Echte Kerzen sind bei den Trauergruppen-Treffen vor Ort angezündet worden - als festes Ritual. Derzeit kommen vor den Bildschirmen LED-Kerzen zum Einsatz.	ARCHIVFOTO: CHRISTOPH AGEL
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Echte Kerzen sind bei den Trauergruppen-Treffen vor Ort angezündet worden - als festes Ritual. Derzeit kommen vor den Bildschirmen LED-Kerzen zum Einsatz. ARCHIVFOTO: CHRISTOPH AGEL

Trauergruppe in Bad Nauheim

Nach Suizid in der Familie: Trauer, Wut und Schuldgefühle

  • Christoph Agel
    vonChristoph Agel
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Wenn ein Mensch sich das Leben genommen hat, kommen verschiedene Gefühle zusammen. Sie aufzufangen, ist Sinn der Lacrima-Trauergruppen in Bad Nauheim. Die Treffen sind derzeit digital.

Wer stirbt, hinterlässt Trauer. Wer sich das Leben nimmt, ruft auch noch andere Emotionen hervor: Wut und Schuldgefühle. Hätte ich dem Ehemann, der Ehefrau mehr abnehmen oder besser zuhören müssen, hätte ich die Tabletten verstecken müssen? Hätte ich mein Zimmer aufgeräumt, hätte sich Mama oder Papa dann nicht umgebracht? Ein Suizid wirft Fragen auf, bei den Partnern, bei den Kindern. Und die Wut ist eben auch da. Darüber, dass er oder sie die Familie im Stich gelassen hat. Gerade jetzt in Corona-Zeiten, in denen Home Schooling bewältigt werden muss, den Kindern die Decke auf den Kopf fällt und das Geld knapp werden kann.

»Wenn jemand an Krebs erkrankt ist, dann habe ich ja den Schuldigen, nämlich den Krebs«, sagt Melanie Hinze. Sie leitet die Trauergruppen von Lacrima in Bad Nauheim und Frankfurt. Seit April 2020 haben Hinze und ihr Team die Gruppentreffen coronabedingt ins Internet verlagert. Der Frankfurter Gruppe gehören Menschen an, die um einen Lieben trauern, der an einer Krankheit oder bei einem Unfall gestorben ist, in Bad Nauheim kommen - derzeit an den Bildschirmen - Elternteile und Kinder nach einen Suizid in der Familie zusammen.

Die Schuldfrage stehe nach einem Selbstmord deutlich im Vordergrund, sagt Hinze. »Hätte ich etwas anderes machen können, damit er eine andere Entscheidung getroffen hätte?« Und die Wut? Die sei vor allem bei den Partnern da, zumal wegen der Pandemie eine noch größere Verantwortung für die Kinder auf ihren Schultern laste. Hinze sagt aber auch, dass dem Suizid ebenfalls eine Krankheit vorausgehe. Ein Junge habe mal gesagt: »Mein Vater ist an den Folgen einer Depression gestorben.«

Wichtig, die Gesichter zu sehen

Über die Gefühle, den Alltag, die Probleme sprechen - dafür geben die Gruppentreffen Raum. Rituale gehören dazu: So kann jedes Kind in der Trauergruppe gegen eine Klangschale schlagen und eine Kerze anzünden. Dann denken alle an das Elternteil, das nicht mehr da ist. Oder derjenige, der die Kerze anzündet, erzählt von einem Erlebnis, das er gehabt hat. In Zeiten der Pandemie sollten Kinder, wenn sie klein sind, nicht alleine vor dem Rechner eine Kerze anzünden, das Ritual soll aber auch nicht wegfallen. »Alle Eltern haben LED-Kerzen und eine Tischglocke besorgt«, sagt Melanie Hinze. »Wir mussten grundlegend alles umstellen«, verweist die Leiterin auf die Veränderungen, die die Pandemie auch für die Lacrima-Gruppen mit sich gebracht hat. Die Kinder in den Arm nehmen, das geht derzeit nicht. Aber reden geht. »Es ist wichtig, dass wir die Gesichter sehen. Vom Hören kann man nicht ablesen, wie es den Kindern geht«, erklärt Hinze. Respekt ist in der Gruppe wichtig, einander ärgern, auslachen oder mobben, das ist tabu. Gibt es gerade keinen Austausch über die Trauer, dann wird eine Geschichte vorgelesen, und die Kinder malen dazu. Oder alle spielen zusammen eine Runde »Stadt, Land, Fluss, Name, Tier, Beruf, Schimpfwort«. »Es muss auch was zum Lachen geben«, sagt Hinze.

Die virtuelle Umarmung

In der Gruppe, in der sich die Eltern in diesen Zeiten digital treffen, tauschen diese sich aus, es wird gemeinsam geweint, vor den Bildschirmen Tee oder Wein getrunken. Es wird über Home Schooling gesprochen, darüber, wie Weihnachten gewesen ist und was im Leben nun alles anders ist. Zeit zum Runterkommen vor dem Rechner.

Als sich die Gruppe noch vor Ort getroffen habe, sei die Atmosphäre spürbarer gewesen, sagt Melanie Hinze. Die digitalen Treffen brächten die Herausforderung mit sich, alle im Blick zu behalten. Aber dafür sei man ja auch ein Team. Neben den Gesprächen über die Videos gibt es auch die Chat-Funktion, die zum Austausch privater Angelegenheiten gerne genutzt wird.

Ob analoges oder digitales Treffen - die Gefühle sind die gleichen. Das gilt auch für die Verbundenheit mit Menschen, denen es ähnlich geht. Die Trauer braucht Trost. Oder wie es eine Mutter in einer Gruppe sagte: »Ich brauche gerade meine virtuelle Umarmung.«

Lacrima: Pläne und Unterstützung

Die Mitarbeiter von Lacrima engagieren sich unter dem Dach der Johanniter. Derzeit gehören den Trauergruppen in Frankfurt und Bad Nauheim insgesamt 18 Familien an. Melanie Hinze als Leiterin und zwölf Ehrenamtliche kümmern sich. Wer an einer der Lacrima-Gruppen teilnehmen möchte, wird gebeten, sich vorher unter der Telefonnummer 069/3 66 00 67 00 oder unter Tel. 01 73/7 36 54 72 zu melden. Die Teilnahme an den Gruppen ist kostenlos. Die Arbeit von Lacrima wird durch Spenden finanziert. Wer spenden möchte, kann dies auf folgende Konten tun: Frankfurter Sparkasse, IBAN DE88 5005 0201 0000 2487 20 oder Volksbank Mittelhessen, IBAN DE08 5139 0000 0090 0524 03. Benötigt werden außerdem Sachspenden; konkret geht es um Kinderbücher zum Thema Trauer und um alte Schlüssel, die als »Schlüssel der Erinnerung« für ein Ritual in der Lacrima-Trauerarbeit genutzt werden. Derzeit laufen Überlegungen, eine Online-Trauergruppe zu etablieren, die sich an junge Erwachsene wenden soll. Menschen, die sich darin oder anderweitig ehrenamtlich bei Lacrima engagieren möchten, sind willkommen, Außerdem soll in Bad Nauheim eine Gruppe für Interessierten aufgebaut werden, die einen geliebten Menschen durch Krankheit oder Unfall verloren haben. Dafür werden Leute gebraucht, die sich für ein Engagement ausbilden lassen möchten. Die sechsmonatige Online-Ausbildung zur Trauerbegleitung wird wahrscheinlich im Februar beginnen. Melanie Hinze bringt auf den Punkt, was Ehrenamtliche bei Lacrima brauchen: »Ein großes Herz und ein gutes Bauchgefühl«.

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