Stadtarchivarin Brigitte Faatz und Fachbereichsleiter Matthias Wieliki sind erleichtert, weil der Brand vor einem Jahr das Stadtarchiv weitgehend verschont hat. FOTOS: LONI SCHUCHARDT
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Stadtarchivarin Brigitte Faatz und Fachbereichsleiter Matthias Wieliki sind erleichtert, weil der Brand vor einem Jahr das Stadtarchiv weitgehend verschont hat. FOTOS: LONI SCHUCHARDT

Digitalisierung gestartet

Bad Nauheim: Brand an Silvester 2019 hat ein Nachspiel

  • vonHarald Schuchardt
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Dank des schnellen Feuerwehr-Einsatzes wurde bei einem Brand in der Silvesternacht 2019 die Vernichtung des Bad Nauheimer Stadtarchivs verhindert. Jetzt werden die Bestände digitalisiert.

Den letzten Jahreswechsel werden Bad Nauheims Bürgermeister Klaus Kreß, Fachbereichsleiter Matthias Wielicki und Stadtarchivarin Brigitte Faatz sicher nicht vergessen. In der Neujahrsnacht brannte der Dachstuhl des Hauses an der Ecke Mittelstraße/Marktplatz. Im zweiten Obergeschoss des Eckhauses befindet sich das Stadtarchiv, im Erdgeschoss ist der Polizeiposten untergebracht. Teile des Dachs und die darunterliegenden zwei Zimmer wurden durch das Löschwasser stark beschädigt.

Die in beiden Räumen gelagerten Verwaltungsakten aus der Zeit von 1935 bis 1970 sind zwar nass geworden, aber größere Schäden sind glücklicherweise ausgeblieben. "Das haben wir dem heutigen Stadtbrandinspektor Wolfgang Löffler zu verdanken. Noch während der Löscharbeiten hat er mit 40 Feuerwehrkräften die Akten rausgeräumt", sagt Faatz.

Akten längst zurückgekehrt

"Und dank der schnellen Meldung des Dachstuhlbrandes durch eine Nachbarin hielt sich auch der Schaden, den das Feuer anrichtete, in Grenzen", ergänzt Bürgermeister Kreß. Die aufwendigen Sanierungsarbeiten an dem Gebäude, die nach dem Brand erforderlich waren, wurden im Sommer abgeschlossen.

Die ausgelagerten und getrockneten Akten sind längst ins Stadtarchiv zurückgekehrt. "Durch den Brand wurde uns die Bedeutung des Archivs als Gedächtnis der Identität unserer Stadt erneut klar", erklärt Kreß. Eine Konsequenz war der Start zur Digitalisierung des Archivs vor wenigen Tagen. Mit der Arbeit am Konzept für das Projekt war bereits vor dem Brand begonnen worden. Die Umsetzung wurde jedoch durch die Corona-Pandemie zunächst ausgebremst, da die Stadtverwaltung die mit dem Digitalisierungsprozess befassten Mitarbeiter anderweitig benötigte.

Dass die Digitalisierung nun gestartet werden kann, ist auch der in Bad Nauheim ansässigen Firma Microbox zu verdanken. Das auf Herstellung von Großscannern für historisches Kulturgut spezialisierte Unternehmen hat der Stadt eines ihrer Geräte kostenlos zur Verfügung gestellt.

"Auf diesem Niveau, wie wir es jetzt erreicht haben, hätten wir niemals arbeiten können", freut sich Matthias Wielicki, Fachbereichsleiter Zentrale Steuerung und Öffentlichkeitsarbeit. Für Microbox-Chef Stephan Welp ist die Überlassung des Scanners eine Selbstverständlichkeit: "Wir haben unseren Sitz in Bad Nauheim und wollen die Stadt mit diesem Beitrag unterstützen."

Pro Stunde bis zu 2500 Seiten

Je nach Ausführung kostet ein solcher Scanner zwischen 15 000 und 20 000 Euro. "Mit neun der zehn größten Bibliotheken der Welt stehen wir in Verbindung", erklärt Welp. In einer Stunde können bis zu 2500 Seiten gescannt werden. Welp: "Unsere Scanner sind bekannt für ihre Farbechtheit und exakte Wiedergabe."

"Wir als kleines Stadtarchiv dürfen eine Technik auf höchstem Qualitätsniveau nutzen, die sonst nur großen Archiven zur Verfügung steht", sagt der Bürgermeister, der Welp dankte. Vorrang haben Akten mit stadtgeschichtlicher Bedeutung, etwa Protokollbücher von Magistrat, Stadtverordnetenversammlung oder Ortsbeiräten. Auch Urkunden- und Rechnungsbücher des Zeitraums 1683 bis 2000 sowie historische Verwaltungsakten-Bestände ab 1854 haben höchste Priorität.

"Es folgt die damalige Kurzeitung, deren Papier spröde wie Glas ist und beim Anfassen zersplittert", erläutert Stadtarchivarin Faatz. Laut Wielicki musste man angesichts von rund 500 Aktenmetern zunächst festlegen, welche Dokumente priorisiert gescannt werden. Außerdem werden alte Gewerbeakten eingescannt, die eine sehr schlechte Papierqualität aufweisen. Auch die Digitalisierung von etwa 150 Archivmetern Bau-, Kanal- und Anliegerakten sowie Melderegister, Kurlisten, stadtgeschichtlich wertvolle Heimatbuchsammlungen und Druckerzeugnisse sollen nach und nach digitalisiert werden.

"Das Projekt ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer digitalen und papierlos arbeitenden Verwaltung", betont Kreß. Einen Wunsch hat das Stadtoberhaupt zum bevorstehenden Jahreswechsel: "Wir hoffen, dass sich alle an das Feuerwerksverbot halten und die Feuerwehr in diesem Jahr nicht ausrücken muss."

Ermittlungen eingestellt

Die Ursache für den Brand in der Silvesternacht 2019 war schnell geklärt. Schon am 2. Januar bestätigte die Polizei den Verdacht, dass ein Feuerwerkskörper den Brand verursacht habe. Die Staatsanwaltschaft nahm zwar Ermittlungen auf, die aber inzwischen eingestellt wurden. "Es war kein strafrechtlich relevanter Vorsatz zu erkennen", sagt Corina Weisbrod, Sprecherin der Kriminaldirektion Wetterau.

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