agl_Lacrima_160721_4c
+
Einen Todesfall in der Familie zu verkraften ist natürlich auch für Kinder sehr schwer. In den Lacrima-Trauergruppen werden sie aufgefangen. Nun gibt es in Bad Nauheim wieder Treffen vor Ort - ohne Zoom und ohne Bildschirm.

Lichtblick in der Trauer

Nach Suizid in der Familie: Hinterbliebene treffen sich wieder in Bad Nauheim

  • Christoph Agel
    VonChristoph Agel
    schließen

Die Lacrima-Trauergruppe in Bad Nauheim ist für Familien da, in denen sich jemand das Leben genommen hat. Monatelang haben sich die Hinterbliebenen digital getroffen. Nun geht es wieder raus.

Gerade wenn der Todesfall noch nicht lange her ist, vergessen sie sich selbst«, sagt Melanie Hinze über die Mütter, die ihren Mann verloren haben. Durch Suizid, den Tod, der die Familie mit einer besonders schweren Last und quälenden Fragen zurücklässt. Hinze leitet Gruppen des Trauerprojekts Lacrima, das zur Johanniter-Unfall-Hilfe gehört. In Bad Nauheim treffen sich seit einigen Jahren Kinder und ihre Mütter - auch Väter dürften teilnehmen, wenn sie die Hinterbliebenen sind - in einem Kreis, in dem alle Ähnliches erlebt haben. Trauer, die verbindet. Aus den Kindern sind Jugendliche geworden, alle sind noch dabei, neue Trauernde sind hinzu gekommen.

Mit den Treffen war es in den vergangenen Monaten schwierig, vom ersten Lockdown-Tag an wurden sie ins Internet verlegt. Zoom statt Umarmungen. Doch mit der zumindest teilweisen Entspannung der Corona-Lage kamen die echten Treffen wieder. Nun kommen die Jugendlichen und ihre Mütter im Außenbereich des »Schweizer Milchhäuschens« im Kurpark zusammen. Solange das Wetter mitspielt und noch nicht alle Teilnemer durchgeimpft sind, soll es auch draußen weitergehen, »Weil es sonst bei den Kindern dazu führt, dass Ängste aufkommen«, sagt Hinze.

Eine Form der Sozialphobie

Denn Corona hat auch was mit diesen Jugendlichen gemacht. Das Leben weitgehend in den eigenen vier Wänden habe zu einer Form der Sozialphobie geführt. Die gelte es jetzt zu überwinden. Die ersten Treffen bei Kuchen & Co. haben das Eis ein Stück weit zum Schmelzen gebracht.

Corona und Angst, da ist noch etwas hängen geblieben: Die Teenager haben große Angst, dass das verbliebene Elternteil an Corona erkranken und sterben könnte. Dann hätten sie niemanden mehr. Auch deshalb haben sich alle Mütter aus der Gruppe impfen lassen. Das gilt auch für die Jugendlichen selbst. »Alle, die dürfen, sind geimpft«, sagt Hinze.

Corona, die Pandemie, sie ist ein Krampf, das Lockern ist nicht so einfach. Vor allem dann nicht, wenn der Tod eines geliebten Menschen einen mit Wucht getroffen hat und die Pandemie auch für den Tod steht. Umso wichtiger ist es, dass sich die Familien mit anderen Familien treffen, die die gleiche Last mit sich herum tragen.

Wenn dann noch Mobbing geschieht

Melanie Hinze spricht über Mobbing, von Gleichaltrigen an Kindern und Jugendlichen verübt. Da kommt es schonmal vor, dass derjenige, dessen Vater sich das Leben genommen hat, noch fertig gemacht wird, wegen des Suizids in der Familie. So etwas geschieht in den Lacrima-Gruppen nicht, hier hört man einander zu, man weint zusammen, man lacht zusammen. Neulich gab es eine Wasserbombenschlacht, die aufgeplatzten Ballons wurden aufgesammelt.

Die Gemeinschaft ist wieder da. Die Jugendlichen, die schon lange dabei sind, lauschen den Worten, die die Neuen sprechen. Hören sich ihr Schicksal an, das dem eigenen so ähnlich ist. »Sie haben eine so große Vertrauensbasis, dass man von Tag eins an nicht merkt, wer die Neuen sind«, sagt Melanie Hinze. Auch den Rahmen findet die Gruppenleiterin optimal. Einfach mal ein Stück Kuchen oder etwas anderes essen, etwas zu trinken bestellen, das lockere die Atmosphäre auf. Gemeinsam essen für die Seele. Da ist Hinze auch dem Team vom »Milchhäuschen« dankbar, das gut damit umgehe, wenn am Tisch geweint werde, und das sich toll um die Jugendlichen kümmere.

Geweint wurde auch während der digitalen Treffen via Zoom - mehr als sonst, sagt Hinze. Dann hat sie das Meeting verlassen und mit dem Kind, das gerade besonders traurig gewesen ist, telefoniert.

Jetzt sieht man sich wieder direkt, und das ganz ohne Bildschirm. Am wichtigsten sei es nun, zu lachen und zu weinen. »Wir dürfen die Kinder nicht in den Arm nehmen, wie wir es sonst gemacht haben. Aber wir dürfen schon wieder Taschentücher reichen. Und das ist schonmal eine Menge wert.«

Gruppen, Mitarbeit, Spenden

Aktuell besuchen zwölf Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren die Bad Nauheimer Lacrima-Trauergruppe nach Suizid. Auch Mütter kommen zu den Treffen. In fast allen Fällen hat sich der Vater das Leben genommen, in zwei Fällen ein Geschwisterkind. Wenn Männer die Hinterbliebenen sind, dann können natürlich auch sie an den Gruppentreffen teilnehmen. In Bad Nauheim ist eine weitere Gruppe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geplant, die den Tod eines lieben Menschen zu verkraften haben - dabei geht es um Todesfälle nach Krankheit oder Unfall. Solch eine Gruppe hat Lacrima in Frankfurt bereits gegründet. Dort kommen Kinder im Alter von etwa sechs bis zwölf Jahren zusammen. Eine Gruppe für Sechs- bis Zwölfjährige, die nach einem Suizid in der Familie trauern, ist in Frankfurt in Planung.

Lacrima-Mitarbeiterin Melanie Hinze leitet nicht nur Gruppen, sie bildet auch Menschen zu ehrenamtlichen Trauerbegleitern aus. Eine solche Ausbildung dauert etwa ein halbes Jahr, insgesamt müssen rund 80 Stunden eingeplant werden. Wer sich ein solches Engagement vorstellen kann, sollte sich bis Anfang September per Mail an melanie.hinze@johanniter.de wenden, denn wahrscheinlich wird der nächste Kurs im September oder im Oktober beginnen. An diese Adresse kann man auch mailen, wenn man an einer der Gruppen teilnehmen möchte. Die Teilnahme an den Gruppentreffen ist für Familien kostenlos. Lacrima ist auf Spenden angewiesen - wer spenden möchte, kann dies auf folgende Konten tun: Frankfurter Sparkasse, IBAN DE88 5005 0201 0000 2487 20 oder Volksbank Mittelhessen, IBAN DE08 5139 0000 0090 0524 03.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare