Bad Nauheimer droht, einen Todesfall aufzuklären

Bad Nauheim/Friedberg (sda). Ungewöhnliche Post erhielt ein Zahnarzt im November letzten Jahres: 10 000 Euro müsse er zahlen, ansonsten wollte der Schreiber Geheimnisse offenbaren, die besser nicht ans Tageslicht gelangen sollten. Die Geldübergabe fand nie statt, dafür eine Verhandlung im Amtsgericht, wo sich der Verfasser am Donnerstag dem Vorwurf der versuchten Erpressung stellen musste.

Richter Dr. Oliver Buckolt verurteilte den 60-jährigen Bad Nauheimer zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung.

Eigentlich sieht die Postkarte nett aus: Von einer christlichen Gemeinde ist sie, mit dem Motiv einer Kirche. Doch spätestens beim Lesen muss der Empfänger aus der Kurstadt gestockt haben. Der Verfasser – sein Cousin, wie sich später herausstellen sollte – forderte 10 000 Euro. Zahle der Zahnarzt nicht, wollte der Verfasser "all seine journalistischen Fähigkeiten" einsetzen, um einen Todesfall aufzuklären. Gemeint war der Tod einer gemeinsamen Cousine, die 1987 mit 21 Jahren gestorben war. Schuld soll nach Ansicht des Verfassers der Zahnarzt gewesen sein, denn den habe die Frau kurz vor ihrem Ableben aufgesucht. Doch laut Anklageschrift ergaben sich bei der damaligen Obduktion der Verstorbenen keine Hinweise auf eine Fehlbehandlung.

Der Angeklagte, ein Rentner, der früher als freischaffender Journalist und Lektor tätig war, räumte alle Vorwürfe ein. Er zweifelt allerdings weiterhin an den Umständen des Todes seiner "Lieblingscousine", redete immer wieder von verschwundenen Akten. Er versicherte aber, den Zahnarzt künftig in Ruhe lassen zu wollen und entschuldigte sich im Gerichtssaal. "Gott sagt, mein ist die Rache", zitierte er aus der Bibel.

Als der Richter die drei Vorstrafen des Mannes vorlas, bezeugte der 60-Jährige, stets aus finanzieller Not heraus gehandelt zu haben. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft forderte eine sechsmonatige Freiheitsstrafe: "So etwas kann eine menschliche Existenz zerstören." Für Verteidiger Paul Königstein schien eine Freiheitsstrafe "zu hart", er beantragte eine Geldstrafe. Richter Buckolt hielt eine sechsmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung für angemessen. Zudem muss der 60-Jährige 500 Euro an den gemeinnützigen Verein "Weißer Ring" zahlen. "Für Sie spricht, dass die Tat nie realisiert wurde und Sie sich entschuldigt haben", sagte der Richter. Negativ sei hingegen die Höhe der geforderten Summe zu werten.

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