe.

Im Dezember 2017 sei sie gemeinsam mit dem neuen Freund in Gießen unterwegs gewesen, dort habe der Angeklagte die beiden zusammen gesehen. "Als ich diese Augen sah, bekam ich Angst und flüchtete", sagte die junge Frau. Der Angeklagte habe sie festgehalten, auf den Boden gedrückt, sie mit einem Messer bedroht. Der neue Freund schubste den Angeklagten weg, wurde aber mit dem Messer am Kopf verletzt.

Schwur auf den Koran

Danach lebten Nebenklägerin und Angeklagter getrennt voneinander, die Tochter blieb bei ihm. Er habe gedroht, dass er eher das Kind töten als es ihr überlassen wolle, sagte die junge Frau vor Gericht. Wenn sie ihre Tochter sehen wolle, müsse sie zu ihm zurückkommen. Sie zog wieder zu ihm nach Nieder-Mörlen – was nicht lange Bestand hatte, denn am 7. und 8. Januar 2018 soll es zu den heftigen Übergriffen gekommen sein. Er habe sie mit Kabelbindern an der Heizung gefesselt, sie geknebelt, ihr ein Messer an den Hals gehalten und sie auch vergewaltigt haben. Am nächsten Morgen, als sie seine Befehle nicht mehr habe akzeptieren wollen, habe er sie geschlagen. Wiederholt habe sie auf den Koran schwören müssen, ehe sie die Wohnung dann doch habe verlassen dürfen. Das nutzte die junge Frau, um zur Polizei zu gehen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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