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Bad Nauheimer Hotel Dolce feiert »150 Jahre Kurhaus«

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Gerald Dinis gibt den Elvis und animiert die Gäste zum Tanzen.
Gerald Dinis gibt den Elvis und animiert die Gäste zum Tanzen. © Christoph Hoffmann

Bad Nauheim (chh). Das Licht ist schummrig, die Luft zum Schneiden dick, zu hören ist nur das Rascheln der Karten. Sechs Spieler sitzen am Black-Jack-Tisch und warten auf das Glück. Auf einem der Barhocker hat Armin Häuser Platz genommen – irgendwie muss ja Geld in die leere Stadtkasse kommen.

Der Croupier verteilt die Karten. Ein König für den Bürgermeister. »Noch eine?«, fragt der Croupier, Häuser nickt. Eine 6. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn, als er eine weitere Karte fordert. Eine 5 würde Black-Jack und den Sieg bedeuten. Es kommt: eine 8. Überkauft. Die Bank gewinnt, Häuser steht mit leeren Händen da. Ob er doch besser die Kämmerin hätte spielen lassen sollen?

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Der Bürgermeister hat am Freitagabend im altehrwürdigen Dolce-Theater nicht den Rest der städtischen Finanzen verspielt. Vielmehr war er Teil einer VIP-Zocker-Runde, die zum Festakt »150 Jahre Kurhaus« gehörte. Die Verantwortlichen hatten sich ein volles Programm ausgedacht, Dreh- und Angelpunkt blieb aber das Glücksspiel. Kein Wunder, schließlich sind Roulette-Kugeln und Black-Jack-Karten untrennbar mit der Geschichte des Hauses verbunden.

Davon berichtete auch Annette Hausmanns, die nach der Begrüßung durch Hoteldirektor Michel Prokop (er hatte sich am Black-Jack-Tisch übrigens weitaus besser geschlagen als Häuser) auf die 150-jährige Geschichte des Kurhauses einging. »Erst eine glückliche Fügung spülte 1853 den Pariser Spielbankdirektor Jaques Roland Viali von der Seine an die Usa. Er sollte sich als der entscheidende Großinvestor entpuppen, wie man ihn sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.« Erst dadurch habe sich das Söderdorf Nauheim zum internationalen Kurort entwickeln können. Kein Neuland für die Journalistin, schließlich hat sie schon mehrfach die Geschichte des Kurhauses zum Leben erweckt, zuletzt in einer vierteiligen Serie in der WZ. Auch am Freitag wurde deutlich, dass sie sich dem Haus sehr verbunden fühlt. »Vielleicht erging es Ihnen ja heute oder irgendwann einmal wie mir: Es war Liebe auf dem ersten Blick, als ich vor 23 Jahren diesen traumhaft schönen Jugendstilsaal betreten habe.«

Was Hausmanns berichtete, brachten die Modetruppe des Jugendstilvereins und Gästeführer Bruno Ludwig anschließend auf die Bühne. Doch während sich Hausmanns hauptsächlich auf die positiven Auswirkungen der Spielbank-Ära konzentrierte, fluchte Ludwig als »Serschante Heinrich« über »Gigolos, leicht bekleidete Damen, deren Zuhälter, Heiratsschwindler, Falschspieler, Zechpreller und Falschmünzer«. Die Mitglieder des Jugendstilvereins machten es sich derweil in den passenden Kostümen am Spieltisch und im Restaurant gemütlich. Dass Heinrich eine besondere Spürnase gehabt haben muss, zeigte sich, als ein Münzfälscher versuchte, das Kasino zu betrügen. Kurzerhand packte er sich den Ganoven und schleifte ihn in die Haftanstalt.

Ein Schicksal, das schon viele Spieler ereilt hat, nicht umsonst wird der Roulette-Scheibe etwas Teufliches nachgesagt. Warum das so ist, erklärte Michael Stolz, der nicht nur Croupier in der Spielbank von Bad Homburg ist, sondern auch die VIP-Zocker-Runde mit Karten versorgte. »Die Roulette-Scheibe wird als Teufelsgerät bezeichnet, da die Summe alle Zahlen 666 ergibt.« In seiner kurzen Einführung in die Historie des Glücksspiels räumte Stolz auch mit dem Irrglauben auf, die Franzosen oder Italiener hätten das Roulette-Spiel erfunden. »In Wirklichkeit waren es die Chinesen – und das schon vor 2300 Jahren.«

Ein glückliches Händchen bewiesen auch die 27 jungen Musiker des Gitarrenschule Zobel. Mit »Hommage an Mozart« und »It’s Boogie Time« sorgten sie für viel Applaus in den eher spärlich besetzen Reihen. Nicht weniger Beifall erhielten die Mezzosopranistin Aiste Miknyte (am Klavier begleitet von Rhodri Britton) und die Foyer Singers der Theatergruppe Assenheim. Was für die Augen boten Svenja Werner und Lara Fleißner vom Tanzduo »Les Papillons«.

Als sich der Abend langsam dem Ende neigte, betrat General Manager Michel Prokop erneut die Bühne. »Wie schafft man es, ein historisches Haus in die Neuzeit zu führen und als modernen Veranstaltungsort zu etablieren?«, war sein Vortrag überschrieben. Der Hoteldirektor berichtete von den Anfängen des Hauses, die defizitäre Lage, die Übernahme im Jahr 2002 durch Andy Dolce und die daraus resultierende Wende. Ein trockener Business-Dialog? Mit nichten. Als Prokop gerade von den vielen internationalen Gästen sprach, schlenderte plötzlich ein Jugendlicher in Lederjacke auf die Bühne. Während er mit seinem Smartphone Fotos von der verdutzen Menge schoss, betrat von der anderen Seite ein altmodisch gekleideter Jüngling die Bühne, um ebenfalls Bilder des Publikums zu machen – allerdings mit einer historischen Kurbelkamera. Und so ging es weiter. Als Prokop auf die Veranstaltungsflächen des Dolce zu sprechen kam, tauchten zwei junge Damen auf – eine im historischen Ballkleid, die andere im kleinen Schwarzen. Fünf Paare betraten insgesamt die Bühne und zeigten, wie sich das Hotel, aber auch die Gesellschaft in 150 Jahren gewandelt haben.

In die jeweiligen Rollen waren Auszubildende des Hauses geschlüpft. Mit einer Ausnahme: Als Prokop von den geänderten Freizeitprogrammen sprach, kam nicht nur ein lässiger Einradfahrer auf die Bühne, sondern auch ein Zylinder tragender Herr auf einem Hochrad aus dem Jahre 1880. Moderator Harald Hock stellte ihn vor: Es war Hochrad-Weltmeister Hans Rügner.

Den nächsten Mann musste Hock nicht vorstellen: Elvis betrat die Bühne. Als King of Rock’n’Roll heizte Gerald Dinis den Besuchern noch einmal ordentlich ein, die Ehrengäste in der ersten Reihe hielt es nicht mehr auf den Sitzen. Auch Bürgermeister Armin Häuser schwang die Hüften. Vergessen war die Schmach am Black-Jack-Tisch.

Der letzte Akt gehörte Nachtwächter Werner Euler. Er gab den Gästen noch einige Ratschläge, wie sie sicher durch die dunkle Nacht kommen. Dann ging das Licht an, der Saal leerte sich allmählich. Der Festakt war zu Ende. Rien ne va plus.

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