Bewundert den Mut von Edward Snowden und möchte selbst Whistleblower unterstützen: Christoph Kläs, Geschäftsführer der Bad Nauheimer iwhistle GmbH.
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Bewundert den Mut von Edward Snowden und möchte selbst Whistleblower unterstützen: Christoph Kläs, Geschäftsführer der Bad Nauheimer iwhistle GmbH.

Verräter oder Held?

Firma aus Bad Nauheim setzt sich für Whistleblower ein

  • Bernd Klühs
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Von den einen als Verräter verachtet, von anderen als Helden verehrt: Whistleblower. Christoph Kläs aus Bad Nauheim kümmert sich um den Schutz von Hinweisgebern.

Bad Nauheim - Edward Snowden hat die Welt über die Überwachungspraktiken von US-Geheimdiensten aufgeklärt. Julian Assange brachte Kriegsverbrechen der US-Armee ans Tageslicht. Dafür werden sie gefeiert, sind aber massiver Strafverfolgung ausgesetzt. Assange sitzt in britischer Auslieferungshaft, auf ihn könnten in den USA 175 Jahre Gefängnis warten. Ähnliches droht Snowden, der nach Russland geflüchtet ist. Auch Whistleblower aus Unternehmen, etwa Banken, müssen schwerwiegende Folgen fürchten.

Christoph Kläs bewundert den Mut von Snowden, der sein altes Leben als CIA-Mitarbeiter hinter sich gelassen hat, um demokratiegefährdende Machenschaften aufzudecken. Acht Jahre war Kläs als Angestellter von Unternehmen und Verbänden in der internen Revision und im Compliance-Management tätig. Der 36-Jährige beschäftigte sich mit der Einhaltung von Gesetzen und internen Richtlinien. Dabei war er auf Kooperation mit Hinweisgebern angewiesen. »Das hat mein Interesse zusätzlich geweckt«, sagt der 36-Jährige, der mit seiner im Herbst 2019 von ihm gegründeten iwhistle GmbH vor Kurzem nach Bad Nauheim umgezogen ist.

Firma aus Bad Nauheim will Whistleblower etwa vor Kündigung schützen

Als Angestellter hatte es Kläs mit bekannten Missständen in Firmen zu tun. Da war der Angestellte der Einkaufsabteilung, der von Lieferanten mit Weinpräsenten und VIP-Karten »angefüttert« wurde. »In einem anderen Fall war es der Klassiker im Russland-Geschäft: ein Geldkoffer, um den Zuschlag für ein Geschäft zu erhalten«, erzählt der 36-Jährige.

Um solche Machenschaften zu stoppen, müssten Whistleblower unterstützt und vor Kündigung, Mobbing oder Strafverfolgung bewahrt werden, ist der iwhistle-Chef überzeugt. Er begrüßt deshalb die 2019 erlassene EU-Richtlinie zum Hinweisgeber-Schutz. Bis Ende 2021 muss die Bundesregierung diesen Beschluss in nationales Recht umsetzen. Unternehmen, Verbände und Behörden ab 50 Mitarbeitern (oder Jahresumsatz über 10 Millionen Euro) sowie die Verwaltung von Städten mit mindestens 10.000 Einwohnern sind verpflichtet, ein Hinweisgeber-System zu etablieren, das Anonymität garantiert.

Whistleblower: Firma aus Bad Nauheim berät Unternehmen zum Umgang mit Hinweisgebern

»Viele Großbetriebe verfolgen bereits solche Konzepte, sind teilweise gesetzlich dazu verpflichtet. Sie schützen ihre Reputation, wollen nicht plötzlich Staatsanwälte, Steuerfahnder oder Journalisten vor der Tür stehen haben«, sagt Kläs. Die implementierten Systeme seien aber oft zu teuer und nutzerunfreundlich. Wichtig sei, durch Kommunikation Vertrauen bei Mitarbeiten, Kunden und Lieferanten zu schaffen, Hemmschwellen für diese Hinweisgeber zu senken. »Eine entsprechende Unternehmenskultur ist das A und O«, betont der Geschäftsführer. Heißt mit Blick auf Diesel-, Banken-, Fleisch- oder Wirecard-Skandale: Werden Straftaten von Chefs oder mit deren Wissen begangen, können interne Hinweise nicht viel bewirken. Auch daran hat die EU gedacht.

