+
Holzhäuser statt Lebensmittel - so könnte die Zukunft dieser Ackerfläche am Ostrand von Schwalheim aussehen. Anwohner der Wilhelm-Leuschner-Straße (l.) haben sich schon vor mehr als zehn Jahren gegen eine Bebauung gewandt. Foto: Nici Merz

Investor will bauen

Was Neues im Osten: Schwalheim soll wieder wachsen

  • schließen

Die Kernstadt-Bevölkerung wächst, in den Wetter-Ortsteilen Bad Nauheims stagnieren oder schrumpfen die Zahlen. Diesem Trend könnte mit einem Neubaugebiet in Schwalheim begegnet werden.

Schwalheims langjähriger Ortsvorsteher Klaus Englert ist skeptisch. Er kennt seine Pappenheimer. Im Stadtteil wurde schon oft über neue Wohngebiete diskutiert, stets begleitet von massiver Gegenwehr - selbst bei einem Mini-Projekt wie am Auweg. Jetzt gibt es konkrete Überlegungen, das Wingert-Wohngebiet (links der Straße Richtung Sauerbrunnen) um eine Fläche von 4,3 Hektar zu erweitern.

Englert will sich für die Pläne des Unternehmens Fingerhaus einsetzen, das dort 70 Gebäude in Holzfertigbauweise errichten möchte. Ob dafür eine Mehrheit im Ortsbeirat zustande kommt, ist nach aktueller Einschätzung des Ortsvorstehers aber nicht sicher. "Wenn dieses Gremium nicht zustimmt, dürfte das Vorgaben kaum durchzusetzen sein", glaubt Englert.

Bewohnerzahl geschrumpft

Wie seine Kollegin Gisela Babitz-Koch (CDU-Ortsvorsteherin Rödgen/Wisselsheim) ist der Schwalheimer UWG-Mann für einen schrumpfen Stadtteil zuständig. Babitz-Koch ist bei ihren Bemühungen, diesen Trend umzukehren, schon weiter. Kürzlich hat das Parlament einen B-Plan-Aufstellungsbeschluss für ein neues Wohngebiet an der Römerstraße in Rödgen gefasst. In Schwalheim gab es das letzte Flächenwachstum vor etwa 25 Jahren - damals handelte es sich um den dritten Abschnitt des Wingert-Gebiets, jetzt könnte der vierte folgen.

Bürgermeister Klaus Kreß begrüßt das Engagement des Ortsvorstehers, das angesichts der aktuellen Bevölkerungszahlen nur zu verständlich sei. Laut Kreß hat Schwalheim zurzeit 2048 Bürger, 233 weniger als vor 20 Jahren. Der Rathauschef weiß allerdings um die speziellen Befindlichkeiten in Schwalheim, kennt die Vorgeschichte der aktuellen Pläne. Gegen eine Bebauung des Areals zwischen Brunnenstraße und Wilhelm-Leuschner-Straße hatten sich Anlieger nämlich bereits 2007 zur Wehr gesetzt (siehe Zusatzartikel).

Bürgerversammlung geplant

Kreß und mit ihm der Magistrat haben deshalb eine ganz vorsichtige Vorgehensweise gewählt. Die "Stadtregierung" hat sich zwar am 5. November mit dem Konzept des Investors befasst, dabei aber noch keinen zustimmenden Beschluss gefasst. "Erster Schritt wird im Februar eine Bürgerversammlung in Schwalheim sein. Danach soll der Ortsbeirat entscheiden", skizziert der Bürgermeister den Zeitplan. Eine Zustimmung des Ortsbeirats vorausgesetzt, könnten sich danach die parlamentarischen Gremien mit der Aufstellung eines Bebauungsplans beschäftigen.

"Das Gebiet ist im Flächennutzungsplan seit vielen Jahren als mögliches Wohngebiet vermerkt", könnte nach Ansicht von Kreß recht schnell Baurecht geschaffen werden. Der potenzielle Investor aus dem nordhessischen Frankenberg, der zurzeit auch im Rhein-Main-Gebiet sehr aktiv ist, hat seine Hausaufgaben bereits gemacht. Laut Kreß ist Fingerhaus Eigentümer der gesamten Fläche am Ostrand von Schwalheim.

Fertige Holzhäuser

Das mittelständische Familienunternehmen, das seit 1820 existiert und sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf Holzfertigbauweise spezialisiert hat, setzt heutzutage eigenen Angaben zufolge nicht zuletzt auf hohe ökologische Standards und Energieeffizienz. Nach Aussage des Bürgermeisters können Käufer unter verschiedenen Haustypen wählen, das Neubaugebiet würde also kein extrem einheitliches Erscheinungsbild erhalten.

Dass es im Osten was Neues gibt, hat sich offenbar noch nicht bei allen Bewohnern der Wilhelm-Leuschner-Straße herumgesprochen. Dr. Udo Neudert, einst einer der schärfsten Kritiker einer möglichen Bebauung des Areals, erfuhr durch die WZ von den Fingerhaus-Plänen. "Wir haben eigentlich gehofft, dass Überlegungen, dort zu bauen, zur Ruhe gekommen sind", sagt er. Angesichts der neuen Entwicklung würde Neudert eine Anwohner-Versammlung begrüßen, um sich über die weitere Vorgehensweise auszutauschen.

Anlieger-Proteste schon 2007

Schon 2007 gab es Widerstand gegen eine Aufnahme des 4,3 Hektar großen Areals am Ortsrand von Schwalheim in den Flächennutzungsplan (FNP). 14 Anlieger - vorwiegend aus der Wilhelm-Leuschner-Straße - sagten Nein zu einem neuen Wohngebiet und engagierten einen Anwalt. Damals war neben der Kommune das Regierungspräsidium Darmstadt für den FNP zuständig. Beim RP stießen die Gegner auf gewisses Verständnis, die Behörde bewertete das Gebiet als "klimatisch besonders wertvoll und für Wohnzwecke problematisch".

Der Planungsverband Frankfurt/Rhein-Main, der wenig später die FNP-Regie übernahm, war anderer Ansicht. Die Interessengemeinschaft blieb bis 2009 aktiv, um die Ackerfläche, die sie als ökologisch wertvoll einstufte, zu erhalten. Bedarf für eines neues Wohngebiet wurde nicht gesehen. "Eine vernünftige Begründung, hier neues Bauland zu schaffen, gibt es nicht. Die Eigentümer wollen ihr Land versilbern", urteilte Dr. Udo Neudert, damals einer der Sprecher der Anlieger.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare