Mit leichter Muse, aber voller Energie hat das Kammermusikensemble des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar nach der langen Corona-Pause im großen Saal der Trinkkuranlage gespielt (v. l.) Felix Leidinger, Ariane Köster, Katharina Schumacher, Oliver Blüthgen, Christopher Blüthgen, Michael Götzen und Cathrin Wenzel.	FOTO: HMS
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Mit leichter Muse, aber voller Energie hat das Kammermusikensemble des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar nach der langen Corona-Pause im großen Saal der Trinkkuranlage gespielt (v. l.) Felix Leidinger, Ariane Köster, Katharina Schumacher, Oliver Blüthgen, Christopher Blüthgen, Michael Götzen und Cathrin Wenzel. FOTO: HMS

Wie ein Nachmittag im Café

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Man stelle sich eines der stilvollen Kaffeehäuser der europäischen Metropolen Wien, Berlin, Paris oder Budapest vor, in denen die feine Gesellschaft Kaffee, Likör und Torte genießt, leise Gespräche führt und sich von leichter Musik berieseln lässt. Kaffee und Kuchen gab es am Sonntagnachmittag in der Trinkkuranlage zwar nicht, aber eine zauberhafte Wohlfühl-Stimmung mit dem Kammermusikensemble des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erklang Livemusik in den beliebten Kaffeehäusern, von deren Eleganz und Gediegenheit man heute noch das eine oder andere Relikt finden kann. Ein kleines Ensemble spielte mit Klavierbegleitung dezent im Hintergrund Operettenarrangements, beschwingte Tanzweisen aber auch populäre Kammermusik. Das Lokalkolorit spielte in den eingängigen Melodien häufig eine Rolle, animierende Rhythmik und auch ein bisschen Virtuosität waren geboten. In dem 1909 in den neuen Bad Nauheimer Kolonnaden eröffneten großen Kaffeehaus wurde vermutlich ebenfalls solche Musik gespielt.

Zum Originalgefühl fehlte diesmal nur das leise Geplauder und das Klappern der Tassen. Dafür rückte die Musik in den Vordergrund und nahm das Publikum mit auf eine köstliche Reise, die man sich auf der Zunge zergehen lassen konnte. Sie begann und endete - vielleicht im Berliner Café Kranzler - mit Paul Lincke. Dem Ensemble mit Ariane Köster und Katharina Schumacher (Violinen), Felix Leidinger (Violine und Piano), Christopher Blüthgen (Cello), Michael Götzen (Kontrabass), Oliver Blüthgen (Piano und Flöte) und Cathrin Wenzel (Klarinette), war die Freude anzumerken, wieder vor Publikum musizieren zu können.

Kein einfaches Programm

Lebhaft und geschmeidig brachten sie den besonderen Ausdruck dieses Genres zum Klingen. Ob in Lehárs Csárdás und seinem brillant gespielten Operettenpotpourri oder bei der Offenbarung der russischen Seele im schwarzen Kaffee und erst recht im leidenschaftlichen Tango von Fred Raymond oder Villoldo: Man betrat jedes Mal eine neue Szene. Beim »Neapolitanischen Ständchen« sah man den trällernden, Espresso schwenkenden Kellner vor sich, bei Dvoráks »Humoreske« wähnte man sich im Prager Jugenstilcafé »Europa«.

Begleitmusik zu den Essens- oder Teegesellschaften gab es ja schon in Barock und Klassik, so wie der »Tambourin« mit Soloflöte von François-Joseph Gossec. Alle Lebensgeister weckte der bekannte zackige Paso Doble von Pascual Marquina. Wahrscheinlich ging auch ein Blumenverkäufer von Tisch zu Tisch und betörte mit dem duftigen Swing von »Petit Fleur« die Damen - hier war es die Klarinette, die ihre Lieblichkeit verströmte. Wie viele Liebesgrüße wohl in den Cafés verfasst und ausgesprochen wurden? Belegt ist der so zärtlich wie nachdenkliche »Salut d’Amour« von Edward Elgar.

Das Wiener-Kaffeehaus-Flair sparte sich das Ensemble in dem gelungenen, kurzweiligen und doch fast 90 Minuten dauernden Non-Stop-Programm bis zum Schluss auf. Der Marsch »Wien bleibt Wien« wird mit dem typischem Schmäh serviert: »Gnä’ Frau, darf’s noch ein Einspänner sein? Bitte gerne, der Herr Gemahl auch«. Denn dazu sollte die Kaffeehausmusik auch dienen - den Verkauf anzukurbeln. Als »Schlagobers« gab es am Sonntag zwei Zugaben und viel Applaus. Leicht war das Programm nicht. Gerade in den Potpourris galt es permanente Taktwechsel sauber zu bewältigen. Den fünf Streichern gelang sonorer Unisonoklang, Solostellen blitzten bei Klarinette und Cello auf, das Piano machte flott Tempo und die erste Violine schwebte oft in höchsten Tönen.

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