"You are always on my mind": Holger und Anja Schneider wollen ihren Zuhörern ein bisschen Glück schenken. Dabei haben die beiden selbst mit harten Schicksalsschlägen zu kämpfen. FOTO: NICI MERZ
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"You are always on my mind": Holger und Anja Schneider wollen ihren Zuhörern ein bisschen Glück schenken. Dabei haben die beiden selbst mit harten Schicksalsschlägen zu kämpfen. FOTO: NICI MERZ

Auftrittsverbot für Elvis-Interpret

Bad Nauheim: Straßenmusik nur ohne Strom erlaubt

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Stimmt Holger Schneider "Love me tender" an, bekommen die Zuhörer weiche Knie. Der Sänger aus Hanau hat das Elvis-Timbre in der Stimme. Aber er darf in Bad Nauheim nicht singen.

Rund um den Schuckhardtbrunnen am Bad Nauheimer Aliceplatz tobt das Leben. Cafés laden zum Verweilen und Plaudern ein. Kinder bemalen das Pflaster. Auch Straßenmusiker sind hin und wieder zu hören. Menschen mit sensiblen Ohren erinnern sich an eine Pfeiffentruppe aus Peru, die vor Jahren hier lärmte, damit zu Hause die Anden nicht zerbröseln. Der Südosteuropäer, der den Akkordeon-Balg auf und zu schiebt und dabei versehentlich auf Tasten kommt, die in keinem harmonischen Verhältnis zueinander stehen, ist gottlob nach Friedberg weitergezogen.

Ganz anders, was in den letzten Tagen am Aliceplatz und in den Tagen zuvor an mehreren Orten in der Fußgängerzone zu hören war. Mit engelsgleicher Stimme singt Holger Schneider im ehemaligen Wohnort von Elvis Presley die großen Songs des King of Rock’n’Roll. Ob "Always on my mind" oder "Can’t help falling in love" - Schneiders Interpretationen sind so nahe am Original, das man staunen kann.

"Mein Mann ist ein Naturtalent", sagt Anja Schneider (49). Die beiden kommen aus Hanau-Wachenbuchen. Sie ist Rowdy, Managerin, kümmert sich um die Technik, singt auch mal den Chor. Irgendwann, erzählt sie, meinte jemand zu ihrem Mann, er solle als Elvis-Double auftreten. Nein, dachte der sich. "Das mache ich nicht." Dem 47-Jährigen geht es nicht um die Show. Aber Playback singen, mit einer Musikanlage als Unterstützung, das kann der Multiinstrumentalist, der früher Keyboard, Gitarre, Schlagzeug, Bluesharp und ein paar andere Instrumente mehr spielte.

Holger Schneider ist krank. "Ein Gen-Defekt", erklärt er. Deshalb der mächtige Leibesumfang. Sein Körper produziere kein Cortison, er muss Medikamente schlucken. Der ehemalige Justizangestellte leidet außerdem an Parkinson. Den Lebensmut will er sich nicht nehmen lassen. Auch nicht davon, dass seine Frau jüngst die Verdachtsdiagnose Krebs bekam. Anja und Holger Schneider haben drei Kinder, eines ist schwerbehindert. Die Musik hält alle zusammen.

Und jetzt das: Schneider darf nicht mehr in der Fußgängerzone auftreten. Der Grund ist seine kleine Musikanlage. In Bad Nauheim, teilt das Rathaus mit, sagt die "Allgemeinverfügung zur Regelung von Straßenmusik", wie, wo und wie lange man in der Fußgängerzone musizieren kann. "Gemäß dieser Verfügung ist die Verwendung von Lautsprechern oder Verstärkern grundsätzlich untersagt", teilt Erster Stadtrat Peter Krank mit. "Erlaubt ist Straßenmusik für 30 Minuten an einem festen Ort, danach muss gewechselt werden. Herr Schneider verwendet einen Verstärker zum Abspielen von Musik und auch zur Verstärkung der Stimme. Das ist nicht erlaubt."

Die Genehmigung für die Straßenmusik habe nur für das Elvis-Festival vom 14. bis 16. August gegolten, sagt Krank. "Zudem haben wir seit Tagen teils massive Beschwerden von Anwohner des Aliceplatzes und Geschäftsleuten, die sich gestört fühlen." Man wolle niemanden diskriminieren. "Im Rahmen des Gleichbehandlungsgrundsatzes aufgrund der geltenden Regelung und der Beschwerden können wir hier keine Ausnahmegenehmigung erteilen."

Viele positive Reaktionen

Holger Schneider gibt nicht auf. Er hat Kontakt zum Rathaus aufgenommen, "das war ein freundliches Gespräch". Ein Mitarbeiter habe ihm versprochen, den Fall noch einmal zu beraten. Schneider hofft, dass er eine Sondergenehmigung erhält. Viele schöne Erlebnisse hätten sie in Bad Nauheim gemacht. Schneider berichtet von einem Mann, der unter Rheuma leidet, von seiner Frau verlassen wurde und sich "in einer psychischen Ausnahmesituation" befinde. Er habe der Musik gelauscht, die ihm gut getan habe. "Er hat sich tausendmal bedankt und gefreut, dass wir ihm Mut zugesprochen haben."

Ein anderer Mann bringe zu den Auftritten in der Fußgängerzone stets seine kranke Mutter vorbei. "Sie lauscht der Musik, und in ihren Augen sammeln sich Tränen der Rührung." Momente, die auch Holger und Anja Schneider neuen Lebensmut geben.

Er sei auch offen für die Zusammenarbeit mit anderen Musikern, sagt Schneider. Bad Nauheim sei nunmal die Elvis-Hauptstadt, hierher gehöre seine Musik. Der Mann mit der unglaublichen Stimme hofft, dass er nicht das letzte Mal in der Fußgängerzone auftreten durfte.

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