Zunächst hat sich die Seniorenresidenz am Kaiserberg zum Corona-Hotspot entwickelt, jetzt hat es das Schacht-Haus in der Kurstraße (Bild) voll erwischt. Derzeit gibt es dort 167 infizierte Bewohner und Angestellte.	FOTO: NICI MERZ
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Zunächst hat sich die Seniorenresidenz am Kaiserberg zum Corona-Hotspot entwickelt, jetzt hat es das Schacht-Haus in der Kurstraße (Bild) voll erwischt. Derzeit gibt es dort 167 infizierte Bewohner und Angestellte. FOTO: NICI MERZ

Auch zweites Haus betroffen

Bad Nauheim: Massive Kritik nach Corona-Ausbrüchen in Seniorenheimen an Kaiserberg und Kurstraße

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Die Corona-Inzidenz in Bad Nauheim ist durch die hohe Zahl von Infizierten in den beiden Seniorenresidenzen der Schacht GmbH in die Höhe geschnellt. Es gibt über 300 Fälle und 29 Todesopfer.

  • Die Corona-Pandemie hat zwei Seniorenheime in Bad Nauheim schwer getroffen.
  • Die beiden Seniorenresidenzen am Kaiserberg und in der Kurstraße der Schacht GmbH haben viele positive Fälle.
  • Nun wird Kritik zu mangelnder Schutzausrüstung und Vorsichtsmaßnahmen für die Bewohner laut.

Bad Nauheim - Carolin Reifschneider, Geschäftsführerin der Bad Nauheimer Schacht GmbH, macht keinen Hehl aus der besorgniserregenden Corona-Lage in ihren beiden Seniorenresidenzen am Kaiserberg und in der Kurstraße. »«Das Virus hat nicht nur meine Häuser im Griff, wir alle sind davon nicht befreit«, betont sie gegenüber der WZ. Anfang Dezember war am Kaiserberg der erste Fall entdeckt worden - durch Zufall. Eine Bewohnerin hatte sich aufgrund eines anderen Leidens in einer Klinik behandeln lassen müssen und wurde vor der Aufnahme getestet. Ergebnis: positiv.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Virus offenbar bereits rasend schnell im Haus verbreitet. Mitte Dezember hatte Heimleiterin Samirah Pöpel von 107 infizierten Bewohnern gesprochen, letztlich waren es 122 der insgesamt 160 Senioren. Außerdem hatten sich 25 Beschäftigte angesteckt. Inzwischen hat ein Großteil der Betroffenen die Behandlung oder die 14-tägige Quarantäne hinter sich. 19 Senioren aus der Residenz am Kaiserberg konnte in den Kliniken nicht geholfen werden: Sie starben mit oder an Covid-19. Vier Bewohner werden nach wie vor stationär behandelt.

Bad Nauheim: Hat die Seniorenresidenz zu spät gehandelt?

Angesichts des Corona-Hotspots am Kaiserberg wirft Franz Kraft (Name geändert) aus Bad Nauheim, dessen über 80-jährige Mutter in der Residenz im Park wohnt, der Schacht-Geschäftsführung zu spätes Handeln vor. »Erst Wochen nach dem Bekanntwerden des Corona-Ausbruchs am Kaiserberg wurde in der Kurstraße getestet. Die Verantwortlichen der Seniorenresidenzen haben nichts dazugelernt«, sagt er.

Nach Angaben von Reifschneider wurde zeitnah reagiert, die Bewohner des zweiten Hauses seien am 23., 25. und 26. Dezember vom Kreisgesundheitsamt getestet worden. »Im Park haben wir aktuell 156 Bewohner, die positiv auf Corona getestet worden sind. Viele haben keine oder nur leichte Symptome«, sagt die Eigentümerin. Senioren mit negativem Ergebnis seien am vergangenen Montag erneut getestet worden. In der Kurstraße gab es bislang zehn Todesopfer unter den rund 240 Bewohnern, fünf Senioren befinden sich derzeit in einer Klinik.