Die iwhistle GmbH will mittelständische Unternehmen beraten und bei der Umsetzung helfen. Viele Betriebe hätten von der Richtlinie noch nichts gehört. Es sei wichtig, sich rechtzeitig vorzubereiten, um ein »Chaos wie bei der geänderten Datenschutz-Grundverordnung« zu verhindern.

Firma aus Bad Nauheim: Whistleblower sollen Verstöße anonym anvertrauen können

Basis des iwhistle-Modells ist ein Link auf der Website des Unternehmens. Ein Formular erscheint, das der Whistleblower ausfüllen und mit Anhängen versehen kann. Eine wichtige Rolle würden Themen wie sexuelle Übergriffe, Verstöße gegen Daten- oder Umweltschutz-Bestimmungen und Korruption spielen. »Wichtig ist, den Hinweis nicht auf einem Firmen-PC zu schreiben, sondern außerhalb«, erklärt Kläs. Durch technische Schutzvorkehrungen könne eine Ermittlung des Servers, über den die Nachricht verschickt wurde, ausgeschlossen werden.

Mithilfe einer Website-Postbox komme es in der Folge zum Austausch zwischen der zuständigen Firmenabteilung, einem Ombudsmann oder externen Anwalt einerseits und dem Whistleblower andererseits. Er könne verfolgen, welche Konsequenzen sein Hinweis hat. »Das kann von der Korrektur von Arbeitsabläufen bis zur Selbstanzeige reichen.«

Das System müsse Filter enthalten, die zu große Quantität ausschlössen und eine hohe Qualität gewährleisteten. Kläs: »Probleme beim Klopapier-Nachschub auf Firmen-Toiletten haben dort nichts zu suchen.«

EU-Richtlinie zum Schutz von Whistleblowern in Deutschland noch nicht umgesetzt

Die 2019 erlassene EU-Richtlinie zum Schutz von Whistleblowern ist nach Ansicht von Christoph Kläs, Geschäftsführer der Firma iwhistle in Bad Nauheim, sehr konkret formuliert und von der Bundesregierung problemlos umzusetzen. Das müsse bis Ende 2021 geschehen, bislang liege kein Gesetzesentwurf vor. Laut der Richtlinie müssen die meisten Unternehmen und Behörden sichere Kanäle für Whistleblower schaffen. Der Eingang von Hinweisen auf Missstände oder Gesetzesverstöße muss innerhalb einer Wochen bestätigt werden. Drei Monate hat die Firma Zeit, dem Whistleblower das Ergebnis der Prüfung mitzuteilen.

Die EU sieht ein dreistufiges System vor. Zunächst sollte ein Mitarbeiter das Problem intern melden. Wird darauf nicht entsprechend reagiert oder befürchtet er von vorneherein Repressalien oder eine Vernichtung von Beweisen, kann sich der Whistleblower direkt an eine staatliche Behörde (etwa Staatsanwaltschaft oder Finanzamt) wenden. Hat auch das keine Folgen oder ist »Gefahr im Verzug« kann der Whistleblower direkt die Medien informieren. Auch wenn er sich outet, muss der Hinweisgeber vor Kündigung oder ähnlichen Konsequenzen geschützt werden.

Whistleblower: Konsequenzen für Unternehmen bei Verstößen sollen schärfer werden

Nach Ansicht von Christoph Kläs gerät die deutsche Politik angesichts der vielen Wirtschaftsskandale zunehmend unter Handlungsdruck. So ist das Geschäftsgeheimnisgesetz 2019 erlassen worden. Wichtige Neuerung: Ein Geschäftsgeheimnis darf offen gelegt werden, wenn das »zur Aufdeckung einer rechtswidrigen Handlung oder eines beruflichen oder sonstigen Fehlverhaltens« dient. Geplant ist zudem ein Verbandssanktionsgesetz. Bei Gesetzesverstößen in Unternehmen sollen künftig nicht nur Einzelpersonen zur Verantwortung gezogen werden. Empfindliche Geldbußen können bei Straftaten auch gegen das beteiligte Unternehmen verhängt werden. »Es geht um Beträge, die auch in den USA üblich sind«, sagt Kläs. (Bernd Klühs)

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