Frustrierte Unternehmer

Bad Nauheims Taxifahrer verabschieden sich langsam vom Diesel

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Dieselfahrverbote sorgen unter den Bad Nauheimer Taxifahrern für enorme emotionale und finanzielle Belastungen. Eine Lichtblick für die Unternehmer kommt aus Japan.

Das Wort Software-Update können Mohammad Tafazzoli, Vorsitzender der Taxivereinigung Bad Nauheim, und seine Kollegin Ute Schmidt-Micelotta nicht mehr hören. Als der Dieselskandal richtig ins Rollen kam, erhielten die Taxifahrer Post vom Kraftfahrtbundesamt. "Ich habe so lange wie möglich abgewartet, bis die Stilllegung meines Wagens drohte", erzählt Schmidt. Offenbar hat sie das Unheil kommen sehen, denn sobald die neue Software für ihren VW Touran aufgespielt war, stellten sich enorme Schwierigkeiten ein.

Fast jeden Morgen gab es Probleme, ständig gingen Werkstatt-Rechnungen ein

Mohammad Tafazzoli, Vorsitzender der Taxivereinigung Bad Nauheim

Ständig war das Auto in der Werkstatt. Meist fingen die Probleme – vor allem mit Katalysator und Einspritzdüse – beim Anlassen an: Mehrere Kontroll-Lämpchen gingen an und nicht mehr aus. "Es leuchtete wie ein Christbaum. In meiner Verzweiflung habe ich die Instrumententafel mit Visitenkarten abgedeckt, um das Elend nicht mehr zu sehen." Sie hatte Decken und Wasser an Bord, falls das Auto stehen bleibt.

Etliche Tausend Euro mussten sie und Tafazzoli in Reparaturen stecken. "Fast jeden Morgen gab es Probleme, ständig gingen Werkstatt-Rechnungen ein", berichtet der Vorsitzende der Taxivereinigung. VW übernahm keine Haftung. Zwar stammt die Software vom Konzern, der Zusammenhang zwischen neuem Programm und zeitgleich auftretenden Problemen ist aber nur schwer nachzuweisen.

Horrende Reparaturkosten

Eine Klage hielten beide Taxifahrer für aussichtslos. Trotzdem ist Ute Schmidt sicher: "Alte Hardware und neue Software sind nicht kompatibel." Nervlich war sie bald am Ende. Als ihr Touran nach längerer Zwangspause wieder lief, heulte sie vor Freude wie ein kleines Kind.

Die Taxifahrer blieben auf den horrenden Reparaturkosten sitzen, parallel häuften sich Umsatzverluste. "Während der gesamten Bad Nauheimer Kerb konnte ich meinen VW nicht nutzen", berichtet Ute Schmidt. Schweren Herzens begannen sie und ihre Kollegen, sich mit dem Diesel-Ausstieg zu befassen. Auch weil niemand weiß, wie es mit den Fahrverboten weitergeht.

Das Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs zu Frankfurt hat die Unsicherheit vergrößert. "Im Auftrag von Kliniken touren wir nicht nur nach Frankfurt, sondern bundesweit in Großstädte. Es ist absehbar, dass wir mit Dieseln nicht mehr in die City fahren dürfen", sagt Tafazzoli.

Umsteigen auf Hybrid?

Er zog rechtzeitig Konsequenzen, konnte seinen gebrauchten Diesel gut verkaufen. Schlechter sieht es bei Ute Schmidt aus: "Er steht seit Monaten beim Händler und geht nicht weg." Normalerweise wird ein Taxi nach einer Laufleistung von 400 000 Kilometern ausgetauscht, Schmidts und Tafazzolis Wagen hatten nicht mal 300 000 auf dem Tacho. Andere Kollegen haben erst vor einem Jahr einen neuen Diesel gekauft, der aber auch vom Fahrverbot betroffen sein wird.

Der Chef der Vereinigung machte sich als erster schlau, stieg auf einen Toyota Primus + mit Hybridantrieb um. Seinem Beispiel sind weitere vier Unternehmer gefolgt, Stück für Stück wird wohl ein Großteil der 28 Bad Nauheimer Taxis folgen. Tafazzoli ist vom Produkt überzeugt, Japan sei in der Hybrid-Technik führend.

Der Verbrauch sei deutlich niedriger als beim Diesel, die Verarbeitungsqualität hoch, die Inspektion viel preiswerter als bei deutschen Wagen. Allerdings müssen in den Primus + stolze 35 000 Euro investiert werden, inklusive Taxiausstattung. Schmidt sitzt seit November am Steuer ihres Toyota. Als sie den bestellte, hatte sie den Touran noch nicht komplett abbezahlt.

Unternehmer stinksauer

Auf Politiker und deutsche Autobauer sind die Taxifahrer stinksauer, fühlen sich verschaukelt. Ute Schmidt hat Bekannte in den USA, wo Käuferrechte im Fokus stehen. "Die Familie hatte zwei VW Diesel. Sie erhielten den vollen Preis zurück, es gab sogar 5000 Dollar obendrauf." Hierzulande blieben die Kosten beim Dieselfahrer hängen.

Deutsche Hersteller sitzen laut Schmidt auf einem zu hohen Ross, hätten Entwicklungen verschlafen. Zudem werde der Service schlechter. Zunächst wechselten die Taxifahrer von Mercedes zu VW. Jetzt legen immer weniger Unternehmer Wert auf "Made in Germany", versuchen ihr Glück mit der japanischen Konkurrenz.

Info

Appell an die Stadt

Um ihre Arbeitsbedingungen in Bad Nauheim zu verbessern, haben die Taxiunternehmer einen Wunsch an die Stadtverwaltung. Vor etlichen Jahren waren beim Bau des Facharztzentrums am Hochwaldkrankenhaus die zwei Taxi-Stellplätze verschwunden und nicht zurückgekehrt. Diese Plätze hätten Mohammad Tafazzoli, Chef der Taxivereinigung, und seine Kollegen gerne wieder. Damit würde es ihnen leichter fallen, der Konkurrenz aus Friedberg zu begegnen. Laut Tafazzoli stellen sich die Kollegen aus der Nachbarstadt einfach vor das Facharztzentrum und warten auf Fahrgäste. Die Bad Nauheimer Zentrale wird von Praxen angerufen, wenn ein Auto an der Klinik eingetroffen ist, sind die potenziellen Kunden aber schon weg. "Die Friedberger arbeiten mit Dumpingpreisen. Dort gibt es zwar ebenfalls einen Taxitarif, es hält sich aber kaum jemand dran." Wie die Bad Nauheimer Unternehmerin Ute Schmidt ergänzt, seien in der Kreisstadt auch viele Mietwagen in der Taxibranche im Einsatz. Sie transportierten manchmal Fahrgäste für Gebühren, die nicht mal kostendeckend seien. (bk)

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