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Der Bad Nauheimer Holger Reuschling war gut 20 Jahre lang in einer Führungsposition bei der Bank. Erst vor wenigen Jahren hat er sich auch beruflich geoutet. Seiner Geschichte widmet sich ein aktuelles Buch. Foto: Nici Merz

Homosexualität und Karriere

Ein Bad Nauheimer Manager hat sich geoutet und wurde dadurch noch erfolgreicher

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Holger Reuschling führte lange ein Doppelleben. Privat als Homosexueller, im Job als geschiedener Familienvater. Seit seinem Outing setzt er sich für mehr Diversität am Arbeitsplatz ein.

Bad Nauheim - Völlig normal - so hätten viele das Leben Holger Reuschlings beschrieben. Kindheit und Jugend waren geprägt von Fußball und Vereinen. Er war gut in der Schule, machte Abitur. Für die Zeit danach hatte er genaue Pläne: Bankausbildung, Frau, Kind. Ein Mann macht Karriere. Er versorgt seine Familie. Das waren die Werte, die er kannte. Reuschling war auf dem besten Weg, alles richtig zu machen - wäre da nicht eine Sache gewesen: "Schmetterlinge im Bauch hatte ich nicht bei Frauen", sagt Reuschling heute, "aber bei Männern."

Der 49-Jährige lebt zusammen mit seinem Mann in Bad Nauheim. In einem schönen Haus, am Rande der Stadt. Die beiden bekommen bald einen Hund, Reuschlings Tochter ist oft zu Besuch. Der Bad Nauheimer kann auf 30 Jahre Bank-Karriere zurückblicken, mehr als 20 davon war er Führungskraft, viele Jahre auch in der Wetterau. Heute ist er als selbstständiger Berater tätig. Privat und beruflich läuft es gut, doch das war nicht immer so.

Bad Nauheim: Der Wunsch, "normal" zu sein

"Man sucht sich nicht aus, schwul zu sein", sagt Reuschling. "Ich hätte mir damals gewünscht, normal zu sein." Sein Heimatort Reiskirchen sei konservativ gewesen. Schwule habe es nicht gegeben - zumindest nicht öffentlich. "Mir haben die Vorbilder gefehlt. Ich konnte mit niemandem reden." Reuschling lebte lange mit dem Gefühl, anders zu sein. Falsch. Noch als Schüler beendete er darum die heimliche Beziehung zu seinem Freund. Er konzentrierte sich auf seine Karriere. Darauf, der Norm zu entsprechen. Ein paar Jahre später lernte er eine Frau kennen. Die beiden heirateten und eine Tochter kam zur Welt.

Privat outete sich Reuschling erst mit 35 Jahren. "2004 verliebte ich mich wieder in einen Mann", erzählt er. "Da war mir endgültig klar, dass ich schwul bin und auch so leben möchte." Sich zu öffnen, sei schmerzhaft gewesen. Seine Tochter erfuhr zunächst nichts. Auch die Kollegen, Chefs und Kunden bei der Bank nicht. Reuschling begann, ein Doppelleben zu führen. Im Job als Hetero, privat als Schwuler. "Als frisch geschiedener Familienvater konnte ich den Schein gut aufrechterhalten", sagt Reuschling. "Dabei hätte ich auch gerne ein Bild von meinem Freund auf dem Schreibtisch gehabt oder vom gemeinsamen Urlaub erzählt."

Idol: Thomas Hitzlsperger

Es war nicht nur das verzerrte Weltbild, das Reuschling damals hatte. "Es ist einfacher, sich in Berlin zu outen als in der Wetterau", sagt er. Noch immer ginge es gerade im ländlichen Bereich sehr konservativ zu. Etwas geschuldet auch der Politik. "Die Rechten bekennen sich öffentlich als Gegner von Schwulen und Lesben", sagt Reuschling. Das mache es nicht leichter. Die entscheidende Motivation zum beruflichen Outing kam 2014. Als sich Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger öffentlich outete. Als Führungskraft und Gesicht der Bank wollte Reuschling ehrlich sein. Bei einem Treffen von Führungskräften tat er es einfach. Als er sich vorstellen und von beruflichen Erfolgen sprechen sollte. "Ich bin stolz, dass ich mich als Homosexueller nicht mehr verstellen muss", so etwa seien seine Worte gewesen. "Es war ziemlich still dann."

"Mich zu outen war die schwerste Entscheidung meines Lebens, aber auch die beste", sagt der langjährige Bankmanager. Jetzt sei es an der Zeit, etwas zurückzugeben. "Als Führungskraft sehe ich es als meine Aufgabe, mich für Diversität einzusetzen", sagt er. Reuschling bezeichnet sich als "GaYme Changer". Er will die Arbeitswelt aufrütteln, die Perspektiven ändern. Sein Motte: "Je bunter, desto besser."

In den letzten Jahren hat sich Reuschling viel für das Thema "out und Karriere" eingesetzt. Auf Messen, in den Medien und als Gastdozent. Sein Engagement wurde in diesem Jahr gewürdigt: Mit Platz 48 auf der Liste "Germanys TOP 100 Out Executives". Es bestärkt ihn, in dem was er tut. Diversität bringe Veränderung. Die führe zu Innovation und damit zum Erfolg, so sein Appell: "Am Ende brauchen wir alle Menschen."

Verlosung: Buch zu verlosen

Wir verlosen drei Bücher "GaYme Changer- Wie eine dynamische Minderheit die globale Wirtschaft verändert" von Jens Schadendorf. Darin wird auch Holger Reuschlings Geschichtethematisiert. Wenn Sie gewinnen möchten, schicken Sie bitte bis Freitag, 29. November, 9 Uhr, eine E-Mail mit dem Stichwort "Buch" an: redaktion@wetterauer-zeitung.de. Unsere Teilnahmebedingungen finden Sie unter: wetterauer-zeitung.de/teilnahmebedingungen.

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