Diesen engen Kontakt zwischen Verteidiger und Angeklagter - hier am ersten Verhandlungstag - gab es am Freitag nicht zu sehen.
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Diesen engen Kontakt zwischen Verteidiger und Angeklagter - hier am ersten Verhandlungstag - gab es am Freitag nicht zu sehen.

Kolleginnen vergiftet?

Vergiftungsprozess um Ex-Kerckhoff-Krankenschwester: Angeklagte geht in Offensive

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Corona verändert auch Justizwesen. So zu sehen am Landgericht, wo sich eine Ex-Krankenschwester verantworten muss, die an der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim Kolleginnen vergiftet haben soll,.

Zum Auftakt des Prozesses am 9. März waren die Zuschauerreihen gut gefüllt gewesen, Kameras hatten sich auf die 53-jährige Angeklagte gerichtet. Kurzum, das Interesse war groß an dem Verfahren, in dem sich eine 53-jährige ehemalige Krankenschwester der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik vor dem Landgericht Gießen verantworten muss. Laut Anklage soll die Frau zweimal im September 2017 und einmal im März 2019 mit Kaffee und Keksen, versetzt mit dem Medikament Oxazepam, Kollegen vergiftet haben.

Staatsanwalt Friedemann Vorländer wirft der Frau in drei Fällen gefährliche Körperverletzung vor, einmal davon in Tateinheit mit versuchtem Mord.

Vergiftungsprozess Kerckhoff-Klinik: Könnte es auch jemand anderes gewesen sein?

Am Freitag wurde der Prozess fortgesetzt, mit vier Zuschauern und ohne TV-Kameras. Was auch an den Corona-Vorkehrungen gelegen haben könnte.

Uninteressant war Verhandlungstag zwei aber nicht. Im Gegenteil: Gleich zu Beginn verlas die Angeklagte eine Erklärung, die es in sich hatte. Sie werde einer Straftat beschuldigt, die sie nicht begangen habe, sagte die Frau. Es sei nicht ihre Absicht, »jemand anderen zu beschuldigen«, fügte sie hinzu, nannte aber Kolleginnen, die aus Sicht der 53-Jährigen ebenfalls die Möglichkeit gehabt hätten, das Medikament beizumischen.

Am ersten Verhandlungstag hatten die Zeuginnen - fast alle waren bei den Vorfällen vergiftet worden- ausgesagt, niemals einen Mixer in der Teeküche der Station gesehen zu haben. Den will die Angeklagte aber mitgebracht haben, um sich Smoothies zuzubereiten. In dem Mixer hatte die Polizei Medikamentenreste entdeckt. Über eine der Zeuginnen sagte die Angeklagte am Freitag, diese habe zeitnah zu ihr selbst Dienste geschoben. Und: »Der Mixer stand in der Teeküche. Sie hat ihn gesehen.« Dann ging die Angeklagte in ihrem Vortrag einen Schritt weiter: »Sie hätte die Möglichkeit gehabt, mir etwas in den Mixer zu tun.« Noch etwas gab die Angeklagte zu bedenken. »Wenn ich so eine Tat begehen würde, dann würde ich mir selbst auch schaden. - und schon ist man aus der Sache raus.«

Vergiftungsprozess Kerckhoff-Klinik: Menschlicher Kot in Müllsäcken

Jeder habe einen Transponder gehabt und hätte nach Ansicht der 53-Jährigen jederzeit in die Klinik gelangen können. »Wer auch immer die Tat begangen hat, der- oder diejenige wollte es mir in die Schuhe schieben.«

Am zweiten Verhandlungstag traten auch eine Polizistin und zwei Polizisten als Zeugen auf. Die Frau hatte damals die Wohnung der Angeklagten durchsucht, einer ihrer Kollegen hatte zwei Mülltonnen durchwühlt. Dies geschah in einer Halle, die Tonnen stammten aber vom Wohnhaus der Angeklagten. Dabei entdeckte er Tüten mit Medikamenten- und Plätzchenverpackungen - und vier Müllbeutel mit menschlichem Stuhlgang.. Was eventuell mit einem defekten Abfluss zu tun gehabt haben könnte, von dem die Polizistin sprach, die die Wohnung durchsucht hatte. Jedenfalls muss das Durchwühlen der Mülltonnen sehr unangenehm gewesen sein. »Drei Kollegen mussten die Halle verlassen, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben«, sagte der Polizist, der die Arbeit letztlich erledigt hatte.

Der Verteidiger legte gegen die Verwertung der Ergebnisse aus der Mülluntersuchung Widerspruch ein. Er sehe keine richterliche oder staatsanwaltliche Anordnung, auf deren Grundlage die Tonnen hätten durchsucht werden sollen.

Vergiftungsprozess Kerckhoff-Klinik: Corona-Bedingungen am Landgericht

Vermutlich hätten mehr Besucher die Fortsetzung der Verhandlung am Gießener Landgericht beigewohnt. Wenn denn keine Corona-Krise wäre. Auch vor Gerichtssaal 207 hat die schwere Zeit kein Halt gemacht. Auf den Besucherbänken hingen Zettel mit der Mahnung, weit genug auseinander zu sitzen. Auf der anderen Seite der Glasscheibe sah es noch ungewohnter aus: Die Vorsitzende Richterin und ihre beiden Kollegen nahmen zwar auf dem Podest hinter dem Pult Platz, die beiden Schöffen bekamen aber davor jeweils einen Tisch hingestellt. Angeklagte und Verteidiger rückten an der Seite eine Reihe nach hinten, so dass alle möglichst viel Abstand zueinander hatten.

Für die Angeklagte spielt die Corona-Krise auch dahingehend eine Rolle, dass sie in U-Haft sitzt und nach jeder Verhandlung zwei Wochen in Quarantäne muss, damit der Virus auf keinen Fall ins Gefängnis gelangt.

Schließlich wirkt sich Corona auch auf Termine aus. Eigentlich waren für nächste Woche zwei weitere Fortsetzungen anberaumt. Nun ist der nächste Termin aber erst am 17. April, was für einen der Verfahrensbeteiligten gut sein könnte: Er gehört zur Risikogruppe, und vielleicht hat sich die Corona-Lage bis dahin ein wenig entspannt.

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