Weiterer Vorwurf von Kraft: Die Angestellten des Heims in der Kurstraße seien viel zu spät getestet worden, bis heute sei nicht klar, wie viele Infizierte es unter dem Personal gebe. »Familienmitglieder haben meine Mutter, die ebenfalls infiziert ist, zuletzt am 4. Dezember gesehen. Sie lebt isoliert in ihrem Zimmer. Das Virus kann eigentlich nur von einem Mitarbeiter übertragen worden sein.«

Bad Nauheim: Lieferschwierigkeiten bei Corona-Tests

Laut Carolin Reifschneider sind 11 der 187 Angestellten in der Residenz im Park positiv getestet worden. Die Geschäftsführerin räumt gewisse Probleme und Zeitverzug bei den Mitarbeiter-Tests ein. Zunächst hätten Angestellte einer Arztpraxis aus Butzbach getestet, inzwischen sei das Personal der Residenzen selbst dafür verantwortlich. »Leider mussten wir aufgrund der Lieferzeiten lange auf die Schnelltests warten und Mitarbeiter schulen lassen«, sagt Reifschneider.

Kritik ist außerdem an der angeblich mangelhaften Ausrüstung der Beschäftigen mit Schutzmaterialien geübt worden. Die WZ-Redaktion hat diesbezüglich anonyme Hinweise erhalten, die vermutlich aus Mitarbeiterkreisen stammen. Auch aus Sicht von Angehörigen gibt es Versäumnisse. Reifschneider zufolge ist das Tragen von FFP 2-Masken seit dem 7. Dezember für alle Beschäftigten verpflichtend, genügend Material sei vorhanden. Zum Vergleich: Im Elisabethhaus des Diakoniewerks in der Zanderstraße werden die qualitativ hochwertigen Masken bereits seit dem Frühjahr verwendet. Dort ist es unter den Bewohnern zu keinem einzigen Corona-Fall gekommen.

Die kritische Lage in den beiden Seniorenresidenzen wird noch einige Wochen anhalten. Die Versorgung der Bewohner war nach Aussage der Geschäftsführerin jederzeit sichergestellt - trotz des Ausfalls etlicher Mitarbeiter. In die laufende Impfkampagne konnten die beiden Häuser aufgrund der vielen Covid 19-Fälle bislang nicht einbezogen werden. Reifschneider: »Wir hoffen, dass die Bewohner ab Februar geimpft werden dürfen.«

Bad Nauheim: Kritik an Schutzvorkehrungen in Seniorenresidenzen

Das Corona-Management in den Bad Nauheimer Seniorenresidenzen sieht Dr. Klaus-Dieter Rack, SPD-Fraktionsvorsitzender im Friedberger Stadtparlament und Ortsvorsteher von Dorheim, kritisch. »Ich habe die Vorkehrungen zum Schutz der Bewohner anders erlebt, als sie nach außen dargestellt werden«, sagt er. Racks Mutter ist 97 Jahre alt und lebt vorübergehend in der Residenz am Kaiserberg. »Auch sie wurde positiv auf Corona getestet, war aber symptomfrei. In diesem Alter ist das eine Gnade.« Der SPD-Politiker hatte am 5. Dezember von Corona-Fällen in dem Seniorenheim erfahren, am 10. Dezember seien die ersten Tests erfolgt.

Die Aussage der Heimleitung in einem Internet-Schreiben an die Angehörigen, wonach »Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen auf höchsten Niveau« umgesetzt worden seien, möchte Rack so nicht unterschreiben. Es sei zwar verständlich, dass Kontakte der Bewohner untereinander aufrechtherhalten werden sollten, gemeinsames Singen oder eine Adventsfeier seien in Corona-Zeiten aber eher unangebracht. Auch die Kontrolle der Besucher war laut Rack nicht optimal geregelt. »Ich habe mich nur angemeldet und konnte mich dann frei im Haus bewegen - solange ich wollte. Nach einem Corona-Test wurde nicht gefragt«, berichtet der Dorheimer. Samirah Pöpel, Leiter des Hauses am Kaiserberg, hatte solche Kritik bereits Mitte Dezember zurückgewiesen und unter anderem auf die gute Betreuung der Bewohner und die täglichen Gesundheitsscreenings mit Fiebermessungen verwiesen.

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