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Auf Schwimmhilfen ist kein Verlass. Kinder, die nicht schwimmen können, müssen darum ständig im Auge behalten werden. Und sie gehören wie im Bad Nauheimer Usa-Wellenbad ins Nichtschwimmerbecken.

Kinder in Gefahr

Immer weniger Kinder können sicher schwimmen: Ein Wetterauer Bademeister weiß warum

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Auch in Bad Nauheim hapert es an der Schwimmfähigkeit. Martin Schubert, Bademeister im Usa-Wellenbad, kennt einige Gründe und weiß, warum Eltern eine Teilschuld tragen.

Gnadenlos brennt die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Der Geruch von Pommes und Chlor liegt in der Luft. Lukas hinterlässt nasse Fußabdrücke, in der Hitze trocknen sie sofort. Er steuert auf seine Mutter Natascha zu, die etwas entfernt am Rand des Nichtschwimmerbeckens sitzt. "Lukas ist sicher im Wasser", sagt sie. "Ich vertraue ihm." Ständige Aufsicht sei in seinem Fall nicht nötig. "Ich habe ja auch das Seepferdchen", sagt Lukas stolz. Nun peilt er das Deutsche Jugendschwimmabzeichen Bronze an - mit elf Jahren eigentlich zu spät.

Laut einer Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) können immer weniger Kinder sicher schwimmen. Nur noch 40 Prozent erreichen bis zum Abschluss der vierten Klasse das Bronzeabzeichen. Ende der 1980er Jahre waren es noch mehr als 90 Prozent. Dabei gilt der sogenannte Freischwimmer als Mindestvoraussetzung für sicheres Schwimmen.

Martin Schubert, Bademeister im Usa-Wellenbad und Schwimmausbilder bei der DLRG Butzbach, sieht einen Grund für die Entwicklung in den mangelnden Ressourcen. "Es fehlen sowohl Schwimmlehrer als auch Schwimmflächen", sagt er. Die Nachfrage an Schwimmkursen sei viel zu groß. Allein das Usa-Wellenbad sei ständig ausgebucht. "Die Wartelisten reichen bis ins nächste Jahr." Auch Natascha erzählt von einer schwierigen und langwierigen Suche. Nur durch Zufall sei Lukas in einem Hotel-Kurs untergekommen.

Eine ähnliche Erfahrung hat eine andere Mutter gemacht. "Innerhalb von wenigen Minuten war online alles ausgebucht", erzählt Sabrina. Für ihren Sohn konnte sie einen Platz ergattern, der Kurs sei aber gnadenlos überfüllt gewesen. "Es war schlimm. Die Schwimmlehrer waren überfordert", erzählt sie. Ihr Sohn wurde damals unbemerkt von einem panischen Kind unter Wasser gezogen und nicht mehr losgelassen. Danach hat sie ihn aus dem Kurs genommen.

"Kinder ertrinken leise", sagt Sascha Rieck, Betriebsleiter des Usa-Wellenbad. Auch wenn das Freibad mit all den Rettungsschwimmern und Bademeistern vergleichsweise sicher scheint: Die Aufsichtspflicht liegt bei den Eltern. "Wir können mit unseren Blicken nicht überall gleichzeitig sein", sagt Schubert. Ihr Job ist auch nicht der, eines Babysitters. "Ich habe manchmal den Eindruck, als ob Eltern denken, sie könnten ihre Kinder bei uns abgeben", sagt Rieck. Verständnis kann er dafür keines aufbringen.

Immer wieder käme es vor, dass Nichtschwimmer ohne Aufsicht im Schwimmerbecken landen. "Auf die Schwimmhilfen darf man sich nicht verlassen", sagt Schubert. Die könnten Luft verlieren, abrutschen oder ausgezogen werden. Auch das Seepferdchen sei kein Beleg für sicheres Schwimmen. Ins Wasser springen, nach einem Ring tauchen und eine halbe Bahn schwimmen: "Das Seepferdchen ist eine gute Basis, heißt aber eigentlich nur, dass ein Kind sich über Wasser halten kann."

Wer wirklich sicher gehen will, muss für eine richtige Schwimmausbildung seiner Kinder sorgen - und das möglichst früh. "Zur Wassergewöhnung empfiehlt sich schon Babyschwimmen", sagt der Schwimmausbilder. Im Optimalfall sollte darauf in den ersten Grundschuljahren, mit etwa fünf und spätestens sechs Jahren, ein Schwimmkurs folgen. "Vorher ist es für die Kinder schwer, die typischen Bewegungsabläufe wie Beinschlag, Armzug und Gleiten umzusetzen", sagt Schuber. Viel später nehme die Lernfähigkeit ab. "Es ist wichtig, dass die Eltern dahinter sind", sagt Rieck und Schubert sieht es genauso: "Schwimmen gehört wie Fahrradfahren heute einfach dazu."

Schwimmkurs spätestens mit sechs

Den Aufwand und die Wichtigkeit würden aber viele unterschätzen. Aussagen wie "das geht schon irgendwie" oder "schwimmen lernt man nebenbei", zählen nicht: "Sicher wird man sich irgendwann irgendwie über Wasser halten könnenen und vorwärts kommen. Das ist aber dann weder effektiv, noch sicher oder schwimmen überhaupt", sagt Schubert.

Aus Kindern, die nicht richtig schwimmen können, würden dann leichtsinnige Jugendliche und selbstüberschätzende Erwachsene, die wiederum die Chance bei ihren eigenen Kindern versäumen könnten - ein Teufelskreis mit möglichen gravierenden Folgen: Denn die Fähigkeit zu schwimmen, kann Leben retten.

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